Laut und leise

Verfasser: Astrid Brandt, Oliver H. Herde und andere

OHH

Des Nachts hat es wieder geschneit. Ein paar Finger dick liegt die weiße Decke über dem Lieblichen Felde, dem erst vor Jahren wiedererstandenen Horasreich. Dennoch gibt es weiterhin von Verpflichtungen getriebene Reisende, welche ihre Spuren auf der sich nur noch undeutlich abzeichnenden Seneb-Horas-Straße ziehen. Gewiss, sie sind heute weniger zahlreich, und der Schnee schluckt mancherlei Geräusch. Nur eine einzelne Krähe zieht ihre Bahn. Selbst der hierzulande vorherrschende Beleman scheint sich bereits des Morgens auf das Meer der Sieben Winde zu seinesgleichen für Verhandlungen zurückgezogen zu haben.
Mittags kündigen die ersten Vorboten seine baldige Rückkehr an - oder eher die Ankunft eines rauhen Nordwindes? Am verhangenen Himmel verdichten sich die Wolken, ziehen sich über einem Landgasthause zu dunklen, schweren Feldern zusammen, dessen Käsetörtchen einen Ruf bis nach Bethana und Pertakis, vielleicht gar darüber hinaus genießen.
All dessen ungeachtet vollführt ein einsamer Gast hinter dem Haupthaus der Kälte zum Trotze seine Übungen, den Tanz der Mada, und zeichnet nebenbei entsprechend mystisch anmutende Muster in den verharschten Untergrund des Gartens.
Vor dem zur Reichsstraße gewandten Eingang des Wirtshauses zum Grünen Eber hält der Knecht des Hauses unruhig nach etwas Ausschau.

AB/OHH

Ein klares perlendes Lachen, welches dann unvermittelt abbricht, sowie das gedämpfte Geräusch zweier sich nähernder Reittiere dringt durch die winterliche Landschaft. Der Hufschlag eines Pferdes und ein weicherer, dumpferer Laut. Wenig später kommen sie aus einem die Straße umgebenden Wäldchen und man kann zwei Reiter erkennen. Der eine sitzt bis über die Ohren in einen weiten dunklen Fellmantel mit silberverbrämter Kapuze gehüllt auf einem kräftig gebauten Theskaler; der andere ganz ähnlich in erdfarbenem Rauhledermantel mit buschigem Pelzbesatz am Kragen und einer beachtlichen Fellmütze auf einem Elch.
Eine kurze Weile reiten die beiden schweigend nebeneinander auf das Gasthaus zu, wobei der Elch dicht neben der Pflasterung ausschreitet. Dann wendet sich der Reiter des Theskalers an seinen Begleiter: "Meine liebe Reska, ich hoffe wirklich, dass es in diesem Stall genügend Patz für Mokosch gibt. Viel länger halte ich es in dieser Firunskälte nicht mehr aus." Die wohlklingende helle Stimme verrät, dass es sich bei diesem Reiter um eine Frau handelt.

OHH

Ganz im Gegensatz zu der vernommenen Euphonie muss sich das Organ der angesprochenen Mitreisenden ganz offenbar erst aus seinem gewohnten Ruhezustand entfalten und zurechträkeln, um zunächst noch etwas kratzig, fast wie erkältet, dann aber doch einigermaßen weich und in beschwichtigender Absicht daherzuhumpeln: "Aber Mokosch." Damit ist bereits alles gesagt. Natürlich kann er wie meistens draußen stehen. Ein Unterstand wäre ihm aber sicherlich auch recht, notfalls ein größerer Baum.
Den Blick hat die Gestalt trotz ihrer erschöpfend langen Rede keinen Moment zur anderen gewandt, sondern auf die verschneite Straße, welche sich wesentlich an ihrer Form, den sie begrenzenden Feldern und Unebenheiten und den Fährten anderer Reittiere, Stiefel und Fuhrwerke erkennen lässt. Mehr als ausreichend also, aber deswegen muss man ja nicht auf jedes dumme Geplapper reagieren.

AB

Unbeirrt von der Kürze der Antwort plappert es vom Rücken des Theskalers weiter. "Ja, Mokosch ist schon ein Prachtelch, also wirklich. Der größte Elch, den ich je gesehen habe - obwohl ich eigentlich noch nie einen Elch von so nah gesehen habe; ach - egal. Aber ich bin nur eine schwache Frau und brauche Wärme und Geborgenheit."
Die Reiterin richtet sich derweil ein wenig im Sattel auf und späht nach vorn, die Straße entlang. "Sage mal, irre ich mich, oder kann man da vorne tatsächlich schon das Gasthaus sehen? Sind wir wirklich angekommen, Reska?"

