Wie man sich trifft, so reist man

Autoren: Ralf Buengener und Oliver H. Herde

Vinsalt, Efferd 2523 Horas.
Wutentbrannt stürmt Jana aus dem Kontor. 'Ein Al'Anfaner! Ausgerechnet ein Al'Anfaner.' Dabei ist es noch nicht einmal ein Jahr her, dass die Al'Anfaner ihren geliebten Vater ermordet haben. Und so einer soll sie jetzt beschützen? Da fühlt sie sich sicherer, wenn sie allein reist.
Während diese Gedanken durch den Kopf unter dem schwarzen Haarknoten hinter dem blassen, aber jetzt zorngeröteten Gesicht ziehen, ist die junge Schauspielerin in der eng geschnittenen ledernen Reisekleidung schnellen Schrittes weitergelaufen. Erst mitten auf dem Platz verlangsamt sie ihre Schritte und sieht sich um, den breitkrempigen Lederhut mit der Feder hat sie dabei immer noch in der Hand. Sie bemerkt eine kleine Gruppe von Menschen, die am Rande des Platzes etwas betrachtet.
Was es ist, kann Jana nicht erkennen, aber es scheint sich um einen Gaukler zu handeln, der dort etwas vorführt. 'Vielleicht lenkt mich das ja von meinem Ärger ab', hofft sie neugierig geworden und drängelt sich durch die Menge, bis sie sehen kann.
Siehe da, umringt von den Leuten findet sich ein schlaksiger junger Mann mit rotblondem Haar, welches wie vom Winde zerzaust zu allen Seiten vom Schädel ragt. Angetan mit bunter Kleidung, jongliert er soeben mit vier verschiedenfarbigen Stoffbällen und... einer Knackwurst, von der er zwischendurch immer wieder einmal abbeißt! Dazu zitiert er kauend und schmatzend, aber dennoch gut verständlich:
"Ich weiß wohl, ihr Herren und Damen,
es entspricht nicht dem hiesigen Rahmen,
zu sprechen mit vollem Munde.
Und doch rufe ich in die Runde:
'Werft Geld und Speisen nur her,
denn mein Magen ist immer noch leer!'"
Schnell hat sich Jana mit schlängelnden Bewegungen und entschuldigendem Augenaufschlag in die erste Reihe gedrängelt. Ihr Plan funktioniert, schon werden die düsteren Gedanken durch heitere ersetzt. Sie erinnert sich an die schönste Zeit ihres Lebens, als ihr Vater nach zwei Jahren des Bettelns endlich nachgab und sie einen Sommer lang mit den Gauklern durchs Land ziehen durfte. Sie hatten auch einen Jongleur in ihrer Truppe. Aber dieser hier ist nicht nur gut, sondern auch lustig. Als er sein Sprüchlein aufsagt, schmunzelt sie schon.
Proviant für die Reise hatte sie schon eingepackt. Die junge Frau setzt den Hut auf, um die Hand freizubekommen, und kramt in ihrem Beutel. Triumphierend grinsend befördert sie eine Hartwurst zu Tage.
Dann tritt sie aus der Zuschauertraube und stellt sich vor den Jongleur, wobei sie darauf achtet, ihm genug Platz zum Jonglieren zu lassen. Aufmerksam beobachtet sie, wie die Bälle fliegen. Dann hält sie ihm mit ausgestrecktem Arm zwischen den fliegenden Bällen hindurch die Wurst vor den Mund, so dass er nur noch zubeißen muss. Auffordernd zwinkert sie ihm zu.
Jener schmunzelt sie zunächst etwas schief an. So eine ist das also. Kann nicht werfen, sondern will lieber füttern! Nicht, dass das ein Problem wäre. "Ah, da ist schon eine gutherzige und noch dazu hübsche Spenderin!"
Für einen Moment huschen alle vorrätigen Augenpaare Jana zu, sie zu mustern. Manche kehren zu dem Gaukler zurück und beobachten wie er sich in einer Weise ihr nähert, bei der er ihr zugleich den Rücken zukehren muss, will er nicht mit dem Rotieren und Verwirbeln von Bällen und Wurst enden. Dies hindert ihn nicht, mit den Augen weitgehend bei ihr zu bleiben. Fast scheint er den Hals einer Eule zu haben, aber auch sonst beweist er hohe Beweglichkeit, wie er sich ihr nun entgegenbeugt und die Lippen öffnet.
