Theaternachwirkungen

Verfasser: Astrid Brandt, Oliver H. Herde, Ralf Büngener und andere

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Wieder hebt die Melodie an, mit der sie in die Traumwelt eingetreten sind. Nur diesmal klingt es nicht wie Vogelsang, mehr wie fallende Steinchen oder Tropfen. Diese Melodie ist auch im Eber zu hören, für diejenigen, die noch am gleichen Tisch sitzen oder gute Ohren haben.
Die Melodie wird leiser und verklingt schließlich ganz. Jana bleibt vorgebeugt, um Casha stützen zu können, wenn es nötig sein sollte, denn manchmal wird Personen bei der Rückkehr schwindelig.

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Mit geschlossenen Augen am Tisch sitzend beginnt Urszula/Casha den Raum im Eber wieder wahrzunehmen. Die leisen Geräusche, das Prasseln des Kaminfeuers. Janas Hände, die die ihren umfassen. Vorsichtig blinzelnd beginnt die Bornländerin die Augen zu öffnen. Obwohl ihr nicht schwindelg ist, hält sie die Hände weiterhin fest. Und so trifft der erste klare Blick der blauen Augen voller Dankbarkeit auf Jana.

OHH

Auch Reska erwacht - mehr oder weniger. Oder doch nicht? Ein Räkeln geht durch den Körper, aber so recht offen kann man die Augen eigentlich noch nicht nennen. Wer mag da sagen, was gehört wird und was nicht!

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Nun erlaubt Jana sich, die Leere in ihrem Inneren zu spüren. Sie war zu lange in der Traumwelt! Ihre Kraft war aufgebraucht, der Blutstein ist eingesprungen und hat ihr erlaubt, mit Lebenskraft weiterzuzaubern. Sie möchte sich zusammenrollen, allein sein und weinen. 'Selina, warum bist du so weit weg?'
Aber da ist ein anderes Paar blaue Augen, ein klarer Blick, Dankbarkeit. Wie eine Ertrinkende hält Jana sich gedanklich an diesem Lichtblick fest, während sie das Gesicht verzieht, sich zusammenkrümmt und nach Luft ringt.

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Casha will gerade zu einer Bemerkung ansetzen, als sie den aufbrandenden Schmerz, ja beinahe Verzweiflung in den Augen Janas erkennt. Die Worte bleiben im Halse stecken, stattdessen rutscht die Freiin von ihrem Stuhl und sinkt vor Jana auf die Knie. Beihnahe heftig - weil hastig - löst sie die Hände aus Janas Griff, aber nur, um die nun freien Arme um die leidende Freundin zu schlingen und sie fest an ihre Brust zu ziehen.
"Ich bin da; du bist nicht allein", murmelt sie beruhigend in Janas Ohr, während eine Hand sacht und beruhigend abwechselnd den Rücken, den Nacken oder den Hinterkopf streichelt. "Es wird wieder gut, Anioleszka, wird wieder gut..."
Das Murmeln geht nach und nach in einen leisen Singsang über. Die Worte in bornischer Sprache sind schwer zu verstehen, doch die Melodie ist sanft und beruhigend. Es handelt sich um das im Bornland weit verbreitete Lied "Moj Anioleszka przyshniak oddali", dessen Text in Garethi bedeutet:
"Mein Engelchen zieht in die Ferne, mein Engelchen scheidet von mir.
Mein Engelchen zieht in die Ferne, oh bliebe, mein Engelchen, hier!
Oh ich, oh ich, ich wollte, mein Engelchen bliebe hier.
Oh ich, oh ich, oh bliebe mein Engelchen hier!"

OHH

Nun blinzelt Reska doch mal verstolen durch die Lider. Da scheint es im Traumtheater ja ganz schön hergegangen zu sein, noch mehr, als vorhin zu erahnen! Offenbar haben sich die beiden Damen inzwischen sehr eng angefreundet. Beneidenswert.
Die Augenschlitze schließen sich einstweilen wieder.

RB

'Es geht schon wieder', sollte die Signora jetzt lügen, sich entschuldigen und auf ihr Zimmer gehen, bis dieser seltsame Anfall vorbei ist. All das tut sie nicht, denn eigentlich ist Jana viel zu müde, um zu stehen oder sich auch nur gegen den Einfall der dunklen Emotionen zu wehren.
Da ist jemand, das kann sie spüren. Da sind Berührungen, Wärme, ein fremder und doch vertraut wirkender Duft. Da sind Worte, eine Melodie. Obwohl Jana die Worte nicht versteht, erkennt sie doch den Sinn des Liedes. Die Melodie öffnet etwas in ihr und lässt all das Gute, das sie gerade spürt, in die Leere strömen und die bösen Gefühle zurückdrängen.
Doch dieses kleine bisschen Zuversicht bringt Jana dazu, sich zu wehren. Ihr Körper entspannt sich etwas, sie schlingt die Arme um Casha, um all das Gute festzuhalten und in sich hineinzusaugen. Sie lehnt ihren Kopf an Cashas Schulter und lässt all das Dunkle in Form von Tränen aus sich hinausfließen. Passend dazu verwandelt sich ihr Keuchen in ein leises Schluchzen.

AB

Nahezu erleichtert nimmt Casha wahr, wie das Keuchen in ein Schluchzen übergeht, und sie begrüßt immerlich die langsam aufkommende Feuchte an ihrer Schulter, als Janas Tränen dort das Kleid benetzen. Möge die Freundin in ihrer Nähe ein wenig Trost finden.
Den Druck des harten Gasthausbodens auf ihre Knie ignoriert sie, während sie weiterhin leise singend Trost spendet.

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Es dauert eine ganze Zeit. Aber nach und nach fließen in der liebevollen Umarmung ihrer neuen Freundin die überbordenden Emotionen in Form von Tränen aus Jana heraus und sie kann sich zunehmend entspannen. "Danke", flüstert sie von Herzen kommend, als sie zum ersten Mal den Kopf hebt. Schließlich schafft sie es, sich aufzurichten und noch leicht zitternd aus eigener Kraft zu sitzen.
Jetzt erst bemerkt sie Cashas unbequeme Position und will den Arm ausstrecken, um ihr aufzuhelfen. Dabei findet sie das Taschentuch, das sie offenbar die ganze Zeit festgehalten hat und tupft die restlichen Tränen von ihren Augen. "Es tut mir leid, auch wegen des Kleides", entschuldigt sie sich, als ihr Blick auf den dunklen Fleck an der Schulter fällt.

