Mit Knecht und Elch

Verfasser: Astrid Brandt und Oliver H. Herde

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Schweigend und nur vom Knirschen der Schritte im Schnee begleitet umrunden Alrik und Ninoschka die Hausecke und erreichten so den Hof des Ebers. Sowohl die schon erwähnte Stalltür - derzeit geschlossen - als auch der Unterstand sind nun gut in Augenschein zu nehmen. Der Knecht wendet sich nach der Elchreiterein um. "Was meint Ihr, sollen wir es versuchen?" Er deutet mit dem Kopf auf die doppelflügelige Stalltür.

OHH

Wie schon gedacht, mag selbst ein rauheste Winter gewohnter Elch aus dem Norden solch ein Dach über dem Kopf vorziehen, welches von allen Seiten von Wänden getragen wird, wenn ein Sturm im Anflug ist. Letzteres scheint Reska ebenfalls gesichert, also gibt es als Antwort wieder ein eifriges, freudiges Nicken. Zugleich wird das Tier etwas dichter hinangeführt.

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Inzwischen ist Alrik mit der Theskalerstute vor der Stalltür angekommen. Sich erinnernd, dass diese gerade eben noch lammfromm stehengeblieben war, als er die Zügel aus der Hand gegeben hat, lässt er diese erneut los. "Du bleibst doch wieder stehen, nicht wahr?" murmelt er leise ehe er sich daran macht, die beiden Flügel der Stalltür zu öffnen.
Ninoschka macht artig keine Anstalten abzuwandern, im Gegenteil. Geduldig wartet sie ab, was der Knecht wohl als nächstes mit ihr vorhat.
Aus der geöffneten Stalltür schlägt eine warme Wolke von Heuduft und Geborgenheit hinaus in die kalte Winterluft. Rasch ist Alrik zurück und führt die Stute in den Stall. Zu Reska gewandt meint er: "Vertragen sich die beiden? Dann könnten sie nebeneinander stehen. Der Elch am Besten gleich neben die Tür hier, da hat er am meisten Platz für das Geweih." Arlik klopft im Vorbeigehen an die Wand des Stellplatzes. Ninoschka hingegen wird in die benachbarte Box gebracht.

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Wieder nickt Reska lediglich als Antwort. Solche Ja-Nein-Fragen machen es leicht, die Stimme zu schonen. Entsprechend wird der Elch gleich hinterhergeführt, jedoch scheut jener zunächst nicht allein das Dunkel, sondern vor allem die Enge. Tatsächlich muss er den Kopf etwas schieflegen, um sein Geweih durch das Stalltor zu bekommen. Da fragt sich Reska dann doch, ob der Unterstand nicht klüger gewesen wäre. Aber wenn es noch ein Unwetter geben sollte, ist er hier gemütlicher aufgehoben.
Zum Glück sind die Trennwände nicht bis zur Decke gezogen, und es gibt auch keine Stützbalken. Dann könnte man gleich aufgeben und Mokosch rückwärts wieder hinausschieben. Oben zwischen den beiden zu belegenden Stellplätzen gibt es sogar ein Fenster, welches bei milderer Witterung Licht hereinlassen könnte. Gegenwärtig ist der Laden naheliegend geschlossen.
Noch einmal klopft Reska dem Reittier beruhigend auf die Flanke und versucht ein ebenso beschwichtigendes Brummen hinzu, welches aber nicht auf Anhieb in Gang kommen möchte, also wird es abgebrochen.

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Der Knecht beschäftigt sich erst einmal ausgiebig mit der Theskalerin: abreiben und bürsten. Ninoschka scheint die Prozedur zu genießen, denn die Stute steht entspannt mit einem angeknickten Bein und hat die Augen halb geschlossen.
Ab und zu äugt Alrik hinüber in die Nachbarbox, hin zu dem außergewöhnlichen Gast. Ob der wohl nachher auch so friedlich sein wird?

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Jener Besucher scheint erst einmal verwundert darüber, wo man ihn diesmal abgestellt hat. In langsamen Bewegungen wendet er den riesigen Schädel leicht hin und her. Viel zu sehen bekommt er so dicht an der Außenwand stehend freilich nicht.
Unter seinem muskulösen Hals blitzen kurz Augen hervor. War das eben ein Schmunzeln?

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Sehr vorsichtig und unter viel gutem Zureden nähert sich der Knecht mit einem Wasser und einem Eimer Futter. Innerlich sendet er ein Gebet zu den Zwölfen, dass der Elch ihn unbeschadet lässt.

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Ja, es ist ein Schmunzeln, welches nun von der Hinterseite des ruhig stehenden Tieres her den Knecht empfängt. "Keine Furcht", versucht eine helle Stimme zu ermutigen. "Mokosch beißt normalerweise nicht." Manchmal muss man eben doch lange Monologe halten. "Kann ich euch allein lassen?" Dabei streichelt Reska nun noch einmal die Hinterflanke des Elches, der sich das offenbar gern gefallen lässt.