Als sich die Aufmerksamkeit ihr zuwendet, dreht sich Jana halb zum Publikum und deutet einen Knicks an. Dabei bemüht sie sich, die Wurst still zu halten.
So plötzlich in die Vorführung hineingezogen, erinnert sie sich daran, wie sie als Assistentin des Jahrmarktzauberers fungierte. Schmerzlich wird ihr bewusst, dass ihre Reisekleidung leider in keiner Weise dem üblichen Assistentinnenkostüm angemessen ist. Dann aber verblasst der Gedanke an das rote und weiße Kostüm mit dem knappen Rock, das sie damals als kleines Mädchen, tragen durfte.
Stattdessen betrachtet sie fasziniert, wie er sich verdreht. Sie hält die Beute knapp vor seinen Mund, um ihn zu Höchstleistungen anzuspornen. Als er schließlich die Lippen öffnet, schiebt sie die Wurst vorsichtig, fast zärtlich dazwischen.
Dann klatscht sie mit den nunmehr freien Händen. Sie dreht sich zum Publikum: "Applaus für den gelenkigen Gaukler!" und tritt applaudierend ein Stück zur Seite.
Es gibt mehrere Kleinigkeiten, welche den Artisten an der kleinen Reisenden ansprechen, darunter im Vordergrunde ihre tolle Mitarbeit. Lächelnd zwinkert er ihr ein Danke zu, als die Wurst seinen Mund erreicht. Nur ein kleines Stück beißt er ab, der Rest ragt noch heraus, während er ein wenig zu kauen beginnt.
Kaum dass sie gesprochen hat, fügt er in einem weit buchstäblicheren als dem üblichen Wortsinn vollmundig hinzu: "Umb bie befaubermbe Affiftempim!" Dabei wirft er seine anderen Utensilien etwas höher empor, weist kurz mit beiden Händen auf das Fräulein, um dann die Bälle und das andere Würstchen quasi aus der Luft einzusammeln und fortzufahren. "Hat jemand etwas Brot oder Käse dazu?"
Tatsächlich löst sich einen Moment später ein Mädchen aus dem Personenkreis, bricht von dem anscheinend schon etwas angebissenen Laib unter dem Arme ein Stück etwa in der Größe der Bälle ab und wirft es etwas ungelenk zu ihm. Dies aufzufangen und in den Reigen der wirbelnden Gegenstände einzureihen, bereitet ihm keine besondere Schwierigkeit.
Einen weiteren Applaus später beendet der Mann seine Vorstellung, verbeugt sich und wendet sich schließlich Jana zu, derweil sich die Menge langsam auflöst.
"Bravo!" ruft Jana, als der Gaukler das Brot auffängt, und sie klatscht, um das Publikum zum Applaudieren zu animieren. "Jubelt dem Jongleur zu!" Sie zieht ihren Hut und beginnt eine Runde durch die Zuschauer, bevor sie sich verdrücken können. "Helft dem hungrigen Harlekin. Gebt dem großartigen, gelenkigen Gaukler", regt sie zum Spenden an. Wenn jemand weniger gibt, als er seiner Kleidung nach vermag, erntet er ein Stirnrunzeln. Will jemand sich drücken, folgt ihm ein weithin hörbares "Tststs!" Wer hingegen großzügig ist, wird mit einem strahlenden Lächeln oder gar einer Kusshand belohnt. Auf diese Weise sammelt die Assistentin deutlich mehr, als sich normalerweise in einem auf den Boden gestellten Hut findet.
Schließlich hat sie ihre Runde beendet. Während die Zuschauer nun gehen dürfen, wendet sie sich dem Gaukler zu. Sie hält ihm den Hut offen hin, so dass er hineinschauen und -greifen kann. "Das ist für dich."
'Nimm ruhig, Du hast es verdient', will Jana gerade entgegnen, als eine Bewegung ihre Aufmerksamkeit erregt. Entgegen der von ihnen wegstrebenden Menschen kommt etwas näher. "Die Stadtgarde, lass uns schnell verschwinden!" Sie packt den Jongleur am Ärmel und zieht ihn mit sich auf ein gesatteltes Pferd zu, das vor dem Kontor, das sie vor wenigen Minuten verlassen hat, angebunden ist. "Wenn die auftauchen, wollen sie entweder Schmiergeld oder mich gleich verhaften", schimpft sie auf dem Weg.
