Honikuchenverabredung

Verfasser: Astrid Brandt, Oliver H. Herde, Ralf Büngener und andere

AB

'Interessante Wortwahl... und ebenso interessante Umstände bei den besagten Herren und Damen.' Mitfühlend stimmt Urszula in den Seufzer der Signora ein. "Ja, wirklich schade. Sollte uns das zu denken geben, dass man uns so mit Missachtung straft? In meinem Fall habe ich es auf dieses kleine Missverständnis bei meiner Ankunft geschoben - wobei der Herr Avessandro davon ja eigentlich nicht betroffen war, nur zugegen - aber er meinte er müsse sich auf seine anstehende Verabredung konzentrieren und könne deshalb nicht mit mir an einem Tisch sitzen. Der Capitano hingegen scheint nachhaltig verärgert zu sein und entzieht sich bislang jedem Versuch einer Aussöhnung, ach was, einer Entschuldigung." Nun ist es an der Bornländerin, theatralisch zu seufzen und Jana einen spielerisch-leidenden Blick zuzuwerfen. "Wer weiß, vielleicht hat er einfach ein Problem mit Frauen wie uns."

VW

Vorsichtig, um das angeregte Gespräch nicht zu stören, stellt Siona die Teller mit der Suppe ab. Dabei fällt ihr einmal mehr auf, wie sehr sie in ihrem Arbeiten eingefahren ist und wie sehr sie ihr schmerzendes Handgelenk stört. All die gewohnten Bewegungen gehen einfach nicht, und jedes Mal muss sie umdenken, wie sie 'um das schmerzende Gelenk herum' arbeiten kann. Aber es geht, und das verschafft ihr denn doch ein kleines Gefühl von Stolz. "Guten Appetit, die Herrschaften. Das Fleisch kommt gleich," sagt sie leise genug, um das Gespräch nicht zu stören und dass man sie ignorieren kann, während sie die Löffel auf den Tisch legt.

OHH

So recht verstanden hat Reska den Vorgang mit den beiden Herren vorhin ohnehin nicht, geschweige denn in allen notwendigen Details mitbekommen. Vermutlich liegt eben dort das Rotpüschel im Pfeffer. Frauen wie ihnen? Ja, möglicherweise mag er lieber solche wie diese Avessandro, wobei der Unterschied weniger in der Gesprächigkeit zu liegen scheint. Alles Spekulation ohne nenneswerte Grundlagen.
Gehaltvoller dagegen wirkt die Suppe. Reska ist ganz froh, nicht mit dem Kuchen beginnen zu müssen, der doch viel mehr als Nachtisch geeignet wäre, aber es kommt, wie es kommt, und Reska nimmt, wie es kommt. Gegeben wird auch: ein dankendes Nicken und Lächeln an die Bedienung.

RB

'Frauen wie uns.' Ja, es gibt wohl einige Ähnlichkeit zwischen der Freiin und ihr selbst, auch wenn das rein äußerlich überhaupt nicht der Fall ist. "Es tut mir leid, dass ich als Grund herhalten musste, dass Dom Avessandro Euch abgewiesen hat." Jana senkt die Stimme etwas, als sich der Angesprochene nähert. "Er scheint etwas eigen zu sein.
Was den Capitano angeht, er hat mich bislang auch nicht mehr beachtet als unvermeidbar, sogar ohne Missverständnis. Das Eure muss wohl vor meiner Ankunft passiert sein, davon habe ich nichts mitbekommen", bohrt sie gerade so viel, wie sie kann, ohne als neugierig zu gelten, allerdings unterstützt von einem fragenden Blick. So kann Urszula selbst entscheiden, ob sie von dem angedeuteten Missverständnis berichten will oder nicht.
Zunächst aber wird das Gespräch durch die Ankunft der Suppen unterbrochen. Zum Glück sind es nur zwei Teller. Zwar riecht es durchaus gut, aber um diese Zeit hat Jana noch überhaupt keinen Appetit. Mit dem warmen Teebecher in den Händen lehnt sie sich in ihrem Stuhl zurück und wünscht ebenfalls: "Guten Appetit."

AB

Urszula zuckt die Schultern und hebt beschwichtigend die Hände. "Ich bitte Euch, da könnt Ihr doch nichts dafür. Er will sich wahrscheinlich nur voll und ganz auf Euch und Euer Anliegen konzentrieren können." Die Ankunft der Suppe bringt die Bornländerin kurz in Schwierigkeiten. Dass Reska am Liebsten sofort mit dem Löffeln loslegen möchte ist unübersehbar. Und Jana hat ja unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass sie zu dieser Tages- bzw Abendzeit ungern größere Mahlzeiten zu sich nimmt, so es denn nicht durch äußere Umstände vonnöten sei.
Anders Urszula, deren Magen leise aber nachdrücklich zu Verstehen, gibt dass er keineswegs einer Mahlzeit abgeneigt sei. Aber die Höflichkiet gebietet, nicht einfach im Beisein von Jana zu Essen. Und da ist ja noch der Honigkuchen.
Mit leichtem Bedauern schaut die Freiin daher auf die dampfende Schüssel und meint: "Schade, das kam jetzt unerwartet. Wo wir uns doch erst an einem Stückchen Honigkuchen laben wollten. Und genau das werden wir jetzt auch tun!" Mit diesen Worten beginnt sie das Wachspapierpaeckchen auszuzwickeln.
"Ja, genau. Bei unserer Ankunft trafen Reska und ich vor der Tür des Gasthauses auf zwei Männer: der eine ordentlich und der Kälte angemessen gekleidet und der andere halbnackt ohne Stiefel oder Strümpfe daneben stehend."
So langsam kommt ein dunkelbraunes Gebäckstück zum Vorschein, von welchem ein süßlich-würziger Duft ausgeht.
"Der Bekleidete war so nett, mir vom Pferd zu helfen, und dann habe ich nur gefragt, wer sich wohl um mein Gepäck kümmern würde. Und der Capitano - von dem ich ja nicht wusste, dass er nicht ein weiterer Knecht oder Bediensteter des Hauses, war so freundlich, sich anzubieten."
Inzwischen ist der Honigkuchen fertig ausgewickelt.

RB

"Aber nein!” wehrt die Teetrinkerin ab. "Ich bitte Euch, esst doch erst einmal! Der Kuchen eignet sich sowieso besser als Dessert denn als Amuse-Gueule. Es wäre mir sehr unangenehm, wenn meinetwegen Eure Suppe kalt werden sollte; dafür ist sie zu schade." Sie legt eine Hand auf Urszulas Unterarm und hindert sie so daran, den Honigkuchen anzuschneiden, gleichzeitig blickt die Signora die Freiin aus ihren dunklen Augen freundlich aber bestimmt an.
"Da Dom Avessandro offensichtlich immer noch damit beschäftigt ist, sich auf unser Treffen vorzubereiten", fährt sie mit amüsiertem Seitenblick in dessen Richtung fort, "kann ich Euch von dem Anliegen erzählen. Dann könnt Ihr ungestört essen und müsst keine Angst haben, ich könnte mich langweilen. Und anschließend erzählt Ihr mir mehr vom halbnackten Capitano." So ganz verstanden hat Jana die Geschichte noch nicht, aber sie erinnert sich, dass der Capitano immer noch auf Socken unterwegs war, als sie eintraf. Und mit einem abgerissenen Knopf, fügt sie in Gedanken hinzu.

OHH

Zum Glück hat Reska den Vorzug, sich nicht um solch alberne Etikette sorgen zu müssen. Falls der Kuchen wieder eingepackt werden sollte, bringt sein Duft auch nicht den Geschmack der Suppe durcheinander. Beim vorsichtigen Schlürfen wird der sichtbare menschliche Gesprächsgegenstand drüben noch einmal gemustert. Ja, diese Avessandro empfindet Reska als die gegenwärtig Hübscheste. Möglicherweise ist es gerade die Rätselhaftigkeit jener Person, welche einen solchen Reiz ausmacht. Oder vielleicht auch...

AB

Die blauen Augen erwidern den Blick der dunklen ohne Abschweifen. Treuherzig, möchte man im ersten Augenblick meinen, doch kann man im Hintergrund ein gespanntes Interesse erahnen. "Meint Ihr wirklich? Es wäre ja auch zu schade, sie duftet so gut. Und schmeckt wohl auch, oder Reska?"
Ohne den Arm unter Janas Hand hervorzuziehen, lässt Urszula mit der anderen vom Honigkuchen ab und greift den Löffel. "Also denn, ich bin sehr gespannt, was das für ein Anliegen ist, das euch mit Herrn Avessandro zusammenbringt." Die Höflichkeit gebietet allerdings, jetzt wenigstens mit dem Essen zu warten, bis Jana den Arm freigegeben hat.