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Aufmerksam und ein wenig besorgt mustert Casha die Schauspielerin. Die schmerzenden Knie rufen derweil nach einer Positionsänderung. Da die Umarmung sich inzwischen gelockert hat, nutzt sie die Gelegenheit der Antwort, um sich ebenfalls aufzurichten. Mit einer fast wegwerfenden Handbewegung streicht sie über den dunklen Fleck. "Ach was, das trocknet wieder."
Mit einem leichten Ächzen erhebt sie sich und nimmt wieder neben Jana Platz. Noch immer besorgt, legt sie dann ihre Hand auf Janas Oberschenkel. "Geht es wieder? Brauchst du etwas? Etwas zu Trinken, Essen... oder einfach nur... Ruhe?"
Erst jetzt fällt der Bornländerin die veränderte Zusammensetzung am Tisch auf. Fragend schaut sie zu Reska.

OHH

Durch schmale Schlitze wurde das rührige Bild unverwandt beobachtet. Als nun der Zuschauerblick so unvermutet erwidert wird, hebt Reska die Brauen - fragend, was es denn wohl zu fragen geben mag.

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Mit einer stummen Bewegung des Kopfes deutet die Freiin auf Stühle am Tisch und wiederholt die fragende Geste der Augenbrauen, diesmal unterstützt von einem leichten Heben der Schultern.
Die Aufmerksamkeit ist dabei nach wie vor auf Jana gerichtet.

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Braucht sie etwas? Das weiß Jana im Moment selber nicht. Sie fühlt in sich hinein um herauszufinden, wie es ihr geht. Ihre Kraft ist verbraucht, nicht das kleinste Flämmchen ist noch da, Lebenskraft ist noch ausreichend da. Die Leere wird sich mit ein bisschen Zeit und Ruhe wieder füllen. Ihre Gefühle sind fürs Erste wieder im Gleichgewicht, aber sie wird daran bestimmt noch eine Weile zu kauen haben.
Allerdings macht sich eine andere Leere in Jana breit: "Ich habe einen Bärenhunger." Das Stück Honigkuchen auf dem Tisch vor ihr sieht plötzlich sehr verlockend aus. Und einen Schluck Tee, wenn auch inzwischen kalt, würde sie auch nicht verschmähen.
Die unausgesprochene Frage Cashas an Reska nimmt Jana wahr. Aber da sie sich im Augenblick nicht genau erinnert, wer wann warum wohin gegangen ist, überlässt sie die Antwort lieber Reska und greift stattdessen nach der Teekanne. Das leichte Zittern des Armes versucht sie zu ignorieren.

OHH

Fängt Urszula jetzt auch vermehrt mit unartikulierter Verständigung an? Damit ist sie bei reska an der rechten Adresse. Durch ganz ähnliches Kopfneigen wird auf die Entfleuchten, jedoch noch im Schankraum anwesenden verwiesen, dann folgt das zugehörige Achselzucken. Schließlich wird die gute Urszula ja wohl nicht erwarten, dass Reska darüber ins Blaue spekuliert, weswegen Zaünin und der Magus vorhin aufgebrochen sind. Zudem war sie ja gerade noch bei Sinnen, dies selbst mitzubekommen. Vielleicht wollten die beiden schlicht nicht beim Traumspazieren zuschauen?
Unwillkürlich schaut Reska auf Janas etwas unsichere Bewegungen.

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"Du weißt auch nicht warum sie fortgeganegn sind?" übersetzt die Freiin die Gestik der Norbardin. "Eigentlich schade, die Heilerin könnte jetzt ganz gut einen Blick auf Jana werfen. Naja, wahrscheinlich ist es nichts, was man nicht mit Wärme, gutem Essen und etwas zu Trinken wieder in Ordnung bringen könnte. Du glaubst gar nicht, wie anstrengend das sein kann, wenn man sich so lange konzentrieren muss."
Sie wendet sich fürsorglich an Jana. "Ich werde mich gleich um etwas zu essen kümmern. Du kannst auch gern von meiner kalten Keule naschen." Doch dann fällt ihr ein, dass ja Reska das schon übernommen hat. Viel wird wohl nicht mehr übrig sein. Glücklicherweise entdeckt sie dann den sich auf den Weg machenden Knecht. Gut, dann kann sie hier bei Jana bleiben und sich um sie kümmern. Nur ungern würde sie die geschwächte Schauspielerin jetzt mit Reska allein lassen. Nicht, dass Reska ihr gefährlich werden würde, aber Jana möchte bestimmt nicht allein mit einer fast fremden Person hier sitzen.
"Schau, da kommt schon jemand!" Urszula winkt theatralisch zu Alrik hinüber und schaut aufmunternd wieder auf Jana. Dabei fällt auch ihr das kaum zu unterdrückende Zittern auf. Kurz entschlossen rückt sie mit ihrem Stuhl näher an die neugewonnene Freundin heran und legt ihr zuerst das dunkelblaue Wolltuch mit den hellen Rauten und dann den Arm um die Schultern. "Halte durch."

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Beim Gedanken, von der kalten Keule zu naschen, schüttelt Jana sich innerlich so sehr, wie ihr Arm zittert. Von Casha angefeuert, hält sie aber durch und schafft es, die halbvolle Kanne zu sich zu ziehen und etwas Tee einzuschenken, ohne dass dabei ein Malheur passiert. "Es wird schon wieder", antwortet sie diesmal wahrheitsgemäß: "Das Schlimmste waren die Emotionen, durch die hast du mir hindurchgeholfen, vielen Dank dafür." Bei diesen Worten blickt die Schauspielerin ihre Sitznachbarin direkt an und transportiert den Dank auch im Blick.
"Jetzt bin ich nur noch erschöpft; ich habe mich beim Zaubern etwas übernommen, ohne es zu merken. Nun etwas essen, trinken und schlafen, dann geht es mir morgen früh schon wieder gut. Na ja, zumindest viel besser", fügt sie in einem plötzlichen Anfall von Ehrlichkeit noch hinzu. Die Wärme des Wolltuchs, das farblich erstaunlich gut mit ihrem violetten Kleid harmoniert, sowie des Armes sind wohltuend und helfen das Zittern zu verringern.
Da Alrik schon an den Tisch gewunken wird, muss Jana sich schnell entscheiden. "Was möchte ich denn?" murmelt sie und blickt auf die Speisentafel.