Der Gaukler scheint diese kleine Entführung als überaus angenehm und zunehmend lustig zu empfinden, wenn man seinem zu einem Grinsen werdenden Lächeln glauben schenken darf. "Oh, Hilfe!" flüstert er durch seine hohle Faust wie aus einem tiefen Brunnen heraus. Zugleich aber macht er keine Anstalten, sich zu wehren. Statt dessen hält er problemlos mit Janas Schritt mit, als sei es ein Spaziergang.
"Geht auch Schmieröl?" fragt er, nachdem die Hand wieder gesunken ist. "Wem bist du auf die Füße getreten?"
Von ihm scheinbar unbeachtet, rutscht der erste der Verfolger auf irgend etwas aus; der zweite stolpert über den ersten.
"Schmieröl?" Jana muss lachen, als sie das Missgeschick der Verfolger sieht. "Ich weiß auch nicht. Immer wenn ich irgendwo Musik mache, beschwert sich irgendwer und sie kommen an. Ich bin vielleicht nicht so gut wie Jean, aber so schlimm ist es nun auch nicht."
Inzwischen sind sie beim Pferd angekommen. Jana drückt dem Gaukler den Hut mit den restlichen Münzen in die Hand und macht die Zügel los. Der Hut fühlt sich schwerer an, als er trotz der Münzen sein sollte.
Dann schwingt sie sich in den Sattel. Den Steigbügel lässt sie für den Gaukkler frei und reicht einen Arm hinunter, um ihm zu helfen, hinter ihr aufzusteigen.
Jener denkt keinen Moment darüber nach, weswegen er aufsteigen sollte oder wohin es gehen mag. Eher schon macht der Hut neugierig, aber vermutlich ist darin eh nur eine Waffe versteckt, also erspart sich der junge Mann die Enttäuschung und hoppst erst einmal hinauf hinter das Fräulein. Dabei hat es den Anschein, als übersehe er den Steigbügel völlig und nutze auch die Hand nur aus Vertraulichkeit anstatt zur Hilfestellung.
"Auf, auf und davohon!" singt er in einer offenbar improvisierten Melodei. Dann fragt er in unvermittelt kindlichem Ernst: "Kommt jetzt die Jiha-Szene?" wobei er sie mit großen Augen anblinzelt.
Das Pferd bäumt sich auf, steigt auf die Hinterhufe und wiehert. Die Reiterin schwingt ihre Waffe in die Luft, ruft 'Jiiihaaa!' und sprengt davon. So ungefähr müsste man die Szene im Theater darstellen. 'Rosendorn beritten, das wäre etwas!' Und so gewandt, wie der junge Mann aufgesprungen ist, hätte er wohl auch keine Probleme, sich auf dem Pferd zu halten. Bei sich selber ist Jana da aber nicht ganz so sicher. Zumal es sich um ein Mietross handelt, das sie erst seit zwei Meilen kennt. 'Obwohl, warum eigentlich nicht?' Ohne noch lange über Konsequenzen nachzudenken, drückt sie dem Warunker die Fersen in die Flanken und nimmt energisch die Zügel an.
Das Pferd bäumt sich auf und steigt auf die Hinterhufe. Die Reiterin hat alle Hände voll zu tun und lässt die Waffe deshalb stecken. Sie ruft "Jiiihaaa!" und sprengt davon. 'Habe ich das wirklich gerade getan? Was für ein Abgang!' denkt die Schauspielerin ungläubig, während sie das Pferd im Galopp über die breite Straße Richtung Westtor lenkt. Als sie sich nach ihren Verfolgern umblickt, kann ihr Passagier das Hochgefühl aus Begeisterung und Stolz in ihrem von Aufregung geröteten Gesicht ablesen.
Jener lächelt sie befriedigt und wohlwollend an, nachdem er eben noch über ihren Ausruf gejauchzt hat. Es ist doch immer wieder schön zu sehen, wenn sich jemand selbst entdeckt. "Sehr gut!" lobt er, enthält sich aber weiterer Kommentare. Das Woher und Wohin wird sich ebenso wie das Wer schon noch von selbst ergeben.
Seine Arme haben inzwischen irgendwann ganz unbemerkt sanft um ihrem Rumpf herumgefunden. Schön kuschelig, auch wenn es etwas ruckelt!