RB

Jana hält den Arm nicht länger fest als nötig. Als Urszula ihrem Wunsch entspricht, lehnt sie sich wieder entspannt zurück. "Dann wünsche ich den Damen guten Appetit."
Als jene zu essen beginnen, beginnt Jana, zu erzählen: "Das Anliegen, das uns hier zusammenbringt, ist etwas, mit dem ich mich schon längere Zeit herumtrage." 'Genau gesagt eigentlich seit ich Mutters Grab gefunden habe.' Bei diesem Gedanken macht sie eine kurze Pause und fährt mit den Fingern über das aufklappbare Amulett, das sie um den Hals trägt.
Während der Pause dringen ein paar Worte vom Nachbartisch an ihr Ohr: 'Warum sollte Avessandro mit Orks sprechen wollen?' Das weckt ihre Aufmerksamkeit, aber leider ist diese jetzt an diesem Tisch vonnöten, deshalb nimmt sie sich vor, ihn nachher darauf anzusprechen und sich jetzt auf ihre Erzählung zu konzentrieren: "Es geht dabei um ein Theaterstück, das ich gerne auf die Bühne bringen möchte."

AB

Während die Bornländerin nun ebenfalls die Suppe genießt, lauscht sie der Erzählung der Signora. Die Pause lässt sie aufblicken, und so entgeht ihr die Berührung des Amuletts nicht. 'Ob es etwas mit der Geschichte zu tun hat? Vielleicht ein Erinnerungsstück an ein besonderes Geschehnis... oder einen besonderen Menschen.'
Da Urszula Jana in ihren Gedanken, die offenbar sehr von dieser Erinnerung in Besitz genommen werden, nicht zu stören wünscht, löffelt Urszula erst einmal schweigend weiter. Die dann folgenden Worte lassen sie aber doch erstaunt das Besteck absetzten. "Ein... Theaterstück? Für Euer Theater in Vinsalt?" 'Was für eine Erinnerung mag das jetzt sein, dass man ihr ein Theaterstück widmet?'

OHH

Woher denn soll Reska wissen, ob Avessandro gut duftet! Und schmeckt? Moment, da muss etwas anderes gemeint sein! Der Kuchen scheidet aus, weil er im Garethi sprachlich als männlich einsortiert wird. Erkennend zieht Reska für einen Augenblick das Gesicht über sich selbst zusammen. Natürlich ist die Suppe gemeint!
Da Urszula schon wieder weiterplappert, erwartet sie wohl maximal ein Nicken, welches sie auch erhält. Die andere Dame bekommt auch eines für ihren guten Wunsch.
Theater - auch so ein Ort, den Reska noch nie besucht hat. Es sei denn, man wolle etwas wie das original Koscher Wengeltheater hinzurechnen. Das ist allerdings grandios!

RB

"Ja", antwortet die Impresaria, die das Theater in ihrer Freizeit neben ihrer eigentlichen Arbeit führt, "und natürlich auch für andere Theater, wenn es ein Erfolg wird." Ihre Augen leuchten vor Begeisterung, als sie fortfährt: "Es soll modernes Aktionstheater werden im Stile von Rosendorn. Keine langen Monologe, sondern Spannung und viel Bewegung auf der Bühne. Es wird geliebt, gehasst, gelacht, gekämpft, gestorben und neues Leben gezeugt.“ 'Insbesondere mein eigenes.'

AB

'Aktionstheater, darunter kann ich mir ja noch was vorstellen, aber wer bei Hesinde ist Rosendorn?' "Das klingt ansprechend, Spannung und Bewegung und all das andere", stimmt Urszula zu und nimmt einen weiteren Löffel Suppe, dadurch signalisierend dass sie auch weiterhin ohne Unterbrechung zuhören wird.
'Vor allem das neue Leben. Ich kann mir vorstellen wie das beim Bardentreffen in Norburg dargestelt würde - dort ist ja die Form des Spontantheaters immer beliebter. Wobei ich sicher bin, dass nicht alles, was als Theater verkauft wird, auch ein solches ist.'

RB

"Ja, das ist es, was die Leute sehen wollen", pflichtet Jana ihr bei. "Und natürlich Skandale. Man muss das nur so dosieren, dass die örtlichen Behörden nicht einschreiten, aber die Kritiker außer sich sind. Wenn man es schafft, mit einer Schlagzeile wie 'Skandal in der Dunkelheit' oder 'Unzucht auf offener Bühne' in die Zeitung zu kommen, dann hat man gewonnen. Dann rennen einem die Zuschauer die Bude ein", erklärt sie lachend. "Aber da man sich auf die Kritiker nicht verlassen kann, sind natürlich Charaktere, mit denen man sich identifizieren kann, und eine gut geschriebene Geschichte ebenso wichtig. Und hier kommt Dom Avessandro ins Spiel."

OHH

Der Name Rosendorn ist Reska so unbekannt, dass sich jeder weitere Gedanke daran erübrigt. Klamauk ist also gefragt, ganz wie im Puppentheater. Gewiss ließen sich mit Handpuppen wunderbare Parodien auf die von der Dame beschriebenen Vorgänge darstellen.
Die Suppe auf dem bis eben emporgehaltenen Löffel sollte nun genügend abgekühlt sein. Ja, sehr schmackhaft.

AB

Das mit den Skandalen kann Urszula durchaus nachvollziehen, in allen Belangen. Es ist immer ungünstig, die Behörden zu alarmieren, oder den Dorfvorsteher. Aber dafür zu sorgen, dass man sich bei Bier und Meskinnes das Maul zerreisst über die aus Nebenniedersjepengurken, das hat seinen Charme und vor allem seinen Nutzen.
Weiterhin genüsslich die Suppe löffelnd wirft sie daher ein: "Ihr erregt meine Aufmerksamkeit, Frau D'Aminovitch. Obwohl ich annehme, dass es mit der 'Unzucht' nicht ganz so bestellt sein wird, wie es sich mancher vorstellen mag. Oder etwa doch?" Jetzt legt sie den Löffel nieder und wirft Jana einen blitzenden Blick zu. "Ganz und gar? Nackte Haut und alles was dazugehört? Und so überzeugend, dass den älteren Damen die Sinne schwinden und die alterern Herren einen Vorwand suchen, um erneut das Theater zu besuchen? Braucht es da nicht eher gut aussehende Darsteller als eine gut geschriebene Geschichte?"

RB

Die Impresaria lacht: "Die genaue Ausgestaltung der Szene liegt natürlich immer beim Regisseur. Aber ganz so wild werden wir es wohl nicht treiben, schließlich sind wir immer noch ein Theater, kein Varieté oder Cabaret. Ein bisschen nackte Haut vielleicht, ein nacktes Knie oder so, eine Hand, die sich etwas zu weit vorwagt oder ein Paar im innigen Kuss, bevor der Vorhang fällt. Wenn er sich wieder öffnet, liegen die beiden mit verwuschelten Haaren nebeneinander im Bett, natürlich züchtig unter der Decke", beschreibt sie dann doch mögliche Ausgestaltungen.
"Ich setze immer gerne auf die Fantasie der Zuschauer, nicht nur für solche Szenen. So sind sie aufmerksamer bei der Sache, und es bleibt besser im Gedächtnis. Außerdem habe ich noch nie gehört, dass sich jemand über schlechte Schauspielerei in Szenen beschwert hat, die nur in ihrer Fantasie stattgefunden haben. Da spielt dann doch die Kunst des Autors, die Fantasie anzuregen, eine größere Rolle als das Aussehen der Schauspieler. Es gab sogar vor ein paar Jahren ein Stück, in dem die Hauptfigur nicht ein einziges Mal auf der Bühne zu sehen war."

NW

Mit dem vollen Tablett geht Tesden zurück zum Tisch mit der versammelten Adligenschaft.

OHH

Immer weniger langsam folgt ein Löffel dem nächsten.
Nacktheit hat Reska noch nie sonderlich angesprochen. Seit der Flucht - oder besser: der verrückten Idee des Einhändigen - hat sich dies nicht bloß einseitig noch verschärft. Insofern gibt es keine Enttäuschung bei den Erklärungen der Domna. Der letzte Satz verwundert allerdings. Vermutlich ist es eine Frage der Definition, ob jemand, um den es die Ganze Zeit geht und über den die Rede ist, dadurch schon zu einer Hauptfigur werden kann. Oder sollte es sich um einen Unsichtbaren gehandelt haben? Aufmerksam wird die Schauspielerin ins Auge gefasst.

AB

Eine gewisse Enttäuschung ist der Bornländerin im Gesicht abzulesen, und sie verzieht theatralisch schmollend den Mund. "Ach, nur ein bisschen nackte Haut... Da kann ich in den niveschen Schwitzhütten ja mehr sehen. Wenn auch sicherlich nicht so appetitliche wie bei Euch im Theater. Mit dem Capitano würde ich zum Beispiel jederzeit in die Schwitzhütte, aber das ist ein anderes Thema. Aber bitte, es ist Euer Theater und Euer Theaterstück, Ihr könnt das mit Sicherheit besser einschätzen als ich. Aber helft mir doch bitte, wie genau kommt jetzt der Herr Avessandro ins Spiel? Soll er die Fantasie in Worte fassen, die Ihr nicht darstellen wollt oder könnt?"
'Nun, bei den Diskussionen beim Stammtisch sind die Hauptfiguren auch meistens nicht anwesend. Es lästert sich doch so viel besser über nicht Anwesende. Das senkt auch das Verletzungsrisiko, vor allem bei angetrunkenen Bronjaren.'
Die Suppe geht derweil langsam aber stetig zur Neige. Da ist es gut, dass der Wirt sich erneut dem Tisch nähert. Freundlich blickt Urszula ihm entgegen.