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Die Bornländerin lächelt warm zurück. Jana ihren Überlegungen bezüglich der Essenswahl überlassend, richtet Urszula das Wort erneut an Reska. "Und, was haben wir verpasst? Wie lange waren wir überhaupt... in diesem Traum? Das Theaterstück müssen wir uns übrigens unbedingt ansehen, wenn es dann fertig ist. Aber ich bin zuversichtlich, dass Jana... also Frau d'Aminovitch es jetzt schnell fertigstellen wird." Die Worte sprudeln wieder, wenn vielleicht auch nicht ganz so unbedarft wie noch zu Beginn des Abends. Irgend etwas hat sich geändert.

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"Da bin ich mir nicht so sicher", wirft die Schauspielerin ein, die sich schnell entschieden hat, was sie essen möchte. "Du hast mir klar gemacht, dass es einer gründlichen Überarbeitung bedarf. Ich kann doch mein Publikum keinem Stück aussetzen, dem ich selbst emotional nicht gewachsen bin." Das Reden tut gut, mit jedem Wort fühlt Jana sich kräftiger und das Zittern lässt weiter nach.
"Auch ob ich die Hauptrolle selber spiele, muss ich mir noch einmal überlegen. Die Szene im Wagen könnte ich nie spielen, die würde mich immer zu sehr daran erinnern, was heute passiert ist."
Das erinnert sie an etwas anderes, das sie noch sagen wollte: "Wenn deine Tante und dein Onkel dir mal Zeit lassen, kannst du jederzeit bei mir als Regisseurin anfangen. Die Inszenierung des Prologs war phänomenal, besser als ich es mir selbst vorgestellt hatte." Inzwischen kann die Impresaria wieder strahlen.

OHH

Ganz offensichtlich erwartet Urszula keine Antwort. Von ihrer Keule ist allerdings je nach Betrachtungsweise wenig bis nichts übrig, was Reskas Blick kurz verlegen über den Tisch schweifen lässt.
Aber die Freiin plappert ja bereits unentwegt weiter. So lehnt sich Reska wieder behaglich an, faltet die Hände vor dem vollen Bauche und beobachtet weiter, was so vor sich geht.
Als Urszula sich dann doch wieder Reska widmet - oder dies zumindest zu tun vorgibt - erntet sie zunächst nur verwirrte Blicke. Will sie wirklich eine Zeitangabe? Geschehen ist ja wohl eher gar nichts. Das Thema wird ohnedem schon wieder zum Theater geändert und von der Daminowitsch aufgegriffen. Selbst, wenn Reska auf irgend etwas antworten wollte und inhaltlich könnte, so gäbe es doch kaum einmal Gelegenheit hierfür.

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Urszula nickt. Sich ein wenig im Stuhl zurechtrückend, legt sie Jana nun die zweite Hand auf den Unterarm. "Da hast du auch wieder Recht, mein Liebe. Aber jetzt hast du doch hoffentlich eine bessere Vorstellung von dem, was und wie du die Geschichte erzählen willst, oder? Und ich bin ehrlich gesagt sehr froh, wenn du nicht wie beabsichtigst selber die Rolle deiner Mutter übernimmst. Vielleicht... Vielleicht ist ein wenig Abstand, ein wenig Verfremdung ja ein gutes Mittel, um die Geschichte angemessen erzählen zu können. Muss denn jeder sogleich erkennen, dass es sich um deine Mutter und reale Geschehnisse handelt? Reicht es nicht, wenn du weißt, was der wahre Hintergrund ist?"
Die letzten Worte Janas zaubern dann eine jungmädchenhafte Röte auf die doch eher blassen Wangen der Bornländerin. "Wirklich?" Auch sie strahlt jetzt. "Na, ich kann ja mal nachfragen, was der Onkel dazu sagt... oder du leistest mir bei der Tante Gesellschaft, da hätten wir viel Zeit zum Reden und Planen." Die blauen Augen leuchten förmlich, so sehr scheint Urszula von dieser Idee begeistert zu sein.

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Die Schauspielerin scheint nicht so begeistert vom Vorschlag der Freiin: "Entschärfen, verfremden... Mir scheint, ich muss meinen ganzen Ansatz zum Theaterstück neu überdenken und mir klarmachen, was ich damit überhaupt erreichen will. Will ich mein Publikum unterhalten, will ich eine bestimmte Geschichte erzählen, oder ist es vielleicht doch nur meine Eitelkeit, die ich da auf die Bühne bringen wollte? Diese Frage habe ich mir noch nie gestellt, es war einfach so eine fixe Idee in meinem Kopf. Von der Antwort hängt dann alles andere ab, auch, wie ich es inszenieren will. Dafür werde ich wohl ein bisschen Zeit und Ruhe brauchen, jedenfalls nicht mehr heute Abend."
Dann nimmt Jana Cashas anderen Vorschlag mit mehr Interesse auf: "Vielleicht hilft es mir ja, mich anschließend noch einmal mit dir zu unterhalten. Schließlich brauche ich dann eine fähige Regisseurin. Wenn du mir die Adresse deiner Tante Vernuschka gibst, können wir uns schreiben und verabreden."
Das Zittern ist inzwischen fast völlig verschwunden. Jetzt greift die Dame ziemlich sicher nach ihrem Tee und trinkt einen Schluck. Kalt und bitter, aber immerhin etwas zu trinken.

OHH

Im ersten Moment fragt sich Reska, ob es denn recht sei, jemanden so in seinem Bestreben zu verunsichern. Es birgt ja immer ganz unvorhersehbare Gefahren, anderen in ihr Leben hineinzureden. Doch die Dame scheint über Urszulas Anstöße statt dessen ja sogar dankbar, also waren sie in diesem Falle vielleicht hilfreich.
Reska bleibt bei alledem nur, es sich erneut auf dem Stuhle bequem zu machen. Für das Bett scheint es eigentlich noch etwas zu zeitig zu sein.

AB

Mit einem leisen Lachen drückt Urszula Janas Schulter, lässt aber wieder davon ab, als sie den Griff zur Teekanne bemerkt. Nicht dass noch ein Unglück geschieht.
"Die Adresse des Tantchens gebe ich dir gerne. Und ich bin sicher, dass sie nichts dagegen hat, wenn du uns in Bethana besuchst. Sie schätzt gute Geschichten, und du musst keine Angst haben; sie ist nicht zimperlich. Ganz im Gegenteil; Tante Vernuschka hat schon so manchem die Schamesröte ins Gesicht getrieben mit ihrer Ausdrucksweise."
Die Bronländerin schüttelt schmunzelnd den Kopf und hebt diesen dann, um nach dem Knecht Ausschau zu halten. Wo er nur bleibt? "Weißt du schon, was du essen willst?"