Das kuschelige Gefühl stammt von der wattierten Unterkleidung. Die Frau muss also deutlich schlanker sein, als sie von außen aussieht.
Als keine Verfolger zu sehen sind und das Pferd sich dem Tor nähert, pariert Jana zum Schritt durch. Erst jetzt folgen Gedanken den Bewegungen. Sie bemerkt, dass der Hut wieder auf ihrem Kopf sitzt. Wann ist das denn passiert? Außerdem spürt sie, dass ihr unverhoffter Begleiter sich an ihr festhält. Gut so.
"Willst du mitkommen?" fragt sie, wobei sie sich halb umdreht. Aus ihren großen, dunklen Augen sieht sie den jungen Mann, der sich so an sie schmiegt, mit einem leicht verschwörerischen Lächeln an. Ein besserer Begleiter als der Al'Anfaner ist er allemal, das hat er schon bewiesen. Und zu zweit ist die Reise weniger langweilig. "Nach Bethana", fügt sie erklärend hinzu.
"Ja, warum nicht!" erwidert der Bursche. Da war er zwar schon einmal, aber im Grunde findet man überall schöne Flecken, womit der Ort des Seins eigentlich völlig gleichgültig ist. Aber ein bisschen neugierig darf man dann ja doch sein: "Was machst du dann da?"
"Dort werde ich ein Schiff besteigen und in Sicherheit sein", antwortet die junge Frau lächelnd. "Mein Bruder meint, dass ich Schutz für die Reise brauche." Ihr Tonfall lässt vermuten, dass sie da anderer Meinung ist. "Aber der Begleiter, den er für mich ausgesucht hat, gefällt mir nicht." Sie verzieht angewidert das Gesicht.
Schnell kehrt aber ein bezauberndes Lächeln zurück, gepaart mit einem bettelnden Augenaufschlag: "Kannst du mich nicht beschützen?"
Ein Ruf bringt Jana dazu, wieder nach vorne zu schauen und sie kann gerade noch einen Zusammenstoß mit einem vollbeladenen Karren verhindern. "Hoppala!" kommentiert sie leise lachend, während der Fuhrmann flucht und auf Praiostagsreiter und Frauen am Zügel schimpft.
"Prima!" freut sich die junge Frau und wenn sie nicht die Zügel halten müsste, hätte sie jetzt in die Hände geklatscht.
"Nein", nimmt sie dann ihren Bruder in Schutz, "er will ja nicht über mich bestimmen. Er sorgt sich nur um mich, wie es sich für einen großen Bruder gehört." Sie nickt energisch. "Und ausgesucht hat den wahrscheinlich dieser unsympathische Spediteur. Der hat ja keine Ahnung..."
Wovon er keine Ahnung hat, bleibt für den Augenblick offen, denn jetzt erreichen die Reiter das Tor. Die Wachen mustern sie kritisch und erhalten im Gegenzug von Jana ein strahlendes Lächeln. Die beiden werden durchgewunken, und die Gardisten wünschen noch eine "Gute Reise."
Artig bedankt sich die junge Frau und lässt das Stadttor hinter sich. Die Stadt hingegen endet hier noch nicht. Beiderseits der Yaquirstraße drängen sich Hütten, Verkaufsstände, manchmal sogar veritable Häuser. "Brauchen wir noch was?"
"Käse", ist des Gauklers erster Gedanke. Brot und Würste scheinen längst irgendwo verschwunden zu sein. Entweder hat er sie in die Beutelchen verteilt oder in einem unbeobachteten Moment verschlungen.
"Ach, wie aufregend!" stellt er fest und legt den Kopf auf Janas Schulter, dass die Zähne im Rhythmus des Ritts aufeinanderklappern. "Gejagt von einem Speditör!" Was immer das sein mag!
"Gute Idee." Jana hat nur Verpflegung für sich selber eingepackt und einen beträchtlichen Anteil vorhin in den Mund des Gauklers gestopft. Am Stand eines Bauern, der Lebensmittel feilhält, hält sie an.
Der Bauer kommt sogleich eilfertig zum Pferd geeilt, um nach ihren Wünschen zu fragen. Aber Jana hat sich überlegt, dass zwei Reiter und die Satteltaschen auf die Dauer zu viel für das Reittier sein könnten, deshalb schlägt sie vor: "Lass und mal absteigen und sehen, was es hier gibt." Dann wartet sie, bis ihr Begleiter abgestiegen ist, damit sie selber das Bein hinüberschwingen kann.