RB

"Ihr könnt den Capitano ja mitbringen ins Theater, vielleicht lässt er sich dort inspirieren, anschließend mit Euch in die Schwitzhütte zu gehen. Ich reserviere Euch gerne eine private Loge", antwortet Jana grinsend; die Unterhaltung ist nach ihrem Geschmack. Sie weiß zwar nicht genau, was eine Schwitzhütte ist, aber offenbar gibt es dort nackte Haut zu sehen und wahrscheinlich ist es ziemlich warm. Das wäre an einem Tag wie heute sehr angenehm.
"Dom Avessandro brauche ich, um die Geschichte zu Papier zu bringen. Ich habe schon eine sehr genaue Vorstellung davon, wie das Theaterstück aussehen soll, nicht nur die Teile abseits der Bühne, sondern auch die gespielten. Ich kann es vor mir sehen und die Dialoge mitsprechen. Aber jedes Mal, wenn ich mich hinstelle, um es aufzuschreiben, kommt nur Murks raus. Ich habe es oft genug versucht, aber ich schaffe es einfach nicht, das Bild in meinem Kopf in geschriebene Worte zu übertragen. Dafür fehlt mir offenbar das schriftstellerische Talent", gibt sie mit Bedauern zu.
"Von Dom Avessandro dagegen weiß ich, dass er virtuos mit dem geschriebenen Wort umgehen kann und Gedanken in einem sehr ansprechenden Stil zu Papier bringt. Sowohl seine eigenen als auch die anderer Menschen. Deshalb hoffe ich, dass ich im Gespräch mit ihm darstellen kann, was ich mir vorstelle, und er es als Drama aufschreibt. Außerdem kann ich dann sein Werk kritisieren und nicht mein eigenes. Das macht mehr Spaß."
Mitgerissen von ihrer eigenen Begeisterung bemerkt die verhinderte Schriftstellerin den Wirt erst, als Urszula in seine Richtung schaut und Jana dem Blick folgt.

OHH

Bei Urszulas Nacktheitbegeisterung mag es an ein Wunder grenzen, dass Reska trotz gemeinsamer Reise den eigenen Körper noch nicht hat preisgeben müssen. Dies war allerdings auch nicht immer leicht und von bisweilen verständnislosen Blicken der Freiin begleitet.
Dagegen scheint die andere Dame auf ganz eigene Weise ein rechtes Luder zu sein. Die beiden passen auch nach zweitem Eindruck gut zueinender.
Oh, der Wirt! Etwa bereits mit den Keulen? Dann könnte der Kuchen wie erhofft als Nachtisch herhalten. Doch nein, es ist wohl erst einmal nur das Bier. Auch gut. Reska nickt zufrieden.

AB

Die Freiin lehnt sich ein wenig zurück, um dem Wirt Platz zu machen. Der Duft warmen Bieres zieht angenehm in ihre Nase, aber da fehlt etwas... Richtig, kein Gewürz. Es scheint nur einfach ein warmes Bier zu sein. Nun, bleibt zu hoffen dass man auch hier sowohl getrocknete Nelken als auch Carnehl kennt. Aber diese Frage hebt sie sich noch auf. Zuvor verdient die Signora eine Antwort.
"Das würdet Ihr tun? Wie überaus leibreizend von Euch. Gerne nehme ich das Angebot an, allerdings müsste es bis zu meiner Rückreise aus Bethana warten. Wenn das machbar wäre? Dann müsste ich jetzt nur noch den Capitano überreden... oder mir einen anderen Herrn als Begleitung suchen. Vermutlich ist Letzteres einfacher. Was ist mit dir, Reska?" wendet sich Urszula unvermittelt an die wie immer schweigsame Norbardin. "Kommst du auch mit ins Theater in Vinsalt, ob nun mit oder ohne Herrenbegleitung? Vielleciht hat Herr Avessandro bis zu unserer Heimreise ja schon dieses Theaterstück vollendet und wir können ihn gemeinsam mit Frau D'Aminovitch kritisieren."

RB

Jana holt schon Luft für ihre Antwort, als Urszula sich an ihre stille Begleiterin wendet. 'Für Urzsula einen Begleiter zu finden, dürfte kein Problem sein. Ein Besuch im Praiostagsgottesdienst, und sie hätte mindestens eine handvoll, die ihr bereitwillig ins Theater wie in die Schwitzhütte folgen würden. Domna Reska ist da schon ein schwierigerer Fall, aber was wäre das gesellschaftliche Leben ohne Herausforderungen? So wartet sie erst einmal auf die Antwort der Norbardin.

OHH

Wäre Urszula denn keine Begleitung? Ach so, sie spricht wohl von einem Mann. Aber dies scheint einstweilen ein späteres Problem. An sich wäre ein Theaterbesuch möglichrweise eine ganz neue Erfahrung - was allerdings nicht bedeuten muss, dass sie auch angenehm wäre. Das mütte man eben ausprobieren. Unklar bleibt, ob er als Teil des Begleitungsabkommens ist. "Wer bezahlt?"

NW

Tesden stellt die Bierkrüge und das Honigtöpfchen mit dem Löffel auf dem Tisch ab und nickt den Damen zu.

AB

In Gedanken noch bei dem dampfenden Bier und den fehlenden Gewürzen darin, ist Urszula von der Frage der Norbardin überrascht. Verdutzt erwidert sie: "Es war doch ausgemacht, dass ich für Kost und Logis aufkomme, wenn du mich nach Bethana begleitest. Ich habe doch bislang immer bezahlt, warum sollte das heute anders sein?"
Mit einem leichten Kopfschütteln wendet sie sich jetzt dann doch an den Wirt. "Wunderbar, ganz wunderbar. Aber sagt, guter Mann, ich vermisse den Duft nach Carnehl und Nelken. Kann es sein, dass die Gewürze vergessen worden sind, ohne die dieses Bier nur einfach ein warmes Bier und kein Würzbier ist?" Blaue Augen über liebreizend lächelnden vollen roten Lippen schauen den Eberwirt treuherzig an.

OHH

Anscheinend ist Urszula mit den gleichzeitigen Themensträngen etwas überfordert. Doch die Frage, wer wen begleitet und bezahlt, kann man auch noch unmittelbar vor dem anstehenden Theaterbesuch klären. So ist es Reska zufrieden und wird der letzte Rest der Suppe direkt aus der Schale in den Mund gestürzt.

RB

Jana runzelt kurz die Stirn. Da hat es wohl ein Missverständnis zwischen den beiden Damen gegeben, aber immerhin hilft es ihr, das Verhältnis der beiden besser zu verstehen. Und dass die Theatereinladung natürlich auf ihre Kosten geht, kann sie gleich noch erklären.
Dass der Wirt Honig bringt, ist sehr willkommen, denn das Einzige, das besser ist, als Tee mit Honig ist Tee mit Zucker. Aber den hier auf dem Land zu finden, ist sehr unwahrscheinlich. Aber muss das so bleiben? Vielleicht sollte sie mal Agenten ausschicken, die Landgasthöfen Proben von Zucker anbieten. Wenn die Bevölkerung auf den Geschmack kommt, könnte das die Absatzmärkte deutlich vergrößern. Das muss sie bei Gelegenheit mal mit ihrem Cousin besprechen.
Bier dagegen ist so gar nicht nach ihrem Geschmack. Da werden weder Carnehl und Nelken noch Honig etwas dran ändern können. Mal sehen, wie der Wirt darauf reagiert.
Zwischenzeitlich wandert der Blick der Schauspielerin mal wieder an den Nebentisch. Avessandro und Zaünin unterhalten sich zwar zu leise, um den Inhalt des Gespräches mitzubekommen, aber der Körpersprache nach ist die Unterhaltung sehr intensiv.

NW

"Ihr meint Gewürze wie in Würzwein?" fragt Tesden vorsichtshalber nach. Die kulinarischen Vorlieben fremder Länder sind ihm manchmal immer noch ein Rätsel. Innerlich schüttelt es ihn beim Gedanken an warmes Bier mit Honig und Gewürzen, äußerlich lässt er sich davon jedoch nicht viel anmerken, er hat schon Seltsameres gehört.

AB

"Ja genau!" strahlt Urszula den Eberwirt an. "Ganz genau. Wäre es zuviel verlangt, wenn die Köchin das Bier nochmals erwärmen würde, diesmal aber mit den Gewürzen? Es gibt nichts Schöneres bei diesem Wetter als ein Würzbier", versichert sie voller Enthusiasmus den am Tisch Sitztenden und dem Wirt.

OHH

Die armen Wirtsleut! Reska schmunzelt in sich hinein, versonnen mit dem Zeigefinger die Innenseite der abgestellten Schale entlangfahrend und ein wenig der dort klebenden Suppe einsammelnd. Nicht, dass es nicht noch genügend zu essen geben wird! Es schmeckt nur so gut; dies will sich Reska noch einige Momente länger erhalten.

NW

Innerlich seufzend, äußerlich jedoch die Contenance wahrend, nickt der Wirt und bemächtigt sich wieder der beiden Bierkrüge. "Sonst ist alles recht?" erkundigt er sich noch.