RB

Jana stellt den Teebecher vorsichtig wieder ab. Sie schmunzelt ebenfalls, als sie antwortet: "Damit wäre sie bei Selina genau an der richtigen Adresse. Und gute Geschichten kennt sie auch viele. Glaubst du, das wäre für deine Tante auch noch in Ordnung, wenn ich sie mitbringe? Selina meine ich, meine Frau. Ich verreise eigentlich nie ohne sie." Fragend blickt sie Casha an.

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Urszula wiegt den Kopf und meint dann: "Ich werde sie fragen und dir Kunde geben. Aber wahrscheinlich wäre es ihr sogar recht lieb. Sie langweilt sich doch schon genug so allein. Ein paar ferundliche Gesichter ab und zu - wer würde da nein sagen."
Ihrerseits fragend blickt sie zu Reska. "Und du? Bleibst du auch in Bethana? Oder willst du nach unserer Ankunft gleich weiterziehen?"

OHH

Bei einer Randinformation heben sich Reskas Brauen und eröffnen für Momente einen aufmerksamen Blick. Die Dame ist mit einer Frau verheiratet? Solch ein Rechtsgeschäft scheint zwischen gleichgeschlechtlichen Vertragspartnern eine ungewöhnliche Idee zu sein. Sofern es um erbrechtliche Belange ginge, müsste eine entsprechende Nachlassregelung doch eigentlich genügen. Was für ein Zweck mag also sonst dahinterstehen? Oder handelt es sich nur um eine hiesige Volkstümlichkeit?
Bei Urszulas Frage hüpfen die Brauen gleich noch einmal. Fast scheint es gar, als zögen sie diesmal den gesamten Oberkörper mit in die Höhe. Über die Zeit nach Bethana hat Reska noch gar nicht recht nachgedacht. Natürlich wird Urszula irgendwann ins Bornland zurückkehren; für Reska wäre der Rückweg hingegen wohl noch immer mit Risiken verbunden. "Weiß nicht..." bleibt daher vorerst die ehrliche Antwort. Letztendlich muss man wohl schauen, was sich vor Ort ergibt.

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Eigentlich hätte Jana von Casha mehr Reaktion erwartet, als sie berichtet, mit einer Frau verheiratet zu. Mehr so wie Reska, die für ihre Verhältnisse sehr beredt reagiert. Sie ist wohl entweder noch erfahrener, toleranter oder selbstbeherrschter als Jana bislang schon dachte. Jana freut sich; das erspart ihr die Erklärungen, die sonst an dieser Stelle immer folgen müssen.
Stattdessen nutzt sie die wandernde Aufmerksamkeit ihrer Sitznachbarin und greift nach dem Honigkuchen. Sie riecht kurz daran: Süß und würzig. Dann beißt sie ein Stückchen ab. Wie erwartet, hat die Konsistenz durch die lange Reise gelitten, ist aber immer noch weich und saftig. Die angenehme Süße des Honigs wird durch die eben gerochenen Gewürze balanciert. Insgesamt passt der Kuchen gut zum Tee, bringt Jana aber auch auf eine neue Idee. Sie lenkt ihren Blick zurück zur Tafel mit den Speisen und findet das Gesuchte. Erfreut beißt sie gleich noch einmal ab.

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Innerlich muss Urszula über Reskas wandernde Augenbrauen schmunzeln. Na, da hat sie wohl noch nicht allzuviele Besuche in einer bornischen Schwitzhütte hinter sich. Die feuchte Hitze darin lockert nicht nur die Muskeln und Glieder, sondern oftmals auch die Moralvorstellung. Rahja hätte ihre Freude daran. Von daher ist der Umstand, dass Janas Herz für eine Frau schlägt nicht weiter aufsehenerregend.
In diesem Moment blitzt eine Erinnerung auf, etwas das Jana vorhin im Traum gesagt hat. Oh, Listiger, es wird wahrlich interessant. Die Vorfreude der Bornländerin auf ein baldiges Wiedersehen mit der Schauspielerin ist mit einem Mal noch größer als zuvor - was sich in einem aus der Tiefe kommenden Strahlen in den Augen manifestiert.
Da Jana sich noch mit der Speisetafel beschäftigt, setzt Urszula erst einmal das Gespräch mit Reska fort. "Ach komm, du kannst mich doch nach der langen gemeinsamen Zeit nicht einfach im Stich lassen. Oder ist dir meine Gegenwart so überaus lästig geworden, dass du es gar nicht erwarten kannst, mich wieder los zu sein? Habe ich mich nicht immer gut um dich und Mokosch gekümmert? Hat es dir an etwas gefehlt? Fehlt dir jetzt etwas? Wir können gleich noch bestellen, sag was du möchtest!"

Inzwischen ist der Knecht an dem großen Tisch angelangt und blickt fragend in die Runde. "Kann ich noch etwas bringen?"

OHH

Gewiss wäre es Reska eine Erleichterung, hier nicht unausgesprochene Missverständnisse aufklären zu müssen. Da sie jedoch sind, was sie sind, erübrigt sich mit dem fehlenden Wissen darum auch die Freude darüber.
Mit widerum und diesmal dauerhaft erhobenen Brauen vernimmt Reska die lange Abfolge der einer vorausgestellten Bitte nachstürzenden Fragen. Diese offenkundig beidseitige Fehleinschätzung kann nun nicht übersehen werden. Reska lächelt treuherzig. Gewiss ist eine Fortsetzung des gegenwärtigen Abkommens alles andere als die schlechteste Idee. Es spricht nichts dagegen, und momentan bietet sich ja auch gar nichts sonst greifbar an.
Der abschließenden Aufforderung gilt es zunächst, eine Absage zu erteilen: Die Hände werden auf den gefühlt dickgewordenen Bauch gelegt. "Satt!" Und wie! Noch mehr, dann könnte nicht so ein zufriedenes Lächeln die Bezeugung begleiten. Ein Pfefferminzblättchen, ein einsames Kressepflänzlein gar könnte im Augenblick zuviel sein.
Doch da Urszulas anfänglichem Ansuchen so viele Worte gefolgt sind, kann nun nicht einfach mit einem einzelnen angenommen werden. "Ich bleibe gern." Mit so vollem Magen spricht es sich noch anstrengender als eh.
Gut, dass nun der Knecht um Aufmerksamkeit heischt. Wieder ein kleines Päuschen.