Dem scheint momentan alles recht zu sein, denn sein ebenfalls fast kindlich zu nennendes schwungvolles Absitzen spricht ebenfalls dafür, dass er seine Reiseleiterin voll als solche anerkennt. Unten angekommen, wandern seine Hände erst einmal untätig abwartend hinter den Rücken, während er aufmerksam umherblickt.
Auch die Reiseleiterin steigt einigermaßen schwungvoll vom Ross. Unten angekommen, ignoriert sie allerdings den dienstbereit stehenden Bauern; stattdessen wendet sie sich ihrem neuernannten Beschützer zu. Sie mustert ihn einen Augenblick lang aufmerksam von oben bis unten. Der schlaksige junge Mann hat wild zerzaustes rotblondes Haar, welches zu allen Seiten vom Schädel fortragt. Im stupsnasigen Gesicht fallen vor allem die großen neugierigen Augen auf.
Getragen wird recht bunt zusammengewürfelte Kleidung: Unter einem kurzärmeligen dunkelroten Hemd ragen die langen blauen Ärmel eines anderen hervor, am Unterleib mit einem gelb-schwarz gestickten Stoffgürtel zusammengehalten, an welchem einige kleinere Beutel und ein Messer in Lederscheide hängen. Die körperbetonende Hose hat ein grünes und ein violettes Bein und verschwindet unten in schmuddeligen Stiefeln mit breiten kurzen Fransen um die Schäfte.
Schließlich ergreift Jana das Wort: "Ich denke, dies ist eine hervorragende Gelegenheit, die inzwischen überfällig erscheinende Vorstellung nachzuholen." Sie drückt dem verdutzten Bauern die Zügel in die Hand. Dann zieht sie den Hut und schafft es, diese Bewegung elegant mit einem gar nicht dazu passenden, formvollendeten Knicks zu verbinden. "Mein Name ist Jana Daminovicz, Schauspielerin an der Studio-Bühne zu Vinsalt", verkündet sie stolz. "Ich bin sehr erfreut, deine Bekanntschaft zu machen." Gespannt erwartet sie nun seine Vorstellung.
Ganz wie gezeigt, versucht der Kerl das Fräulein nachzuahmen und stellt sich dabei recht geschickt an: Fast meint man, den gezogenen Hut sehen zu können, wobei sein Knicks ebenso grazil und feminin ist, wie der Janas. "Ich bin Widumir, Schausteller auf der Bühne der Welt", ist seine zugehörige Verlautbarung, "und überaus genauso erfreut."
"Oh nein, die Freude ist ganz auf meiner Seite, Widumir", wehrt Jana ab. Dann fragt sie schalkhaft: "Ist es dir recht, wenn ich keine Scherze über deinen Namen mache? Bist du schon lange in der Stadt oder kommst du viel herum? Warst du schon mal in Bethana? Trittst du immer alleine auf? Was möchtest du essen?" purzeln die Fragen nur so aus ihr heraus.
Sie setzt den Hut wieder auf den Kopf und verstaut die widerspenstige Strähne darunter.
Schon will sich Widerspruch regen, die Freude sei auf seiner Seite mehr als auf ihrer, doch erst müssen die Fragen. Ob die Fragestellerin mit den überaus aufmerksamen Antworten etwas anfangen kann, betrachtet Widumir allerdings als ihr Problem: "Ja, neinja, ja, ja, Käse."
Ein Einfall durchzuckt ihn sichtlich und lässt seine Augen sich etwas weiten. "Und Hühnchen!"
Jana blickt Widumir leicht verwirrt an. Es ist offensichtlich, dass sie sich nicht mehr an die Reihenfolge ihrer Fragen erinnert. "Äh, ja. Dann fangen wir doch erstmal mit dem Naheliegenden an." Sie wendet sich dem immer noch geduldig ihr Pferd haltenden Bauern zu. "Also, wir brauchen Käse, Wurst und Brot. Und habt ihr Hühnchen?"
"Sicher, meine Dame, darf ich euer Pferd solange hier festmachen?" Nachdem die Dame bestätigt hat und das erledigt ist, folgt sie ihm zum Stand, wo er auf seine Auswahl an Käse, Wurst und Brot sowie einen geflochtenen Käfig mit lebenden Hühnern deutet. "Welches darf's denn sein?"