AB

"Danke, alles wunderbar", versichert Urszula und blickt dann die beiden anderen Damen am Tisch fragend an. Man kann ja nie wissen, wie es um die Befindlichkeiten der Anderen bestellt ist, nur vermuten. Und mit Vermutungen kann man auch rasch falsch liegen, da ist es besser, nachzufragen - auch wenn von Reska wahrscheinlich wieder keine sehr lange Antwort zu erwarten ist. Was wirklich schade ist, denn sie würde gern mehr über die schweigsame Norbardin erfahren.
Während der Blick von der einen zur anderen wandert, kommt die Freiin nicht umhin zu bemerken, dass Avessandro und seine Tischgenossin sich erneut auf den Weg zur Treppe und damit ins Obergeschoss begeben. Dorthin, wo sich der Capitano und die Verletzte immer noch aufhalten. 'Hmm... das ist jetzt schon das zweite Pärchen das nach intensivem Gespräch, welches durchaus vertraulich gewirkt hat, nun klammheimlich gemeinsam ins Obergeschoss verschwindet. Beide haben ja schon vorab Zimmer reserviert für mindestens noch eine weitere Person - aber zumindest bei Herrn Avessandro sitzt die Person, für die das Zimmer reserviert war, jetzt hier bei mir am Tisch. Ein Schelm, der Böses dabei denkt...'

OHH

Wie könnte es anders sein: Reska nickt nur zufrieden auf Urszuöas fragenden Blick hin. Die weitere Leerung des Schankraumes wird recht beiläufig zur Kenntnis genommen. Sollte es denen allen etwa nicht gemütlich genug hier unten sein? Kaum vorstellbar!

RB

"Bei mir ist ebenfalls alles bestens", antwortet Jana dem Wirt, als sie Urszulas fragender Blick trifft. Den Becher mit dem warmen Tee hat sie wieder in die Hände genommen. "Den Honig könnt Ihr aber schon einmal hierlassen", fügt sie lächelnd hinzu. Dass das Paar vom Nachbartisch sein intensives Gespräch lieber ungestört fortsetzen will, überrascht sie nicht sehr. 'Mal sehen, wann Dom Avessandro und ich dazu kommen uns zu unterhalten.'

NW

Mit einem letzten Nicken trollt sich der Wirt mit den beiden Bierkrügen wieder in die Küche.

AB

Sinnend blickt Urszula dem entschwindenden Wirt hinterher. Oder sucht sie nur einen Grund, um den Blick ein wenig länger auf der inzwischen leeren Treppe verweilen zu lassen?
Langsam wendet sie sich und ihre Aufmerksamkeit wieder dem Tisch und den Tischgefährtinnen zu. "Wo waren wir gleich stehengeblieben? Theaterbesuch in Vinsalt, richtig? Zwei Personen und vielleicht noch nette Begleitung. Da freuen wir uns jetzt schon, Frau D'Aminovitch. Aber sagt, worum genau wird es denn in dem Stück nun gehen?"

OHH

'Vermutlich um unsichtbare Nackte', mutmaßt Reska still schmunzelnd. Eher nichts, wo man auf der Bühne stehen möchte, allerdings wird es ja noch andere Rolen geben. Zudem, wenn Reska es recht bedenkt, wird man als Unsichtbarer ja hinreichend gar nicht gesehen, was einen Bühnenaufenthalt nun wiederum etwas vertretbarer gestalten würde.

RB

'Ach ja, der Theaterbesuch.' "Das hängt natürlich vom Spielplan ab, welches Stück gerade gespielt wird, wenn Ihr in Vinsalt seid. In ein bis zwei Monden? Dann könnte schon 'Die Sternenkriegerin' laufen. Das ist natürlich Aktionstheater vom Feinsten. Ein bisschen zu viel Effekthascherei für meinen Geschmack, aber das Publikum liebt es. Die Kampfszenen sind hervorragend choreographiert, wir mussten dafür sogar einen zusätzlichen Fechtlehrer einstellen. Und wie gemacht für den Capitano, es kommen viele Schiffe in allen Größen darin vor. Ich werde extra noch einmal kontrollieren lassen, dass alles nautisch korrekt ist, wir wollen uns ja nicht blamieren", zwinkert sie. "Und falls das mit dem Capitano nicht klappen sollte, schickt mir am besten eine Depesche, ein paar Tage bevor Ihr kommt. Dann kann ich die Begleitung organisieren." Bei diesen Worten klimpern die großen Augen unter der wippenden Stirnlocke in einer Art und Weise, die zweifellos geeignet ist, männliche Begleitung zu organisieren.

AB

"Oh, wie reizend von Euch", nimmt Urszula das Begleitungsorganisatiosnangebot nun ihrerseits mit den Augen klimpernd an. "Wir werden dann depeschieren, wenn es soweit ist. Schiffe und Kampfszenen sind bestimmt kurzweilig. Aber ich dachte, Euer Theaterstück sei noch gar nicht soweit, denn sonst müsstet Ihr ja nicht die Hilfe von Herrn..." Sie verstummt und runzelt kurz die Stirn. Dann hellt sich die Miene wieder auf. "Ach, natürlich. 'Die Sternenkriegerin' ist gar nicht Euer neues Stück. Es ist doch von Euch, oder? Oder nicht?"

OHH

Sterne, die Kriege miteinander führen? Welch eine absonderliche Vorstellung! Reska spuken allerlei wildgewordene Lichtpunkte vor Augen, welche aufeinander mit winzig kleinen Schwerterchen und Äxtlein einschlagen. Verrückt.
Doch wenn es ein Theaterstück sein soll, das Spektakel also von Menschen dargestellt wird, muss man sich die Sternchen wohl größer vorstellen. Was für bizarre Kostüme!

RB

"Da habt Ihr Recht, mein neues Stück wird noch lange nicht fertig sein. Dies ist nur das Stück, für das wir gerade proben und das demnächst in der Großen Bühne Premiere haben wird. Es stammt aus der Feder eines sehr bekannten Theaterdichters und wird gespannt erwartet. Ich selbst habe noch nie ein Stück geschrieben, ich habe ja gerade schmerzlich feststellen müssen, dass mir dazu jegliches Talent fehlt. Deshalb hoffe ich, das Dom Avessandro irgendwann heute noch Zeit für mich haben wird." Jana deutet in Richtung des leeren Tisches. So hat sie den Irrtum aufgeklärt, ohne Urszula direkt widersprechen zu müssen und gleich das Thema gewechselt.
"Aber wenn es irgendwann soweit sein wird, werde ich Euch gerne eine Einladung schicken. Allerdings werdet Ihr dann wahrscheinlich auf meine Anwesenheit in der Loge verzichten müssen, denn ich spiele mit dem Gedanken, in diesem speziellen Fall mal wieder selber auf der Bühne zu stehen. Ich hoffe, dass ich das irgendwie mit meinen sonstigen Verpflichtungen unter einen Hut bringen kann." Selina hat sie deswegen schon für verrückt erklärt und eine Egoistin geschimpft, aber für Jana ist es eine Herzensangelegenheit. Außerdem sieht niemand ihrer Mutter so ähnlich wie sie und sie hat die Rolle der Rosendorn schon einmal gespielt.

AB

Bislang hatte Urszula das Theater um das Theater mehr als ein 'ach dann machen wir das mal eben so und so und du kommst von links - nein, das andere links - und dann passiert dies und dann das und fertig' angesehen, aber Janas Worte und ihre Intesität, mit der sie davon spricht, belehren sie zunehmend eines anderen. Es ähnelt doch in gewisser Weise den Vorbereitungen für ihre Reise nach Bethana, das Recherchieren, das Ausarbeiten und dann natürlich die Durchführung. Nur der Applaus, der fehlt. Oder drückt sich in dem Fehlen von Verdächtigungen oder Schlimmerem aus. Interessant...
"Also, jetzt macht Ihr mich, ich meine uns aber wirklich neugierig. Ich muss ja gestehen, dass ich bislang noch nicht allzuviel Erfahrung mit dem Theater gemacht habe - bei uns in den Sjepengurker Landen gibt es sowas kaum. Wenn Bardentreffen stattfinden allerdings, ja dann gibt es überall Theater. Und oftmals kommen sie dann auch in die umliegenden Baronien. Aber das ist mit Sicherheit nicht mit den Theaterstücken in Vinsalt zu vergleichen, das ist dann eher aus dem Leben gegriffen. Tochter des Barons soll ältesten Sohn des Nachbarnbarons heiraten, liebt aber den jüngeren Bruder oder einen Knecht auf dem Hof des Vaters, der sich dann am Ende als der verscholle Grafensohn herausstellt oder so. Worum genau soll es denn in Eurem eigenen Stück gehen, Frau D'Aminovitch? Es scheint Euch ja sehr viel daran zu liegen, dass es in die rechten Worte gefasst wird, handelt es etwa um etwas persönliches?"

NW

Tesden eilt mit den warmen Bierkrügen erneut den Damen entgegen und stellt sie vor ihnen auf dem Tisch ab. "Ich hoffe, jetzt ist alles recht?" erkundigt er sich.