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Kaum hat Jana sich entschieden, steht auch schon der Knecht hinter ihr, um die Bestellung aufzunehmen. Die Bedienung in diesem Haus ist wirklich vorzüglich. Sie schluckt den letzten Rest Honigkuchen und wendet sich Alrik zu: "Du kommst genau recht", begrüßt sie ihn lächelnd. "Ich hätte gerne eine Portion Hühnereintopf und einen großen Krug heißen Apfelmost. Wenn möglich mit Gewürzen: Zimt, Nelken und wenn Ihr habt eine Kapsel Kardamom." 'Wer ist denn Mokosch?' überlegt sie, während sie lächelnd wartet, ob Alrik noch eine Frage hat.

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Hühnereintopf, heißen Apfelmost, Gewürze... Der Knecht stutzt. Zimt kennt er, aber mag er nicht, Nelken sucht er zu vermeiden. Aber was ist Kardamom? Nun, Sarina wird es schon wissen. "Ist recht", nickt er daher und schaut nun fragend auf die anderen Damen.

Zufrieden nickt die Freiin, als die Norbardin sowohl ihre derzeitige Zufriedenheit als auch zukünftige Bereitweilligkeit für einen längeren Aufenthalt in Bethana kundtut. Als der fragende Blick des Knechtes sie trifft, schüttelt sie den Kopf. "Danke, wir sind versorgt. Obwohl, eine neue Kanne Tee wäre schön. Und habt ihr Meskinnes? Wahrscheinlich nicht, aber dann doch sicher einen anderen Schnaps. Davon vier Gläschen und einen Honigtopf. Und Löffel, bitte."
Sie wirft Jana einen verschwörerischen Blick zu.

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Jana bemerkt das erwartete Stutzen des Knechtes, der sich aber schnell wieder fängt. Trotzdem fügt sie hinzu: "Wenn es nicht geht, nehme ich den heißen Most auch ohne Gewürze." Heiß und süß, ein schöner Gedanke.
Als sie Cashas Bestellung hört, muss sie ein Schütteln als Zittern tarnen. Schnaps ist so gar nicht nach ihrem Geschmack. Aber sie wird sich dem nicht entziehen, sondern Casha die Freude machen, nach allem, was sie für Jana getan hat. Offenbar hat die Bornländerin etwas Bestimmtes vor, weil sie noch nach Honig fragt. War nicht vorhin schon mit dem Tee ein Honigtopf auf den Tisch gekommen? Der Blick der Schwarzhaarigen irrt über den Tisch und verpasst so den verschwörerischen Blick der Blonden. Da ist ja der Honig.
Aus heiterem Himmel fällt Jana plötzlich eine Frage wieder ein, die sie schon den ganzen Abend stellen wollte. Eigentlich wollte sie Siona fragen, aber Alrik wird den Dorfklatsch ebenso kennen. Also wartet sie, bis die andere Bestellung abgeschlossen ist, und fragt dann Alrik: "Was ist eigentlich aus Irinio Wassermüller geworden? Als ich vor acht Jahren" - 'Ist das wirklich schon so lange her?' - "hier war, war er am Morgen verschwunden. Ist er wieder aufgetaucht?"

AB

Alrik stutzt erneut. Der Wassermüller? Im Augenblick weiß er so gar nicht, wovon die Dame spricht. Nachdenklich kratzt sich der Knecht den Kopf und zermartert sich das Hirn, was vor all den Jahren da wohl passiert sein mag.

Unbewusst folgt Urszula dem Blick der Schauspielerin und bemerkt dann selbst den bereits auf dem Tisch stehenden Honigtopf. Wie dumm von ihr; sie hatte ja bereits für das Würzbier danach verlangt. Doch als sie ihren Fehler eingestehen und den Knecht von der Lieferung des Honigs entbinden möchte, ist dieser bereits von Jana in ein Gespräch verwickelt. 'Ach, Jana war vor Jahren bereits einmal hier?' Interessiert lehnt sich die Freiin zurück und wartet auf die Antwort des Knechtes.

OHH

Ein Schnäpschen, ja das wird nicht nur noch reinpassen, sondern guttun und bei der Verbrennung des Mageninhaltes helfen! Was das hingegen mit dem Wassermüller auf sich hat, entzieht sich zunächst Reskas Vorstellungskraft. Es muss wohl eine wichtige Begebenheit gewesen sein, wenn sich die Dame nach so langer Zeit noch nach ihm erkundigt. Vielleicht eine Liebesgeschichte noch vor ihrer Ehe? Jagt die Dame vielleicht auf beiden Seiten des Ufers? Zum Glück schmunzelt Reska ohnehin schon genüsslich ob der Aussicht auf einen Rachenputzer, auch wenn dies nun eine geringfügig andere Note bekommt.

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Jana sieht die Verwirrung des Knechtes und versucht, ihm etwas auf die Sprünge zu helfen: "Der Wassermüller war damals mit beiden Kindern hier und hat bekanntgegeben, dass er eine Braut für Irinio gefunden habe. Der war davon aber gar nicht begeistert und hat darüber geredet, wegzulaufen und Spielmann zu werden. Am nächsten Morgen war er dann verschwunden. Ich möchte nur wissen, ob er seinen Vorsatz in die Tat umgesetzt hat, oder wieder aufgetaucht ist. Ich hatte ihm damals Hilfe versprochen, wenn er nach Vinsalt kommt, aber dort ist Irinio nie vorstellig geworden."

AB

Braut... Hochzeit... Langsam dämmert es dem Knecht. "Ja richtig... Irinio und Sabetta... da wart Ihr auch hier?" Alrik kann sich beim besten Willen nicht an Jana erinnern, wohl aber an den Trubel und die Aufregung um Irinio und Sabetta. "Naja, Irinio ist nur zwei Tage weg gewesen. Aber dann hat er versucht, sich im Mühlenweiher zu ertränken, wo doch sein Vater so gar nicht von der Verlobung ablassen wollte. Travia sei Dank hat man ihn rechtzeitig gefunden. Und dann gab es wohl ein riesen Donnerwetter - also für den alten Müller, nicht für Irinio. Haben zumindest Siona und Sarina erzählt, die haben Irinio nämlich gerettet. Und nun wird eben Melida die neue Wassermüllerin. Wo Irinio ist, weiß ich nicht, der ist damals mit Vater Travicio nach Solstono gegangen. Irgendwas mit Musik lernen oder so... "
Beinahe hilfesuchend blickt Alrik zu Jana in der Hoffnung, dass ihr diese Bruchstüke an Information reichen. "Von Vinsalt weiß ich nichts", fügt er noch halbherzig hinzu.
Die Bornländerin lauscht interessiert.