Die Schauspielerin wird blass und weicht etwas zurück bei dem Gedanken, ein Hühnchen rupfen, ausnehmen, zerlegen oder braten zu müssen. Sie ist doch keine Köchin. Hilfesuchend blickt sie sich um: "Widumir, kannst du das zubereiten? Und vorbereiten? Und... alles halt?"
Jener reibt sich grüblerisch das Kinn, den Blick fest auf die nicht eben wunderschönen Tiere geheftet. "Das käme wohl auf den Versuch an..." Sein Augenmerk richtet sich dann aus einem schiefgelegten Kopf heraus auf Jana.
'O-oh', denkt Jana. "He, schau mich nicht so an! Ich kann dir eine hautschmeidigmachende, glänzigende Salbe kochen oder einen Liebestrunk, aber nicht so etwas", erklärt sie bestimmt. "Und glaub bloß nicht, dass ich so ein totes oder lebendes Ding anfasse. Dafür gibt es doch Gasthäuser und Köchinnen, wo wir heute Abend einkehren. Schließlich ist das hier die Yaquirstraße und nicht irgendeine götterverlassene Wildnis."
Verwundert über diesen mutmaßlichen Sinneswande, hebt Widumir beide Brauen - und man muss anmerken, dass er dies vergleichsweise hoch schafft. "Aber eben wolltest du doch noch eines von diesen!" Sein Achselzucken beendet das Thema von seiner Seite her. Wenn Jana ihm später ein fertig gebratenes Hühnchen statt jetzt ein lebendes spendieren will, ist ihm das natürlich auch recht. Hat man Vertrauen zu den Leuten, ist einem der Spatz in der Hand nicht mehr so wichtig wie das gebratene Huhn auf dem Dach.
Etwas anderes beschäftigt ihn jetzt mehr: "Wie schmeckt denn so eine Salbe oder so ein Trunk?" Schließlich steht es außer Frage, dass sie ihm dergleichen zum Verzehr angeboten hat!
Jana folgt dem langen Weg der Brauen mit den Augen. Dann muss sie lachen: "Wie schmeckt die Salbe? Die ist doch nicht zum Essen... Eigentlich ein bisschen wie Kräuterbutter, wegen des Salbenfetts und der Blumen darin. Der Liebestrunk ist natürlich geschmacklos, damit man ihn unbemerkt in ein Getränk geben kann. Ich würde schätzen, süßer Wein oder Bosparanjer dürfte das häufigste Substrat sein."
Schwungvoll dreht sich die Schauspielerin dem Verkäufer zu: "Dann lassen wir das mit dem Huhn wohl erst einmal. Stattdessen nehmen wir eine Wurst", sie deutet auf eine, die der ähnelt, die Widumir mutmaßlich verzehrt hat, "ein Stück von diesem Käse und einen Laib Brot."
Sie sieht sich um und entdeckt ein Fass mit frischen Äpfeln. Erfreut eilt sie darauf zu, nimmt einen Apfel heraus, wirft ihn hoch, fängt ihn wieder auf und riecht genüsslich daran. "Und ein halbes Dutzend von diesen Äpfeln. Oder mit wie vielen kannst du gleichzeitig jonglieren, Widumir?" Sie wirft ihm den Apfel zu.
Zuerst will Widumir die Verrücktheiten dieses Wesens gern akzeptieren und darüber hinwegsehen. Auch wenn es schon bemerkenswert ist, wie viel Unsinn es daherplappert. Ernährt sich von Suppstraßen, statt von Kräuterbutter! Da schaut er lieber lächelnd dem Einkaufsgebahren zu.
Dann gelingt es Jana aber doch, einen Kommentar abzufassen: "Du kaufst Äpfel zum Jonglieren? Bist du etwa bei Kobolden aufgewachsen!" Das entsetzte Gesicht will man ihm nicht recht abnehmen.
Jana lacht: "Nee, du etwa?" Sie nimmt sich drei Äpfel und versucht damit zu jonglieren. Das misslingt aber gründlich und einer fällt zu Boden. "Siehst du, das Jonglieren ist halt deine Aufgabe", wirft sie Widumir in gespielt-vorwurfsvollem Ton vor. "Ich kümmere mich dagegen mit Vorliebe um das Einkaufen."