OHH

Derweil lächelt Reska still vor sich hin, beobachtet die erzählende Dame und deren Mimik, aber hört ansonsten gar nicht recht zu. Schon eine Hübsche, diese Schauspielerin.
Erst Urszulas Worte laden zu weiterer Überlegung ein: Warum sollten Liebesgeschichten hierzulande anders ablaufen als im Norden? Etwas freizügiger vielleicht, weil es weniger kalt ist, natürlich. Das wurde ja bereits angesprochen. Reskas Blick schweift zum Wirt hinüber, dann auf die Becher.

RB

Jana nickt. "Das ist ganz typischer Theaterstoff. Wenn man genau hinschaut, findet man eine Variation davon in vielen Stücken. Das dann natürlich in den verschiedensten Ausgestaltungen, Kostümen und Qualitäten, sowohl des Buches als auch der Schauspieler. Da unterscheidet sich das Bardentreffen nicht groß von der Bühne in der Hauptstadt."
Sie macht eine kurze Pause, um ihre Gedanken zu sammeln, bevor sie ernst vorfährt: "Bei meinem Stück handelt es sich in der Tat um etwas Persönliches." Wieder umschließt die Hand das Amulett. "Etwas, das ich gewissermaßen schon mein ganzes Leben mit mir herumtrage." Bevor sie allerdings Details preisgeben kann, tritt der Wirt erneut an den Tisch und die Dame verstummt, um den anderen Gelegenheit zum Antworten zu geben.

AB

Die Umschließung des Amuletts bleibt nicht unbemerkt. 'Schutzsuchend oder eher schutzgebend? Eine interessante Frage.'
Ach wie unpassend; gerade jetzt muss der Wirt an den Tisch treten! Hoffentlich fühlt sich die Dame dadurch nicht allzusehr gestört, als dass sie die Bereitschaft zur Erzählung verliert.
Urszula zieht ausgiebig den aus den Bechern aufsteigenden Duft ein. "Hmm... ja, jetzt ist es Würzbier. Tausend Dank, Herr Wirt, auch an die Küchenfee. Und bitte richtet ihr aus, dass ich die Unannehmlichkeit der Mehrarbeit zu entschuldigen suche." Nach diesen - auffallend wenigen - Worten schiebt die Bornländerin einen der Becher zu Reska und greift selbst nach dem Honigtopf. Nachdem ein ziemlich großer Löffel voll Honig in ihrem dampfenden Becher gelandet ist, beginnt sie langsam und vorsichtig umzurühren und wendet sich wieder an Jana. "Ach bitte, Ihr wolltet gerade von eurem eigenen Theaterstück und der Geschichte die dahinter steht erzählen."

NW

Derart entlassen, nickt Tesden den Damen noch einmal zu und begibt sich zurück zu seiner Gattin.

OHH

Nickend zieht Reska den zugewiesenen Becher noch ein klein wenig dichter und gibt Urszulas Beispiel folgend ebenfalls einen großzügigen Schuss Honig bei, welcher sorgfältig verrührt wird, bevor der Löffel wieder im Töpfchen landet.
Dann lehnt sich Reska gemütlich zurück und schnuppert zufrieden am Biere.

RB

'Ach ja, der Honig.' Als Reska damit fertig ist, zieht Jana den Topf zu sich und gibt einen Löffel in den Tee hinein. Während sie umrührt, erfüllt sie die Bitte und erzählt weiter: "Es ist gewissermaßen meine eigene Geschichte, denn im Wesentlichen erzählt das Stück vom Leben meiner Mutter. Genauer gesagt von ihren letzten drei Lebensjahren, vom Mord an ihrer Familie bis zur Vergeltung und ihrem Tod. Und irgendwo dazwischen von meiner Geburt." Gebannt betrachtet die junge Frau die Bewegung des Löffels im Teebecher.

OHH

Das Fräulein scheint es ja auch nicht leicht gehabt zu haben - beziehungsweise dessen Mutter. Und wie bei Reska selbst sind es wohl wesentlich die Mitmenschen, welche für den Hauptteil allen Ungemachs Sorge trugen.
Nach einem tiefen Durchatmen, welches wieder auf den Duft des Bieres aufmerksam macht, widmet sich Reska dem ersten Schlucke.

AB

Urszula formt ein tonloses 'Oh!' mit den roten Lippen und schenkt Jana ein erschrockenen Blick aus aufgerissenen Augen. 'Eine gute Werbestrategie oder wirklich die traurige Wahrheit? Beides ist denkbar und ihr zuzutrauen. Sollte es nur eine Strategie sein, so ziehe ich den Hut vor ihr; sie wäre mit allen Wassern gewaschen. Was würde Charlon jetzt sagen? Im Auge behalten, Engelchen, im Auge behalten.'
"Das ist ja schrecklich", haucht die Freiin. "Alle tot? Ermordet? Wie, wer, warum...? Und Ihr so ganz allein..." Die Stimme beginnt ihr zu versagen ob des unermesslichen Leides, welches sich vor ihrem innern Auge ausbreitet, und sie nimmt rasch einen Schluck des warmen Bieres.
Süß. Annehmbar gewürzt. Akzepabel.

RB

Jetzt ist der Tee genug gerührt. Jana zieht den Löffel heraus, leckt ihn trocken, wie es sich gehört und steckt ihn dann zurück in den Honigtopf. Sie probiert einen Schluck Tee. Nur noch lauwarm, aber dafür angenehm süß.
"Es war einer der Söldnerhaufen, die damals in der Answinkrise mordend und plündernd durchs Land zogen. Sie haben alle erschlagen und die Wagen in Brand gesetzt. Meine Mutter blieb nur am Leben, weil sie mit Blut besudelt und ohnmächtig für tot gehalten wurde." Die Stimme der Signora klingt kalt und wütend, als sie die Fakten serviert und die Details für sich behält. Dann fährt sie in ruhigerem Ton fort: "Aber das war vor langer Zeit, noch vor meiner Geburt. Es wird auch nur im Prolog kurz angerissen, da es der Beginn der Geschichte ist, die sonst sicherlich anders verlaufen wäre."

AB

Die Bornländerin räuspert sich vernehmlich, als würde ihr die Ernsthaftigkeit des Gehörten auf die Stimme schlagen. "Wie... hrmm, wie ist sie denn dann verlaufen, die Geschichte?"
Ihre Finger, welche den Becher umfassen, tanzen dabei ein wenig auf und ab. 'Krise? Was weißt du?' Den Augenkontakt mit Reska meidet die Freiin, doch versucht sie deren Hände im Blick zu behalten.

OHH

Ein klein wenig ungewohnt ist der Geschmack, doch verwundert dies Reska keineswegs. Allein das Bier selbst ist ja bereits ein anderes als jedes im Norden, und bereits hierzulande haben sie ja bereits verschiedene genossen. Abwechslung ist am Reisen ebenso Vorteil wie sie zuweilen einen Nachteil darstellen kann.
Ja, passabel. Entspannung ist gerade das Rechte und Nötige. Hoffentlich kommen die beiden Frauen bald wieder auf Erbaulicheres zu sprechen!
Derweil wollen Reskas Hände nicht viel mehr preisgeben als der Mund. Nur der kleine Finger am Becher zuckt ein wenig, was wohl eher wenig zu bedeuten hat - zumindest nichts, was sich in klare Worte fassen ließe.

RB

"Ich komme gleich darauf zurück", verspricht Jana der Bornländerin, bevor sie das Thema wechselt: "Wir haben doch eben darüber gesprochen, wie man die Phantasie der Zuschauer in die Handlung einbezieht. Dieser Prolog wäre ein Beispiel dafür. Zumindest so, wie ich ihn im Augenblick vor meinem inneren Auge sehe, ich habe schon eine sehr klare Vorstellung. Wenn Ihr Interesse habt, stelle ich sie Euch kurz vor." Es scheint klar, dass die Schauspielerin das gerne möchte, als sie Urszula auf ihre Zustimmung hoffend anblickt.

AB

Der hoffende Blick Janas findet in den blauen Augen Urszulas einen ebenfalls hoffenden Gegenpart. "Ja bitte, unbedingt. Das ist so aufregend - und dann auch noch zu wissen, dass Ihr, also Eure Mutter das alles selbst erlebt hat. Unfassbar!"
Urszula nimmt rasch noch einen Schluck von dem Würzbier und seufzt dann tief. "Ich gehöre ganz Euch."
Die inzwischen sicherlich nur noch lauwarme Suppe steht vergessen und kaum gegessen vor der Bornländerin.

OHH

Wie üblich übertreibt es Urszula mit ihren Bekundungen, aber solches muss verdingten Handlangern und Reisebegleitern ja nichts weiter bedeuten. Trotzdem schmunzelt Reska wieder in sich hinein und genießt noch weitere Schlucke vom Biere. Welch gemütlicher Abend! Denn was ist das Widestosen draußen gegen das ansonsten so übliche Stimmgewirr in reichlich gefüllten Schankräumen! Einziger Nachteil könnte auf Dauer Langeweile werden, falls die Themen der Damen immer ermüdender werden sollten und sich nicht doch noch andere Beobachtungsobjekte anbieten. Höchstens die Wirtsleute könnten gegenwärtig dafür herhalten. Irgendwie wirkt der Herr des Hauses hinter dem Tresen ein wenig besorgt.