RB

"Oh wunderbar!" freut sich Jana und klatscht in die Hände. "Dann hat sich ja alles zum Guten gewendet. Zumindest am Ende. Dass es auch erst so dramatisch werden musste... Das erinnert mich an die Geschichte, die die alte Guttli damals erzählt hat, da ging es auch irgendwie ums Ertrinken. Ob die den Jungen inspiriert hat?" Die letzten Worte waren mehr an sie selbst gerichtet, als an jemand anderen. "Danke Alrik, das freut mich sehr."
"Irinio ist der Sohn des Wassermüllers", erklärt sie Casha, "und sollte nach dem Wunsch seines Vaters die Mühle übernehmen. Er war aber überhaupt nicht zum Müller geboren, sondern hatte eine Liebe zur Musik. Sein Vater wollte nur das Beste für ihn und hat nie erkannt, dass was nach seinen Maßstäben das Beste war, nicht gut für seinen Sohn war." Sie zuckt mit den Schultern. "Offenbar musste es erst dramatisch werden, bevor er es einsehen konnte. Ich wünschte, ich könnte Irinio noch einmal spielen hören und herausfinden, ob er glücklich ist. Eigentlich war er nämlich zu introvertiert für einen Spielmann. Vielleicht kann ich in Solstono Station machen und mich nach ihm erkundigen, wenn ich auf dem Weg nach Bethana bin."

OHH

So ist nun also der Teil des Abends begonnen, zu welchem Geschichten erzählt werden, bevor man schlafen geht. Trotz all der exotischen Namen unbekannter Leute lässt auch Reska sich davon berieseln, bis Parallelen zum eigenen Leben immer deutlicher werden. Oh ja! Menschen, die anderen 'nur das Beste' wollen und damit das Schlimmste aufzwingen, gibt es wohl überall. Ein Charakterzug, der Reska entgegen aller schlechten Erfahrungen stets fremd und unverständlich geblieben ist.

AB

Alrik nickt. Ja, das hat ihn damals auch gefreut. Nachdem die Damen anscheinend keine weiteren Wünsche mehr haben, wendet er sich dem letzten besetzten Tisch zu.

Auf dem Weg nach Bethana. Die Worte erfüllen Urszula, nein, Casha mit Freude. Seltsam, sie hat Jana erst heute Abend kennengelernt und doch hat sie das Gefühl, die andere viel länger zu kennen. Nun, geteilte Träume und Erinnerungen mögen diesen Effekt haben. Aber was es auch sei, Casha ist froh über diese Wendung. Derweil zupft sie ein wenig an dem wollenen Tuch, welches noch immer um Janas Schultern liegt und meint: "Du musst mir dann ausführlich von deinen Erkundigungen berichten.
Apropos berichten; ich habe da eine Frage." Sie rückt sich ein bisschen auf dem Stuhl zurecht und wirft dabei den anderen beiden am Tisch Sitzenden einen raschen Blick zu. "Dieser junge Mann im Theater, dieser Pierrot... war das reines Wunschdenken oder gibt es eventuell eine Version die ich pesönlich kennenlernen könnte? Und falls es Wunschdenken war" - sie senkt die Stimme - "ich sage es nicht weiter."

NW

Tesden steuert den Tisch mit den Damen an, um dort die zweite Teekanne abzusetzen.

RB

'Oje, was habe ich da wieder angerichtet', seufzt Jana innerlich. Sie wollte Casha doch nur die passende Antwort auf ihr aufreizendes Kleid geben und ist dabei wohl zu weit gegangen. "Ja und nein", antwortet sie nach kurzem Überlegen: "Pierrot als Person gibt es nicht, den habe ich mir tatsächlich spontan ausgedacht. Allerdings, und je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich es, habe ich ihn aus mehreren Personen zusammengesetzt, die ich im realen Leben kenne. Ich habe von allen das Beste genommen und zusammengesetzt. Die kräftigen Arme stammen von einem ehemaligen Freund von mir, die modische Kleidung von einem Bekannten, der allerdings ansonsten völlig hohl ist, die salbungsvollen Worte von einem Poeten, der optisch nichts her macht. Einige davon lernst du vielleicht in Vinsalt kennen.
Aber was ich zu Irinio noch erzählen wollte" - die Schauspielerin vergewissert sich kurz, dass Alrik schon und der Wirt noch zu weit entfernt sind, um mitzuhören - "wir haben am Abend für seinen Vater ein Hörspiel aufgeführt. Er hatte für seine Familie das Zimmer neben meinem gebucht." Bei der Erinnerung muss sie schon grinsen: "Wir sind auf meinem Bett herumgesprungen, damit es schön laut knarzt und haben ihm etwas vorgestöhnt." Sie erinnert sich, dass Irinio einigen Anstoß brauchte, aber dann voll dabei war und gibt eine Kostprobe, allerdings so leise, dass sie nur hier am Tisch zu hören ist: "Oh! Ja! Oh, Irinio, du Hengst!" Hier bricht sie ab, weil sie das Lachen nicht länger unterdrücken kann.

AB

Für einen Augenblick zieht Casha einen Schmollmund, doch dann blitzen ihre Augen auf. "Ich glaube, ich kann am einfachsten auf die salbungsvollen Worte verzichten. Alles andere - nun, wir werden sehen."
Als Jana dann von dem 'Hörspiel' mit Irino berichtet, wird die Laune immer besser. Mit einem leise-anzüglichen "Ohoho..." kommentiert sie die Erzählung, nur um dann mit Jana zusammen loszuprusten.
"Oioioi, das hätte ich hören wollen... Meine liebe Jana, du bist mir ja ein gerissenes Früchtchen." In ihrer Begeisterung schlägt sie der Freundin ganz undamenhaft leicht auf den Oberschenkel.

OHH

Reska zieht immer mehr die Brauen wie leidend zusammen, derweil die Hände unschlüssig miteinander im Schoße ringen. Was die Damen da so von sich geben, ist kein unbedingt angenehmes Thema - zumindest nicht für Reska. Etwas hilflos schweifen die Blicke ab und suchend durch den Schankraum.

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Durch das Lachen und die anzügliche Erinnerung hat Janas Gesicht wieder etwas Farbe gewonnen und sie sieht nicht mehr so kränklich aus. "Das war wahrscheinlich das einzige Mal, dass der Wassermüller an dem Tag stolz auf seinen Sohn war. Wie der mich schon angeglotzt hatte, als ich das Gasthaus betrat..." Die Dame schüttelt den Kopf. Damals trug sie die Haare frei, so dass sie wie eine Wolke um ihren Kopf flogen, als sie ihn schüttelte, nachdem sie den Hut abgenommen hatte.
"Eigentlich hatte ich Irinio in mein Zimmer gelockt, um ihm anzubieten, dass ich ihm helfen könne, wenn er als Musiker nach Vinsalt käme. Und am nächsten Morgen war der Junge dann weg. Aber da er in Vinsalt nie auftauchte, wusste ich nicht, was passiert war und habe mir Sorgen und auch ein bisschen Vorwürfe gemacht, dass ich ihn angestiftet hätte."