OHH

Da war es wieder; erneut diese seltsam unstimmig wirkende Art in Urszulas Geschnatter, welche in Reska stets das unbestimmte Gefühl eines Geheimnisses hervorruft. Dass jene sich durchaus zu helfen weiß, konnte man schon gelegentlich beobachten. Ganz versteckt natürlich, oder eingehüllt in weibliche Schliche und Schleier. Und selbstverständlich vor allem Männern gegenüber. 'Nicht mit mir!' antworten die Grauen Zellen.
Dann jedoch geht ob der nachfolgenden Worte doch ein kleiner, kaum merklicher Ruck durch Reska, richtet sich der ohnehin gerade Körper noch das letzte fehlende bisschen auf, schwenkt der Blick vom Untergrund empor in die Ferne. Ja, das muss es wohl sein. 'Schon'? Nun ja, vielleicht. Reska nickt zweimal, auf dass ein kleiner Brocken Schnees, welcher vorhin von einem Aste auf die enorme Kopfbedeckung hinabgestürzt ist und auf diese Weise für so übertriebene Belustigung der Reisegesellschaft sorgte, erneut seinen Halt verliert und seine kurze Reise unbeachtet am Boden zurückbleibend beendet.

AB

Die voller Unschuld in die Welt blickenden blauen Augen Urszulas huschen bei der fast unmerklichen Bewegung ihrer Begleitung für einen kurzen Augenblick zur Seite, zu ihr. So entgeht ihr das Herabfallen des Schneebrockens nicht - doch anders als zuvor entlockt ihr der Umstand keine Reaktion. Würde die schweigsame Reiterein ihre Aufmerksamkeit zur Seite richten, so könnte sie allenfalls verwundert die klare Schärfe des sie beobachtenden Blickes wahrnehmen.
Doch schon ist der Moment wieder vorüber und Urszula öffnet erneut den Mund. "Komm schon, lass uns einen Schritt zulegen! Je schneller wir dort angekommen sind, desto rascher sind wir im Warmen. Und Trockenen. Und haben etwas zu Essen. Und hoffentlich ein anständiges Zimmer für die Nacht. Du willst doch nicht wieder im Stall schlafen." Der leicht anklagende Unterton der letzten Bemerkung macht deutlich, dass es nur eine richtige Antwort geben kann.

OHH

Diesen Aussichten ist auch Reska durchaus nicht abgeneigt. Dennoch genügt zur Antwort wiederum ein Nicken, sowie eine sanfte Bewegung der Schenkel, welche den Elch seinen Schritt ein wenig beschleunigen lässt. Nur keine Hast! Solche Straßen können im Firn rutschig werden.
Was mag das vor dem Gasthof für ein Fuhrwerk sein? Es wirkt eigentlich nicht nach der üblichen Kaleschka eines Gastes, sondern recht bäuerlich mit einem Wagenlenker mutmaßlich hier aus der Gegend. Dennoch scheint jemand gleich abzusteigen. Eine Münze wurde soeben hervorgeholt, das scheint sicher; sowas erkennt Raska auch noch aus größerer Entfernung als dieser.

JuR

Er dreht sich auf seinem Platz und macht sich, Geld und Handschuh zwischen die Finger geklemmt, ans Absteigen. Dann geht es plötzlich sehr schnell. So schnell, dass er gar nicht genau registriert, was geschieht, als er beim Hinunterklettern den Halt verliert, mit Schrecken feststellt, dass er fällt und dann schon den Schmerz spürt, als er hart auf dem Boden landet. In den Schmerz, der ihm jäh in den ganzen Körper fährt, mischt sich das Gefühl von Feuchtigkeit und Kälte an seinem Gesicht und der handschuhlosen Hand.