RB

"Gut", antwortet Jana. Sie legt die Hände zusammen und beginnt zu erzählen: "Stellt Euch vor, Ihr seid im Theater, die Vorstellung beginnt. Das Licht im Zuschauerraum wird gelöscht, der Vorhang öffnet sich." Sie blickt von einer Zuhörerin zur anderen, um sicherzugehen, dass sie deren Aufmerksamkeit hat. "Die Bühne ist dunkel. Vielleicht sind am Rand schemenhaft ein paar Gauklerwagen zu erahnen, sonst sieht man nichts."
Die Stimme der Erzählerin wird leiser: "Man hört tuscheln, Schritte. Dann wird es plötzlich laut!" Auch Janas Stimme wird wieder lauter und schneller: "Man hört Holz splittern, Gegenstände fallen krachend zu Boden oder zerspringen klirrend. Und Schreie: Angstschreie, Schmerzensschreie, Todesschreie. Aber immer noch sieht man nichts." Hier macht sie eine kurze Pause, um ihre Worte wirken zu lassen. "Immer wieder hört man Waffenklirren, das nach kurzer Zeit mit einem Todesschrei und dreckigem Männerlachen endet.
Inmitten dieses Lärms die gellende Stimme einer Frau: 'Lasst mich in Ruhe, ihr Wüstlinge!' Dann eine Männerstimme: 'Lasst sie los, sonst...' Der Rest seines Rufes geht in einem gurgelnden, röchelnden Todesschrei unter. 'Neiiin!' schreit die Frauenstimme." Die Stimme der Schauspielerin ist jetzt selbst sehr laut geworden, dazu gestikuliert sie, ballt immer wieder die Hände zu Fäusten.
"Während ringsherum weiter gestorben wird, hört man, wie sie sich gegen ihre Angreifer wehrt, die dreckig lachen und bald auch lustvoll stöhnen. Schließlich geht ihr Schreien in Weinen über, dann in Wimmern, schließlich Stille." Parallel ist auch ihre Stimme wieder leiser geworden. Die letzten Worte flüstert sie fast: "Totenstille. Und Dunkelheit."
Janas Fäuste sind geballt, ihr Blick ist in weite Ferne gerichtet und kehrt erst langsam in den Schankraum zurück.

AB

Während der ersten Worte der Signora lehnt sich Urszula zufrieden in den Stuhl zurück und nippt an dem Würzbier, ganz in Erwartung einer guten Erzählung.
In dem Mass, in dem sich Jana in ihre Erzählung hinein- und die Lautstärke der Stimme steigert, geht die Körperhaltung der Bornlääenderin jedoch von der einer interessierten Zuhörerin in die einer mitfiebernden und mitleidenden Beobachterin über. Der Blick huscht umher, als wolle er die Quelle der Todesschreie, der Hilferufe erfassen und schon bald lehnt Urszula mit vornübergebeugtem Oberkörper am Tisch und Urszula Jana mit den Blicken an den Lippen. Ohne es zu merken, umklammern die Hände, welche den Becher mit Bier halten, diesen immer heftiger und beginnen, als Jana zum Ende kommt, sogar zu zittern.
In den blauen Augen, welche nun nicht mehr unschuldig und lachend, sondern mitleidsvoll und voller Schmerz blicken, sammeln sich die Tränen. Erst als der Blick der Schauspielerin wieder im Schankraum angekommen ist und diese ihre Tischnachbarin wahrnehmen kann, flüstert Urszula: "Eure arme Mutter..."
Nur ganz ganz leise meldet sich die Stimme der Vernunft und klaren Beobachtung mit einem 'Wozu braucht sie da noch jemanden, der Ihr das Stück schreibt?'

OHH

'Du meine Güte!' würde es wohl am besten ausdrücken. Reskas Augen sind immer größer geworden, die Schultern unbehaglich etwas emporgewandert. Moment, das ist doch bei aller Erzählkunst nur eine Geschichte! Wobei - nein, es ist wohl die Nacherzählung einer tatsächlichen Begebenheit. Wie muss es nur erst auf der Bühne wirken, wenn man die beschriebenen Dinge wirklich sieht und hört!
Jetzt endlich wird Reska tatsächlich neugierig auf jenes Theaterstück.

RB

Nachdem Jana langsam aus ihrem Stück wieder in die Wirklichkeit zurückgekehrt ist, nimmt sie die Wirkung wahr, die ihre Erzählung auf die Zuhörerinnen hatte. 'Oha, da muss ich wohl Avessandro bitten, den Prolog etwas abzuschwächen, sonst fallen mir im dunklen Theater die alten Damen reihenweise in Ohnmacht. Und wie gut, dass sonst niemand hier ist, ich bin wohl zwischendurch mal wieder etwas laut geworden.'
"Das ist natürlich nur die künstlerische Darstellung", räumt sie ein. "Alles, was ich weiß, stammt aus dem Tagebuch meiner Mutter, sonst gab es ja keine Überlebenden. Und sie war mit Details verständlicherweise sparsam, also musste ich mir zu den geschilderten Fakten einen Ablauf ausdenken."

OHH

Nun doch etwas unschlüssig, wieviel Anteil demnach folglich nur eine erdachte Geschichte ist, kratzt sich Reska mit dem Zeigefinger am Hinterkopf.

AB

Die Freiin entlässt die Anspannnung, indem sie die Luft zwischen den fast geschlossenen Lippen auspustet. "Pfffffff... Meiner Treu, Frau D'Aminovitch, wenn das ganze Theaterstück in dieser Weise weitergeht, ist es nichts fuür schwache Nerven. Ihr habt fürwahr ein Talent zur dramatischen Erzählung. Habt Ihr schon einmal daran gedacht, bei Bardentreffen anzutreten und Euch mit den Skalden aus Thorwal und Olport zu messen? Ich bin sicher, Ihr müsstet den Wettkampf nicht scheuen, im Gegenteil."
Urszula wirft der Norbardin einen fragenden Blick zu. "Was meinst du? Ich für meinen Teil beabsichtige auf jeden Fall, bei der ersten Aufführung dabei zu sein. Allein, um mitzuerleben wie die feinen Damen und Herren der Vinsalter Gesellschaft darauf reagieren." Über ihr Gesicht breitet sich ein spitzbübisches Lächeln aus.

RB

Jana legt kurz den Kopf schief, als überlege sie: "Vielleicht würde ich das tun, wenn sich diese Ereignisse nicht abgespielt hätten. Dann wäre wahrscheinlich Janek mein Vater - das ist der Mann, den Ihr im Prolog habt rufen hören. Ich würde wohl mit meiner Mutter und ihrer Familie durch den Norden ziehen und jeden Abend auf einer anderen, eilig zusammengezimmerten Bühne auftreten. Wahrscheinlich wäre ich glücklich", mutmaßt sie mit träumerischem Gesichtsausdruck.
"Ich durfte zwei Sommer lang mit den Gauklern durchs Land ziehen, als ich noch ein Kind war. Das war eine schöne Zeit. Wenn ich mein Leben wählen und dafür meiner Mutter den Schmerz und frühen Tod ersparen könnte, würde ich es sofort wählen. Aber dann würde wohl kein Theaterstück daraus werden."

OHH

Auch Reska schmunzelt schelmisch und benickt Urszulas Frage. Vermutlich werden die Damen und Herren reihenweise in Ohnmacht fallen.
Was alles anders wäre, wenn es anders wäre, darum möchte sich Reska hingegen keine nutzlosen Gedanken bereiten. Bringt ja nichts.

AB

Es liegt Urszula auf der Zunge, darauf hinzuweisen, dass sie eigentich die Erzählgabe im Allgemeinen als Bardentreffenwürdig erachtet und nicht die Geschichte im Besonderen - doch die Bornländerin hält sich zurück. Die Signora wird schon wissen, wie sie mit den Daimonen ihrer Kindheit am Besten umzugehen hat. So sagt Urszula: "Rufen hören? Ihr meint... Oh. OOOh!"
Urszula blickt sich im Schankraum um, doch da ist außer den Wirtsleuten hinter der Theke niemand zu sehen. Trotzdem senkt sie die Stimme als sie fortfährt: "Wie schrecklich. Ich will mir gar nicht ausmalen, wie es ist, beim Anblick des eigens Kindes immer wieder an diese Nacht... also an die Geschehnisse... Konnte Eure Mutter denn irgendwie Genugtuung erlangen? Wurden die Schergen gestellt, zur Strecke gebacht und ihrer praiosgefälligen Strafe zugeführt? Wisst Ihr vielleicht sogar, wer Euer Vater ist...?" Beim letzten Satz ist die Stimme nur noch ein leises Flüstern.

RB

Jana bemerkt Reskas ungewöhnlich gesprächige Antwort: Nicken und Schmunzeln. Dann aber erklären Urszulas Worte, dass sie schon wieder auf einer falschen Fährte ist.
"Ja", antwortet die Schauspielerin zufrieden, "Ihre Genugtuung hat sie erlangt. Ich denke, soviel kann ich verraten, ohne die Spannung zu verderben, auch wenn das erst im fünften Akt erfolgt. Und mein Vater war im Prolog noch nicht zu hören. Er wird erst in der zweiten Szene des ersten Aktes auftreten, aber schon am Ende des Aktes wieder abtreten. Zumindest nach meiner derzeitigen Planung, die Dom Avessandro möglicherweise noch komplett ändern wird. Hatte ich erwähnt, dass in dem Stück viel gestorben wird?" grinst sie.