AB

"Auf jeden Fall hast du ihn dazu inspiriert, sein Leben selber in die Hand zu nehmen." Casha stutzt kurz, als ihr bewusst wird, wie unpassend das in Anbetracht der Sache mit dem Mühlenweiher klingen mag. "Ich meine, du hast ihn dazu gebracht, für das, was ihn wirklich bewegt, einzustehen. Gegen seinen Vater aufzubegehren. Und wie wir gerade gehört haben, ist es doch am Ende gut ausgegangen.
Wer weiß, jetzt wo du weißt, dass er wirklich Musiker ist, kannst du ihn ja vielleicht viel besser wiederfinden. Vielleicht... vielleicht kannst du ja für die Eröffnung deines Theaters oder für die Premiere deines Stückes ein Musikstück in Auftrag geben, eins mit viel Flöten dabei... und dann muss man ja die Musiker probespielen lassen, um die richtigen zu finden..." Mit leicht emporgezogenen Augenbrauen wirft Casha einen fragenden Blick auf Jana.

RB

Da ist sie wieder, die stets planende - unter den richtigen Umständen bestimmt auch intrigante - Urszula, die Teil der mitfühlenden, kreativen Casha ist. "Das ist eine interessante Idee", stimmt Jana zu, und je länger sie darüber nachdenkt, desto breiter wird ihr Lächeln. In Gedanken geht sie schon die ihr bekannten Komponisten durch, wer dafür wohl in Frage käme.
"Allerdings wird das ja jetzt noch etwas länger dauern, als ich bislang dachte. Aber ich könnte ein paar meiner Freunde aus der Gauklerszene darauf ansetzen, sich nach ihm umzuhören. Schließlich muss die Nachricht von der Premiere ihn erreichen, damit das klappt. Nicht dass ich seine Dienste dafür in Anspruche nehmen wollte, aber ist das nicht ungefähr die Branche, in der dein Onkel tätig ist?"

AB

"Mein Onkel ein Gaukler?" Die Bornländerin verzieht den Mund zu einem breiten Lächeln. "Das lass Charlon mal lieber nicht hören; und glaub' mir, er hört und sieht vieles. Oder lässt hören und sehen... Aber vielleicht hast du Glück, und er hat wirklich schon von diesem Irinio und der Wassermühlengeschichte gehört. Frag ihn doch, falls er uns in Bethana besucht."
Urszula lehnt sich ein wenig zurück und betrachtet Jana mit leicht zusammengekniffenen Augen. Das Nicken, welches darauf folgt, scheint ausdrücken zu wollen, dass ihr gefällt, was sie sieht - oder denkt. "Jemand wie du, die leicht unter Leute kommt und auch weiß, wie man sich in Gesellschaft verhält, die in Vinsalt beinahe jeden kennt, würde er bestimmt gern kennenlernen.
Dich sicherlich auch, Reska", schließt sie die schweigsame Norbardin in das Gespräch mit ein. "Charlon schätzt schweigsame Beobachter sehr."

OHH

Abermals hüpfen die Brauen und strafft sich Reskas bereits wieder beinahe etwas gelangweilte Haltung. Schweigsame Beobachter, wohl um sie eben all jenes hören und sehen zu lassen, was zuvor angedeutet wurde. Klingt dies nicht nach einem Netz von Informanten? Sollte dieser Charlon ein Händler mit Informationen statt Töpfen und Schnürbändern in der Auslage sein? Unschlüssig zuckt zuerst ein Mundwinkel und gleich darauf wird doch noch ein ebensolches Lächeln daraus.

RB

'Das klingt ja fast wie ein Angebot, oder sogar zwei...' Janas Wunsch, diesen Charlon kennenzulernen, wird stärker. Jemanden zu kennen, der hören und sehen lässt, kann ein großer Vorteil sein. Sie hätte nichts dagegen, gelegentlich eines seiner Ohren zu sein, um dafür später etwas bei ihm gut zu haben.
"Dass er Gaukler sei, meinte ich nicht" - 'das sind eher die Leute, die ich fragen würde' - "sondern dass er Informationen beschaffen könnte. Da scheine ich ja nicht ganz falsch gelegen zu haben", erklärt sie.
"Wie gesagt, würde ich mich sehr freuen, ihn kennenzulernen und mehr darüber zu reden. Es wundert mich nur, mit Verlaub gesagt, wie offen du mit Informationen über ihn umgehst. In meiner kindlichen Vorstellung agiert jemand wie er eher im Geheimen und ist schwer zu finden." Oder ist er vielleicht auch nur Fassade für etwas anderes? "Aber vielleicht habe ich auch einfach zu viele Geschichten gelesen."

AB

"Wie gesagt, der Onkel hört und sieht so manches; das bringt der Woll- und Tuchhandel eben so mit sich. Und Onkel Charlon steht einem der größten, ach, was sag ich - dem größten Stoffhandelshaus in Norburg und wahrscheinlich im ganzen Bornland vor. Mit" - sie betont das Wort - "Dependenzen zum Beispiel auch in Bethana. Das Tantchen, du weißt schon. Und er sagt immer: 'Halt Augen und Ohren offen, Engelchen, man weiß nie, wofür es einmal gut sein kann. Und jemanden kennenzuzlernen, der für ihn die Mode in Vinsalt im Auge behält, da sehe ich ihn förmlich sich schon die Hände reiben. Wieso sollte ich darüber nicht reden dürfen?" Die Frage klingt vollkommen unschuldig, doch der Blick, der den von Jana und auch Reska sucht, ist ernst und vielsagend.

RB

"Die Mode in Vinsalt im Auge zu behalten, ist offensichtlich" - hier streicht die Lavendelgewandete über den edlen Stoff ihres Kleides - "etwas, das mich sehr interessiert. Und es wäre nicht einmal zusätzliche Arbeit", erklärt sie lächelnd. "Aber weil Vinsalt in der Modewelt so wichtig ist, hat dein Onkel dort bestimmt schon eine Dependence?" Die Schauspielerin spricht das letzte Wort mehr Horathi aus, ihr Blick spiegelt währenddessen genau die Aussage von Cashas Blick.