Gesagt, getan, hebt sie den Apfel auf, betrachtet die entstandene Druckstelle und nimmt noch zwei weitere aus dem Fass, so dass sie schließlich mit fünf Äpfeln bei Wurst, Käse und Brot ankommt. "Und der da drüben", erklärt sie dem Bauern und deutet auf den Apfel, den Widumir noch hält.
Nachdem alles bezahlt und verpackt ist, meint sie fröhlich: "So, jetzt können wir los." Den heruntergefallenen Apfel erhält das Pferd.
Der Ritt geht weiter. Allmählich werden es immer weniger Hütten und Häuser an der Straße, bis es schließlich durch Felder und Wälder geht. Der Verkehr wird weniger dicht, aber es bleibt eine dicht begangene und befahrene Straße. Was nicht bedeutet, dass Staugefahr herrscht, aber man begegnet doch immer wieder entgegenkommenden Reisenden und überholt den einen oder anderen Wanderer oder langsam fahrenden Karren.
Nach einer ganzen Weile hält Jana aber an und schlägt vor, die Reise zu Fuß fortzusetzen, damit das arme Pferd nicht die ganze Zeit das Gewicht zweier Reisender und ihres Gepäcks - zwei prall gefüllte Satteltaschen, der Proviant hat nicht mehr komplett hineingepasst - tragen muss.
Unterwegs erzählt sie viel: Von den kürzlich zu Ende gegangenen Theatertagen, von ihrer Rolle als Tochter des Kaufmanns von Grangor im gleichnamigen Stück; von ihrem großen Bruder in einem Ort namens Phrygaios auf einer obskuren Zyklopeninsel; von der Grundsteinlegung für das Denkmal ihres Vaters, der wohl ein kürzlich gefallener Kriegsheld ist, zu der sie anreist; dass sie aber nur kurz bleiben kann, weil ja bald die Proben für die nächste Theatersaison starten, in der sie die Hauptrolle der Adelhaide von Moorungen spielen wird in einer ganz neuen Produktion eines allerdings vollkommen unbekannten Autors, aber es soll um Orks, Skelette, Schatzsucher, Freundschaft und Abenteuer gehen; von ihren Freunden in Vinsalt, wo Widumir aber schnell den Faden verliert, wer jetzt wer ist und was gesagt oder getan oder wen geheiratet hat oder auch nicht.
Auch der vorgeschlagene Spaziergang kann Widumir nicht schrecken, entlastet er doch immerhin das Hinterteil. Abwechslung ist eben immer etwas Feines. Ebenso gleichmütig lauscht er den vielfachen Ausführungen, wobei er ein zunehmend mitleidiges Lächeln zeigt. Nur kurz wird es von einem betroffeneren Ausdruck unterbrochen, denn Jana wirkt nun gerade nicht, als habe sie der Verlust des Vaters sonderlich berührt. Um so besser!
"Meine Güte, du hast ein anstrengendes Leben!" ist sein Resümee. "Da lass ich es mir lieber gutgehen."
Wenn Jana von ihrem Vater erzählt, kommen ihr immer noch die Tränen, darum hat sie schnell weitergeplappert, um sich selbst abzulenken. Außerdem hat sie als Schauspielerin ihr Gesicht gut unter Kontrolle.
"Anstrengend? Ja, vielleicht, aber anders wäre es doch langweilig. Was treibst du denn den ganzen lieben langen Tag so, wenn du nicht gerade jonglierst? Hast..." Sie wollte schon wieder eine Salve an Fragen losschicken, erinnert sich aber an den Misserfolg beim letzten Mal und wartet erst einmal seine Antwort ab.
Dabei bemüht sie sich, die Haarsträhne, die sie ständig im Gesicht kitzelt, wieder unter den Helm zu bugsieren. Wenn er geantwortet hat, wird sie ihn aber weiter ausfragen.
Schmunzelnd beobachtet Widumir Janas Ringen mit dein feinsten und zahlreichsten der eigenen Körperextremitäten. "Alles und nichts", kommt die Antwort daher fast ein wenig gedankenabwesend. Man könnte meinen, er überlegt bereits eine großangelegte Hilfsaktion. Statt dessen setzt er jedoch einstweilen fort: "Ich tu, was mir in den Sinn kommt. Das ist jeden Tag ein neuer bunter Strauß an Dingen."