AB

Erleicherung breitet sich auf den Gesichtszügen der Freiin aus, und sie legt die rechte Hand wie zur Beruhigung auf den wogenden Busen. "Nicht zu hören... der Herrin sei Dank. Frau D'Aminovitch, ich dachte schon... Bitte verzeiht mir."
Die Hand loest sich vom Busen und fächelt dem Gesicht Kühlung zu. 'Selbst wenn diese Geschichte frei erfunden wäre, um das neue Theaterstück zu bewerben - was ihr bereits Bestens gelingt - diese Jana ist eine faszinierene Frau und interessante Persönlichkeit. Nun, ich habe ja in Bethana genügend Zeit, mir eine Vorgehensweise für das Wiedersehen in Vinsalt zu überlegen. Herr der Schatten, ich danke dir für diese Herausforderung und nehme sie an.'
"Fünf Akte, sagt Ihr? Ist das nicht ein bisschen zu viel? Die Theaterstücke in Norburg haben höchstens drei Aufzüge - in dem ersten werden die Protagonisten vorgestellt und die Ausgangssituation beleuchtet. Dieser Akt endet dann meist mit dem Auftritt einer bislang unbekannten Person, welche durch Handlung oder Forderung die bisherige Ordnung in Frage stellt. Der zweite Aufzug zeigt dann alle Protagonisten in heilloser Verwirrung, wie sie versuchen dem entstandenen Schlamassel wieder einen Sinn zu geben, und der dritte Akt bringt dann die Auflösung in Form einer unverhofften Wendung: eine weitere Person, die alles aufklärt, ein wiedergefundenes Schriftstück oder ähnliches. Aber fünf Akte? Da kann ich mir gar nicht vorstellen, was da noch alles passieren soll... Und Euer Vater kommt und geht gleich im ersten Akt. Endgültig, wie ich Euren letzten Worten zu entnehmen wage." Das vielfache Sterben scheint die Bornländerin in keiner Weise zu stören.

OHH

Was gibt es am Sterben denn so Lustiges? Solche Mimik kann Reska nur verwundern. Und wie dick ist so eine Akte, und was steht da drin? Urszulas Ausführungen gemäß handelt es sich wohl um die anzufertigende Niederschrift der Handlung.
Vielleicht sollte Reska nun doch vom Kuchen probieren.

RB

"Ihr kennt Euch gut aus", lobt die Schauspielerin. "Was Ihr beschreibt, ist das Regeldrama in drei Akten. Ich versuche mich mit meinem Stück am klassischen Schauspiel in fünf Akten zu orientieren. Darin folgt nach der von Euch beschriebenen Exposition im ersten Akt das erregende Moment im zweiten, der Höhepunkt wird erst im dritten Akt erreicht. Im vierten Akt folgt dann das retardierende Moment vor der Katastrophe im fünften."
Jana beendet den Vortrag und lächelt wieder: "Handlung habe ich genug. Jeder Akt ist in gewisser Weise eine abgeschlossene Geschichte, die alle zusammen das Ganze bilden." Mit den Händen formt sie 'das Ganze'. "Die Geschichte meines Vaters wird im ersten Akt erzählt."

AB

Urszula wiegt den Kopf von rechts nach links. "Ach naja... irgendwann fällt es auf, wenn die Stücke sich im Aufbau ähneln. Regeldrama, sagt Ihr? Oh ja, in der Regel nimmt jedes Drama im Bornland in dieser Form seinen Lauf, ob im Großen oder Kleinen. Und nicht nur im Theater."
Jetzt schüttelt die Freiin energisch den Kopf. Anscheinend hat sie bereits ihren Anteil an Dramen erlebt und weiß davon zu berichten.
"Aber was Ihr jetzt skizziert habt, verstehe ich das richtig, dass der eigentliche Sinn des ganzen Stückes die Hinführung oder Herausarbeitung der Katastrophe im letzten Akt ist? Wenn ich also ein solches klassisches Theaterstück besuche, muss ich von vorn herein damit rechnen, dass es ein schlimmes Ende nimmt? Kein glückliches Liebespaar, kein gütig verzichtender Oheim?"
Hilfesuchend blickt Urszula dabei die schweigsame Norbardin an.

RB

Jana kichert, als Urszula die Dramen außerhalb des Theaters mit einbezieht. Dann muss sie wieder dozieren: "Ihr habt ganz recht, dass ich etwas unterschlagen habe. Es gibt die Tragödie, von der ich berichtet habe. Die steuert unweigerlich auf die Katastrophe zu, im klassischen Stück sind am Ende meistens alle tot, zumindest aber die Hauptfigur. Deshalb ist das die Form, die ich für mein Stück gewählt habe, da meine Mutter am Ende zu Tode kommt. Es gibt aber auch die Komödie, in der im letzten Akt die Erlösung erfolgt, zum Beispiel indem sich das Liebespaar findet und am Leben bleibt oder den Onkel doch noch das Gewissen packt."
Dann wendet sie sich der Freiin zu und fragt grinsend: "Habt Ihr da ein bestimmtes Drama außerhalb des Theaters im Sinn?"

AB

Und wieder wird Urszula schmerzlich bewusst, dass die Sjepengurkener Lande eben doch nicht das Zentrum der Welt sind. Dankbar nickt sie zu Janas erklärenden Worten.
Auf die Anschlussfrage hin legt sie die Stirn in hübsche Denkerfalten und meint dann vollkommen ernst: "Nein - wieso fragt Ihr?" 'Hat sie etwas Bestimmtes im Sinn? Will sie mich aushorchen?'

OHH

Wie kommt Urszula denn nun wieder auf Oheim? Möglicherweise aufgrund einer persönlichen Erfahrung oder ebensolchen Problemes. Dann könnte man allerdings auch darüber spekulieren, ob dies für das Liebespaar gleichfalls gilt.
Ob dieser Überlegungen strafft sich Reska etwas verspätet auf der Freiin wortloses Hilfeersuchen, zumal gar nicht recht klar ist, was jene denn nun eigentlich genau erwartet.
Der anderen Dame Erklärungen über Tragöde und Kommode sprechen deutlich an, welche davon besser zu vermeiden sind und welche man sich dagegen antun darf.
Ihre Frage hingegen lenkt Reskas Blick wieder auf die Freiin zurück. Seltsam, die ist doch sonst so gesprächig und offenherzig! Die Verneinung nimmt ihr Reska jedenfalls aufgrund der vorherigen Formulierungen nicht recht ab.

RB

'Oha, habe ich etwas Falsches gefragt?' wundert sich die Signora, der der plötzliche Stimmungswechsel nicht verborgen bleibt. Schnell wiegelt sie ab: "Ich dachte, Ihr habet etwas Bestimmtes im Sinn, als Ihr die Bemerkung über die Dramen außerhalb des Theaters machtet. Aber da habe ich mich wohl geirrt", räumt sie mit einer wegwerfenden Handbewegung ein.
Um die Unterhaltung in Gang zu halten, fährt sie gleich fort: "Einen gütig verzichtenden Oheim könnte Domna Myrana gut brauchen. Ich hoffe, es geht ihr besser nach ihrer Kopfverletzung." 'Ist das der Grund, dass sich alle dort oben herumtreiben?' überlegt sie mit einem Blick zur Treppe, wo alle anderen Gäste verschwunden sind. "Der Oheim könnte in ihrem Fall den Unterschied zwischen Tragödie und Komödie ausmachen."

AB

Die Ernsthaftigkeit im Gesicht der Bornländerin weicht einem spitzbübischen Lächeln. "Naja, wie man es nimmt. Mir sind schon so einige Situationen daheim eingefallen, die durchaus die Bezeichung Tragödie verdient hätten. Aber bislang ist dabei niemand zu Tode gekommen, den Zwölfen sei Dank."
Fast, als wolle sie das Thema abschließen, nimmt sie einen Schluck vom gewürzten Biere, um sich dann zu erkundigen: "Oheim? Die junge Dame von vorhin, um deren Wohl sich anscheinend alle anderen Gäste immer noch bemühen, hat einen Oheim, der ihr Übel will? War das etwa auch die Ursache für diese hässliche Platzwunde? Nicht dass der Schurke mit seinen Handlangern jetzt auch noch hierher in das Gasthaus kommt!" Beunruhigt wirft sie einen Blick zur Tür.

OHH

Noch bevor sich Reska allzu ausführlich darüber verwundern kann, woher die Dame einen Oheim heranführt, wird dies auch schon durch Urszula aufgeklärt. Unwillkürlich wird der vorhin von der Ritterin besessene Stuhl betrachtet, bevor die Augen ihr Merk wieder auf die Tischdamen richten, um sogleich zurück und noch etwas fort dem Blicke der Freiin zu folgen. Aufregung ist Reska dabei jedoch nicht anzumerken, wird doch gleichmütig ebenfalls am Biere genippt.