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Alrik zuckt ein wenig zusammen, als ihn die bis dahin schweigsame Reiterin des Elches anspricht. Er hatte sie ehrlich gesagt schon ganz vergessen.
"Ja, natürlich", beeilt er sich, zu versichern. Nur, um vorsichthalber nachzufragen: "Was frisst Mokosch denn? Auch Heu wie die anderen?"

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Der norbardische Gast nimmt es dem Knecht nicht übel, übersehen oder vergessen worden zu sein; im Gegenteil, gehört dies doch wohlbedacht meistens zur allgemeinen Strategie.
Ach ja, die Nahrungsaufnahme. Darum muss sich Reska für Mokosch eigentlich erst bisweilen kümmern, seit sie so oft mit Urszula in Gasthäusern weilen. Jetzt im Winter ist er eh nicht viel gewohnt. Da der Knecht wohl eher keine jungen Baumtriebe oder Wasserpflanzen im Stall vorrätig haben wird, erwidert Reska mit einem ruhigen Ausdruck: "Notfalls." Die zweite Silbe klingt dabei etwas höher als die erste.
Kopf und Rumpf ziehen sich langsam zurück, richten sich auf und bereiten sich offenbar zum Abwenden vor.

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Notfalls, was meint sie denn jetzt damit? Während der Knecht noch nachgrübelt, beginnt Reska, sich zurückzuziehen. Rasch, ehe sie dem Stall entschwindet, fragt Alrik noch einmal nach: "Also, Heu ist in Ordnung, ja?" Nur um etwas kleinlaut hinzuzufügen: "Was anderes hab ich eh nicht."

OHH

Eigentlich könnte man hier mit vielen Worten gut noch einmal die Stimme üben und dem Knecht lange Vorträge über die Fressgewohnheiten von Elchen halten. Aber wie er schon sagt: Er hat eh nichts anderes - wozu also! Reska nickt nur nochmals mit einem beruhigenden Lächeln. Heu ist besser als nichts, und nichts ist das, was man als Elch so zur Winterzeit eh erwartet.
Kurz darauf schlüpft die hochgewachsene Gestalt, deren Mütze sie noch vergrößert, zum Stalltor wieder hinaus, selbiges sogleich sorgsam hinter sich schließend.
Dann wendet sie sich auch sogleich wieder der Straße zu. Auch wenn man Schnee und Kälte hinreichend gewöhnt ist, muss man sie deswegen noch lange nicht einer warmen Wirtsstube vorziehen.
Mit Knecht und Elch wird es schon seine Wege gehen, daran verschwendet Reska keinen Gedanken mehr. Statt dessen eilen die Gedanken voraus und hinein, wo Urszula und eine unkalkulierbare Anzahl an Bewohnern und Gästen auf eine wenig redefreudige Norbardin warten. Besser, der Hals wird noch einmal freigeräuspert! "Ein paar Worte können auch nicht schaden", fügt Reska für sich selbst und um der Gewöhnung willen an. Wie gut, dass gerade niemand in Hörweite ist!
Dennoch wird bei diesem eigentlich fröhlichen Gedanken Misstrauen geweckt, woraufhin Reska doch ein paar unwillkürliche kontrollierende Blicke umherwirft. Nichts als leere Hauswände von Stall und Unterstand, drüben ein paar offenkundig schon recht alte Baumstümpfe von nicht sonderlich alt gewordenen Stämmen. Kein Mensch, nicht einmal Tiere scheinen im näheren Umfeld noch unterwegs. Die werden schon wissen warum.
Wieder zügiger, biegt die in ihren Pelzen fast so sehr wie das vermeintliche gestürzte Fräulein vorhin untergehende Person um die Hausecke und hält auf den Grünen Eber zu: das Schild, welches über dem Eingange prangt und leicht im Winde pendelnd leise quietscht. Welche Farbe mag das Metall einmal gehabt haben, bevor es derartig beschlug? Aber Reska will das Ding ja nicht kaufen oder verkaufen.
Handelsgeschäfte... Sie - oder besser, deren Vermeidung - sind letztlich einer der beiden Gründe, hier zu sein. Was für ein im Grunde vollkommen verrücktes Leben! Dennoch soll es ruhig weiter so bleiben, auch hier in der Ferne. Es hat seinen ganz speziellen Reiz.
In Reichweite der Türklinke angelangt, wird diese nach kurzem Durchatmen und einem letzten diesmal verhaltenen Räuspern ergriffen und betätigt. Es wird auch höchste Zeit, hat es doch von Reska bis eben unbemerkt schon wieder angefangen zu schneien. Nicht, dass die paar Flocken bereits gefährlich würden, aber da kommt gewiss bald mehr.

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Redaktion und Lektorat: OHH 2019