AB

Unbeirrt plappert Urszula weiter. "Natürlich willst du auch lieber in einem warmen Bett schlafen, wer würde das nicht wollen? Ob sie Daunendecken haben im Gasthaus? Oder zumindest Bettpfannen um das Bett anzuwärmen? Na, wenn nicht, kann ich ja meinen Pelzmantel darüberlegen, das wird dann..."
Inzwischen sind die beiden Reiter noch ein gutes Stück nähergekommen, und so nimmt auch die Plappernde das vor dem Gasthaus wartende Fuhrwerk zur Kenntnis. Dies und die sich gerade zum Absteigen anschickende Gestalt im langen Mantel. Interessiert beobachtet Urszula wie die Gestalt mit einem mal den Halt verliert und äußerst unsanft Bekanntschaft mit dem schneebedeckten hartgefrorenen Boden macht.
"Autsch", entfährt es ihr leise, gefolgt von einem deutlich lauterem "Ihr Götter, ein Unfall, ein Unfall! Rasch, Reska, reite zur Rettung!" Mit diesen Worten schaut Urszula ihre Begleitung und Mokosch den Elch auffordernd an.

OHH

Daunendecken? Nun, das Haus sieht nicht gerade aus wie das Hotel Zur Quelle! Wobei - seit jenes abgebrannt ist, kann man andererseits von Glück reden.
Hoppla, das war nicht so elegant! Was genau ist da jetzt eigentlich geschehen? Aber Urszulas theatralische Reaktion lässt Reska diese zum ersten Mal seit Verlassen des Wäldchens wieder direkt ansehen, zunächst mit kritisch verwundert erhobener Braue, dann mit gerunzelter Stirne. Was denn noch alles? Offensichtlich lebt der oder die Gestürzte ja noch. Das gibt doch höchstens hier oder dort einen kleinen blauen Fleck.
Unverändert zur Witterung passend kühl zur Seite auf das edle Fräulein von und zu blickend, wiederholt Reska die Schenkelbewegung von eben noch einmal, auf dass der Elch seinen Schritt erneut etwas beschleunigt.

JuR

Autsch - in der Tat. So langsam realisiert Avessandro, dass das kalte und harte Ding unter seiner Wange der Boden ist und dass er sich überstürzter dorthin begeben hat als geplant. Vorsichtig bewegt er sich, stützt sich leicht ab. Soweit er es gegenwärtig beurteilen kann, scheint seine Würde den größten Schaden genommen zu haben. Von oben kommt ein Brummen, das nach einer Frage klingt, doch der am Boden Liegende ist innerlich zu aufgewühlt um ihn zu verstehen.
Der Klang von Hufen auf dem winterlichen Boden lässt ihn aufblicken. Von Osten aus - einige Bewohner Aventuriens würden auch sagen 'von Rahja aus', doch Avessandro käme es nie in den Sinn, eine Himmelsrichtung mit der Göttin der Liebe zu identifizieren, die von Belhanka wegführt - nahen zwei Tiere samt Reiter. Ein kräftiges Pferd und ein... ein...
Avessandros Mund steht sperrangelweit offen und mit der noch immer nackten Hand fasst er sich tastend an den Kopf. Es scheint ihn schlimmer erwischt zu haben als er dachte.

OHH

Scheint ein wenig verdutzt, der oder die Gestürzte. Immerhin das Erstaunen kann Reska im Näherkommen bereits erkennen. Vermutlich liegt dem weniger die Unbeweglichkeit in dem möglicherweise etwas zu groß geratenen Pelz zugrunde als der Anblick Mokoschs, der hierzulande ja schon verschiedentlich ähnliche Reaktionen hervorgerufen hat.
Nahe an die Unglücksstelle angelangt, genügt ein überaus sanfter Zug am Zügel, den Elch anzuhalten. Man will ja niemanden platttreten. Reska beugt sich seitlich zu dem Bodenbesichtiger hinab und streckt die Hand aus, Hilfe beim Aufstehen anzubieten.

AB

Auch Urszula gibt ihrem Reittier ein Zeichen, sich etwas schneller zu bewegen. Gehorsam schreitet der Theskaler hinter dem Elch her. Derweil nimmt seine Reiterin im Näherkommen den Verunfallten genauer in Augenschein. Viel Pelzmantel, eigentlich zu viel um Genaueres erkennen zu können. Hier heißt es auf der Hut sein.
Als sie nahe genug heran ist, um selbst in Augenschein genommen zu werden, schwindet die wache Aufmerksamkeit aus dem Gesicht und wird ersetzt durch treublaue Augen, die mit einem erstaunten Ausdruck den Mann am Boden betrachten.