RB

"Keine Sorge, das ist eher unwahrscheinlich, noch dazu bei diesem Wetter. Da jagt man ja keinen Hund vor die Tür." Zumindest in diesem Land. Dass es in Urszulas Heimat anders sein mag, darüber denkt Jana gerade nicht nach, während sie der Sitznachbarin beruhigend die Hand auf den untätigen Unterarm legt.
"Allerdings klingt die Geschichte, die sie vorhin erzählt hat, stark nach einem Theaterstück. Demnach befänden wir uns momentan im vierten Akt und ihr Sturz wäre das retardierende Moment."
Sie nimmt die Hand wieder zurück und beginnt am Anfang: "Im ersten Akt starben ihre Eltern und sie wurde von ihrem Onkel aufgenommen. Im zweiten Akt lief sie davon und wurde zur Söldnerführerin. Im dritten wollte ihr Onkel sie für tot erklären lassen, um sich ihr Erbe unter den Nagel zu reißen, woraufhin sie losgeritten ist, um das zu verhindern. Ihren Männern hat sie befohlen, nach drei Tagen zu folgen, wenn sie nicht zurückkehrt. Und im aktuellen Ast, nein Akt, traf sie auf einen Ast, der sie vom Pferd warf und ihre Weiterreise wohl verzögern wird. Im Theater würde man jetzt wahrscheinlich tuscheln, dass sei unglaubwürdig und ein durchsichtiges Manöver des Autors", scherzt die Schauspielerin.
Aber sie ist noch nicht fertig: "Wenn ich das Stück jetzt fortsetzen müsste, würden ihre Männer vor ihr beim Onkel ankommen. Im letzten Akt wären sie drauf und dran, dem Onkel etwas anzutun. Im letzten Moment taucht aber Myrana auf und hält sie davon ab. Aus Dankbarkeit und Einsicht lässt der Onkel von seinem Treiben ab und gibt ihr das Erbe zurück." Jana legt kurz den Kopf schief und überlegt: "Da ihr aber das Söldnerleben besser gefällt, überträgt sie dem Onkel die Verwaltung und reitet mit ihren Männern wieder davon." Mit den Händen lässt sie den Vorhang schließen, das Stück endet als Komödie.

AB

"Nein, den Hund sicherlich nicht. Vor allem, wenn es sich um eine wertvolle Hündin handelt, mit deren Würfen man gutes Geld verdienen kann. Man erzählt sich bei uns von einem Bronnjaren, der, sobald es zu regnen oder schneien anfing, dem nächsten Leibeigenen das Hemd vom Leibe riss, um damit seine Wolfshündin zu schützen." Die Freiin schüttelt leicht den Kopf, als sei selbst ihr soviel Tierliebe zu viel - aber vielleicht teilt sie ja auch prinzipiell die Haltung des besagten Bronnjaren nicht.
Wie auch immmer, Janas Worte scheinen die aufkeimende Besorgnis um das Eintreffen des wütenden Oheims beseitigt zu haben. Dankbar lauscht Urszula den weiteren Worten. 'Soso, die Unglücksrabin ist eine Söldnerführerin, welche derzeit in eigenem Interesse auf dem Weg in die Heimat ist. Das heißt, ich muss damit rechnen, dass in den nächsten Tagen ihr Söldnerhaufen hier in der Gegend auftaucht, um nach ihr zu suchen. Und wenn er sucht, dann fragt er auch herum. Der Onkel kann auch nicht allzu weit von hier entfernt hausen, denn sonst hätte diese Myrana nicht drei Tage bis zu ihrer Rückkehr als Zeitmaß gesetzt. Ergibt eigentlich nur Sinn, wenn sich der Wohnsitz des Onkel nur eine Tagesreise weit vom Standort des Söldnerhaufens befindet. Ein Tag hin, ein Tag reden, ein Tag zurück. Oder eben nicht. Wie auch immer, wir müssen sehen, dass sich unsere Abreise morgen nicht allzusehr verzögert.'
Über diese Überlegung hin ist Jana inzwischen am Ende ihrer Zusammenfassung angekommen. Auf das Schließen des Vorhangs hin beginnt Urszula leise zu applaudieren. "Bravo! Ein wunderbares Ende. Vielleicht..." Die Bornländerin zieht die Luft ein und schaut Jana aus großen Augen an. "Vielleicht solltet Ihr der Söldnerführerin Myrana genau diesen Vorschlag machen? Also, sie sollte ihrem Haufen befehlen, direkt zu dem Onkel zu reiten und dort nachdrückllich nach ihr zu fragen, sie sei bereits drei Tage fort und so weiter und so weiter...
Und dann, wenn der Onkel meint, die Schwingen Golgaris über seinem Haupt rauschen zu hören, dann erscheint Myrana mit blutiger Kopfwunde, vielleicht noch in Begleitung eines der Helfer von heute und rettet ihn. Ob das dann mit der Einsicht und Dankbarkeit funktioniert, wird sich zeigen müssen, aber einen Versuch wäre es wert."

OHH

'Reitet mit ihren Männern davon...' Vermutlich in den Sonnenuntergang, schmunzelt Reska vor sich hin, oder so weit im Westen wohl eher in den Sonnenaufgang, wenn sie keine nassen Hufe bekommen sollen.
Für Urszulas durchtriebenes Realtheater erntet jene erstaunte Blicke. Vor der muss man sich gut in Acht nehmen, aber das blitzte ja schon länger hier und dort durch.

RB

Als Reaktion auf den Applaus verneigt Jana sich leicht im Sitzen. Dann lauscht sie dem Vorschlag der Bornländerin. 'Oha, die Dame hat ja eine intrigante Phantasie, die sollte man lieber nicht als Feindin haben. Aber bei Hofe würde sie sich damit wohl problemlos zurechtfinden.'
"Brillante Idee", gibt sie zu, ohne sich diese Gedanken anmerken zu lassen, "So weit hatte ich das noch gar nicht durchgedacht. Vielleicht solltet Ihr ihr das selber vorschlagen, wenn sie irgendwann hier wieder auftaucht. Mit ihrer Kenntnis des Onkels könnt Ihr sicherlich einen Ablauf planen, der größtmöglichen Eindruck auf ihn macht. Wenn das klappt, ist der Stoff für das nächste Theaterstück gesichert."

AB

'Aha, jetzt ist das Interesse geweckt, gute Reska. Mal sehen ob du dich überwinden kannst und mich darauf ansprichst.' Äußerlich ist Urszula nicht anzumerken, dass sie die Verwunderung ihrer schweigsamen Begleiterin überhaupt bemerkt hat.
Geschmeichelt geht sie auf die Worte der Schauspielerin ein: "Meint Ihr? Aber wir wurden uns noch gar nicht vorgestellt." Wie befangen nestelt sie an dem blonden Zopf, der ihr über der Schulter liegt. "Würdet Ihr, also wenn Ihr diese Myrana - und wer immer sich jetzt noch in ihrer Begleitung befindet - vielleicht einladen, uns Gesellschaft zu leisten? Ich könnte sie ja auch ansprechen, aber damit habe ich in diesem Gasthaus heute Abend bereits zweimal eine Abfuhr erhalten. Keine Ahnung warum, anscheinend 'passen' wir nicht zusammen, wie man neuerdings zu sagen pflegt. Und ein Theaterstück könntet Ihr so oder so daraus machen, oder?"

OHH

Warum wohl braucht die Schauspielerin wahre Begebenheiten als Vorlage für ihre Stücke? Vielleicht möchte sie möglichst nahe an der Wirklichkeit bleiben. Dadurch könnten sie glaubwürdiger werden - wenn man mal nicht bedenkt, wie unwahrscheinlich einem das Leben manchmal mitspielen kann.
Urszulas Hoffnung hingegen wird schon aufgrund deren Bemerkbarkeit bitter enttäuscht: Reska hat unverändert gar keinen Anlass, etwas von sich zu geben. Wenn es am Tisch noch voller wird, mag sich dies gar weiter verstärken. Kein Problem. Aufzufallen, war noch nie Reskas Absicht. Zumindest nicht seit der Flucht.

RB

"Das kann ich mir ja kaum vorstellen; wer würde eine Einladung von Euch denn ausschlagen? Ihr seid doch eine reizende Gastgeberin und betreibt ausgesprochen anregende Konversation." Verständnislos schüttelt die Signora den Kopf.
Auch wenn sie der Freiin die Befangenheit nicht abkauft, fährt sie fort: "Umso mehr wäre es mir eine Freude, Euch einander vorzustellen. Und überaus passend, wenn ich für Euch eine andere Gesprächspartnerin finden könnte, die meinen Platz einnimmt, während ich mich mit Dom Avessandro an die Arbeit begebe." Bei der Erwähnung der Arbeit legt Jana die flache Hand auf die Mappe mit ihren Aufzeichnungen, die immer noch neben dem Teebecher auf dem Tisch liegt. "So können wir beide einen Teil eines Stückes schreiben, Ihr eines realen und ich eines fiktiven", schließt sie lächelnd. Dann ergreift sie den Teebecher und trinkt einen Schluck des lauwarmen, süßen Gebräus.

OHH

AB

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OHH

Wird fortgesetzt.


Ausschnittliste / anwesende Gäste / Lageplan

Redaktion und Lektorat: OHH 2019