AB

Urszula schenkt der Garderobe einen bewundernden Blick. "Ja, in der Tat, und ich beneide dich darum. Bei mir muss immer das Alltagstaugliche im Vordergrund stehen. Der Onkel schickt mich gern auf Reisen, um nach seinen" - sie hält kurz inne und versucht dann, die Aussprache Janas zu imitieren - "Dependonzen zu sehen. Da ist man viel unterwegs und in den meisten Gasthäusern ist kein Bedarf für wirklich hübsche Kleider so wie deins.
So habe ich ja auch Reska kennengelernt. Weil es doch so eine weite Reise ist bis nach Bethana zum Tantchen und als Frau allein auf Reisen... Wer weiß, was da alles passieren kann. Oder was die Leute von einem denken. Und Reska ist eine wirklich gute und treue Seele. Ich hoffe sehr, dass sie es sich überlegt und auch weiterhin meine Begleitung bleibt. Der Onkel hat sicherlich nichts dagegen." Während dieser Worte hat die Bornländerin die Norbardin direkt angesehen und in ihrem Blick kann man das Vertrauen, ja vieleicht sogar mehr als das lesen, welches sie in Reska hat.
Dann wendet sich Urszula wieder Jana zu. "Ich nehme stark an, dass Onkel Charlon über die Mode in Vinsalt informiert ist, aber soviel ich weiß, konzentriert er sich mit seinen... Niederlassungen auf die Heimat. Sewerien, das Bornland... Weißt du, es ist ein himmelweiter Unterschied zwischen Vinsalt und Norburg. Andere Leute, andere Sitten, anderes Essen, anderes Wetter... Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen oder aufhören soll. Aber ich denke, er wäre sehr interessiert, hin und wieder über die neuesten Entwicklungen der Vinsalter Mode informiert zu werden. Und wer weiß, vielleicht ergibt sich dadurch die Gelegenheit, dass wir uns öfter wiedersehen?"

NW

Auf einem Tablett bringt Tesden die Getränke hinüber zum Tisch der Damen. Er nickt ihnen zu, während er vor jede ein Becherchen stellt. "Wohl bekomm's."

OHH

Immer mehr gewinnt Reska den Eindruck, dass es hier keineswegs noch um Tuche und Kleidung geht - auch wenn Wörter wie Depong-irgendwas den Durchblick zusätzlich verschleiern. Die nachfolgenden Komplimente lassen Reska wiederum geschmeichelt-verschämt lächeln, wenn Urszula auch offenbar nicht recht mitbekommen hat, dass die Entscheidung doch eigentlich längst getroffen ist. Auch nicht weiter schlimm. Auf die Anerkennung kommt es an.
Als dann der Wirt erscheint, wird ihm freundlich dankend zugenickt.

AB

Das Erscheinen des Wirtes und der Schnäpse unterbricht die Diskussion um Mode und weitere Bekanntschaften für einen kurzen Augenblick. "Ach, danke sehr. Was bringt Ihr denn Gutes?" fragt Urszula, während sie die kleinen Stamperl neugierig beäugt.

RB

Jana will gerade die wunderbare Unterhaltung fortführen, die überhaupt nicht von Kleidung handelt, als der Wirt auftaucht und den angedrohten Schnaps bringt. Ein ungutes Gefühl überkommt sie, als ihr der Geruch in die Nase steigt und ihre Augen zum Tränen bringt. 'Was für ein namenloses Zeug ist das denn?' Das ist kein Branntwein; den hat die junge Dame schon einige Male ertragen müssen und überstanden. Aber das hier riecht eher wie das Zeug, das die Zwerge im Norden getrunken haben, das selbst gestandene Mannsbilder in die Büsche gejagt hat. Und das auf nüchternen Magen. Misstrauisch beäugt sie die kleinen Stamperl und erwartet die Antwort des Wirtes.

NW

"Nun, es wurde nach Schnäpsen verlangt", erläutert Tesden und fährt mit einem Wink zur Speisetafel fort: "Da haben wir nur Premer Feuer im Angebot. Ist das nicht recht?" setzt er mit einem Blick auf Janas skeptisches Gesicht fort.

RB

Premer Feuer. Das ist so legendär, dass sogar Jana schon davon gehört hat. In Havena erzählte man sich, die Thorwaler würden es auf ihren Schiffen verbrennen, um sich vor der Kälte des nordischen Winters zu schützen. Also ungefähr in der gleichen Klasse wie das Gift der Zwerge.
Den Blick des Wirtes auf sich bemerkend, wendet Jana ihren Blick fragend gen Casha, schließlich hat sie diese Bestellung getätigt. Dabei konzentriert sie sich darauf, einen neutralen Gesichtsausdruck zu zeigen.

AB

Die Bornländerin - die inzwischen immer mehr das Getue von Urszula abzulegen scheint und damit auch hier im Schankraum zu Casha wird - reibt sich voller Vorfreude die Hände. "Wunderbar, das Feuer wollte ich immer schon mal probieren. Danke." Sie schenkt Tesden ein begeistertes Lächeln und wendet sich dann ihren beiden Gefährtinnen zu.
"Keine Angst, ich will euch nicht vergiften. Ich dachte nur - wer mag, kann sich damit den Most oder Tee ein wenig verstärken. Das macht man im Bronland im Winter gern. Ein heißes Getränk, ein guter Schluck Meskinnes und Honig, um das ganze zu versüßen."
Sie berührt die Teekanne und nickt zufrieden. "Gerade noch heiß genug, aber nicht zu heiß. Sonst verfliegt ja der Alkohol, und wo bleibt dann der Spaß? Jana, Reska - wer will probieren?" Jetzt schaut Casha fragend in die Runde.

NW

Tesden schmunzelt leicht. So ein Gewese wird selten um Schnäpse gemacht. Es ist drollig anzuhören, also bleibt er noch am Tisch stehen, auch wenn er hier nicht mehr wirklich gebraucht wird.

OHH

In der Tat zählt Premer Feuer nicht zu den allerleckersten Schnäpsen; hierzu mangelt es für Reskas Geschmack allzu sehr an Süße und kommt das Zeug ein klein wenig zu sehr seinem Namen nach. Als Beigabe zum Tee hingegen lässt es sich sehr gut vorstellen, zumal mit einem weiteren Tröpflein Honigs.
So gießt Reska folglich vom Tee ein und kippt hernach einen guten Schluck vom Feuer hinzu.

RB

AB

OHH

Wird fortgesetzt.


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Redaktion und Lektorat: OHHerde 2020

Während der Corona-Hysterie kann es zu erheblichen Verzögerungen in der Aktualisierung kommen. Ich bitte, dies zu entschuldigen.