"Dann erzähl mir doch mal von ein paar Sträußen oder wahlweise auch von dir", bohrt Jana nach. Die Haare sind vorübergehend unter dem Helm verschwunden.
Als der Nachmittag und der Weg immer länger wird, schlägt sie irgendwann vor, dass man doch abwechselnd reiten könne.
Auch diesen Vorschlag nimmt Widumir ohne großen Kommentar an. Statt dessen sinniert er über die Aufforderung.
"Nun ja, ich lasse mich so treiben von den Dingen oder Leuten, die mich jeweils gerade interessieren. Das ist doch viel angenehmer, als sich für irgendeine Arbeit oder Wohnstatt auf ewig zu entscheiden! Sowas geht eh nie gut - gerade, wenn es dennoch andauert." Ein wenig runzelt er die Stirne. "Vermutlich möchtest du nicht so allgemeines Zeugs hören, sondern eine Geschichte. Hm.
In Schelf hab ich mal versucht, einen Esel zu heiraten, weil mich der olle Travianer zu einem 'ordentlichen' Leben überreden wollte. Leider hatte er wohl was gegen gleichgeschlechtliche Ehe, dabei war es ein wirklich sympathischer Esel!"
Jana lacht auf, wird aber beim letzten Satz schlagartig wieder ernst. "Das kann ich mir vorstellen", murmelt sie.
Es dauert aber nur einen Augenblick, ehe sie zur Fröhlichkeit zurückfindet: "Bei der Hochzeitsfeier wäre ich gerne dabei gewesen. Wie bist du denn gerade auf den Esel gekommen? Hast du dich verliebt?
A propos Travia, wir sollten demnächst mal eine Herberge suchen. Es wird bald Abend, meine Füße sind wund und ich bin ausreichend gekocht." Bislang war sie klaglos gewandert und auch jetzt verlangsamt sie ihren Schritt nicht. "Du warst doch schon in Bethana, kennst du eine gute Unterkunft auf dem Weg?"
"Es gibt überall welche", hakt Widumir erst einmal den ihn weniger interessierenden Punkt ab.
"Der Traviat hat halt immer wieder gebohrt, ich solle doch ein ehrliches Leben beginnen und heiraten. Da wollte ich ihm den Gefallen tun und habe mir das sympathischste unverheiratete Gegenstück dafür ausgesucht, das mir auf Anhieb einfiel. Aber diese Geweihteten sind eben nie zufrieden."
"Jaja, diese Traviaten", stimmt Jana zu. "Erst wollen sie, dass man unbedingt heiratet, dann sind sie mit der Wahl, die die Herrin Rahja getroffen hat, nicht zufrieden. Da lass ich doch lieber den ganzen Heiratskram erst einmal weg und huldige der Herrin Rajha", kichert sie und errötet leicht, als ihr klar wird, was sie da gerade gesagt hat.
Schnell überspielt sie das, indem sie weiter fragt. "Aber ich will nicht schlecht über die Herrin Travia und ihre Diener geredet haben, schließlich werden wir heute Nacht auf ihre Gastfreundschaft zählen. Wie ist es ihm eigentlich gelungen, dich zum Heiraten zu überreden? Du scheinst mir nicht derjenige zu sein, der sich von einem Priester beeindrucken oder in die Ecke treiben lässt."
An der Straße voraus kommt ein Gasthaus in Sicht, das sich nicht signifikant von den anderen unterscheidet, die sie heute schon passiert haben.
Zunächst schmunzelt Widumir noch, als Jana sich so unbeabsichtigt offenbart. Das ändert sich jedoch schnell beim nächsten Thema. Mitleidig schaut er nun auf das junge Fräulein herab. Das kapiert ja gerade mal gar nichts! "Er hat mich nicht überredet. Ich habe ihm nur gezeigt, dass es ihm nicht um meine Heirat geht."
Jana muss einen Moment nachdenken. Dann lacht sie: "Ah. So kann man das natürlich auch sehen. Ich fürchte nur, er hat sich über deine Belehrung nicht sehr gefreut. Hast du noch eine Geschichte für mich? Vielleicht diesmal eine etwas längere?"

Weiter geht es im Grünen Eber.


Ausschnittliste des Grünen Ebers

Redaktion und Lektorat: OHH