JuR

Nachdem er sich ob des Anblicks des großen fremden Wesens ein wenig gefangen hat, ist es Avessandro sichtlich unangenehm, dass sein Sturz derartig Aufsehen erregt hat. Im Näherkommen der beiden Tiere nebst Reiter - oder wohl vielmehr Reiterinnen - bemüht er seinen sich wund und seltsam steif anfühlenden Körper samt voluminösen Pelzmantels zu erheben. Die hilfreich dargebotene, jedoch sich für ihn zu hoch befindende Hand bedenkt er mit einem angemessen dankbaren Nicken, nimmt sie jedoch nicht an. Es ist ihm ohnehin lieber, aus eigener Kraft wieder aufzustehen, um sich einen Rest von Würde zu bewahren.
Im Erheben stellt er fest, dass die Fellmütze dabei ist, ihm vom Kopf zu rutschen. Sie gibt etwa zwei Finger kurzes, dunkelbraunes und gegenwärtig ausgesprochen verstrubbeltes Haar zum Vorschein. Das Gesicht, dessen linke Seite nun ein Abdruck des winterlichen Bodens ziert, ist schmal, leicht sonnengebräunt, mit hohen Wangenknochen, sinnlichen Lippen und einem kleinen Grübchen am Kinn. Die Züge androgyn zu nennen, wäre wohl übertrieben, vielmehr würden es wohl die meisten, die Avessandro erblicken, ihn - zu seinem Leidwesen, versteht sich - als attraktive, leicht knabenhaft wirkende Frau umschreiben.
Während die Gesichtszüge derzeit eine Mischung aus Verlegenheit und Scheu zeigen, kehren die Augen, groß und dunkel, in ihrem Blick immer wieder zu den Elch zurück. "W...was ist das für ein Tier?" bricht es schließlich mit klarer, heller Stimme voll Faszination und Bewunderung aus Avessandro hervor.

OHH

So eine Hübsche! Da reuht es Reska sogleich ein wenig, sich nicht noch tiefer hinabgebeugt zu haben. Aber das Fräulein hätte wohl auch dann noch jede Hilfe abgelehnt, wie es aussieht. Noch ein anzurechnender Pluspunkt.
Freundlich lächelnd wird die Selbsterhebung beobachtet. Ob die Gefallene auch aus dem Norden stammt? Wohl eher nur der Pelz, so dunkel wie die Haut ist!
Dann steigen auf die Frage hin die Brauen bis an den Fellmützensaum. Reska schluckt irgend etwas herunter. "Ein Elch." Vermutlich gibt es hier zu wenige Geschichten aus dem Norden. Es war ja auch ein weiter Weg.

AB

Also der Mantel ist wirklich nicht von Vorteil, hat er doch aus der Ferne den Eindurck vermittelt, es würde sich hier um ein Mannsbild handeln. Doch dies war ein Trugschluss, wie Stimme und Aussehen nun eines Besseren belehren. Oder vielleicht doch nicht? Die unter der der Mütze hervorlugende Frisur scheint eher kurz gehalten zu sein.
Angesichts der Einordnungsproblematik enthält sich Urszula einer direkten Anrede und bemerkt mit einem strahlenden Lächeln: "Das ist Mokosch. Eine wahrer Prachtkerl, nicht wahr? Hoffentlich passt er in den Stall von diesem Gasthaus, sonst muss der Ärmste wieder draußen bleiben. Wo es doch so kalt ist. Wir wollen nämlich hier Halt machen, Ihr auch? Wir sind übrigens Reska und Urszula. Also ich bin Urszula, Urszula Freiin Panemareiken zu Niedernebensjepengurken - das liegt zwischen Niedersjepengurken und Nebensjepengurken - und das ist Reska." Die Nennung der Namen werden von entsprechend deutenden Handbewegungen und einer angedeuteten Verbeugung im Sattel begleitet.

Als der Knecht vor die Tür tritt, sieht er sich unvermittelt einer ganzen Gästeschar gegenüber. Wo eben nur Schee und graue Wolken zu sehen waren, sind jetzt zwei Reiter und ein Fußgänger zu sehen. Erst im Nachhinein registriert der Knecht dass es sich bei dem einen Reittier nicht um ein übergroßes Pferd handelt. Und so reißt auch Alrik zuerst einmal die Augen vor Staunen weit auf, ehe er die Tür hinter sich zuzieht und erstmal nur abwartet.

OB

Der Mann biegt um die Hofecke - und zieht überrascht die Augenbrauen hoch bei dem Anblick, der sich ihm da bietet. Ein heller Redeschwall dringt halb auch an sein Ohr, aber er hat ob seiner spärlichen Kleidung nicht die Muße, dort genauer hinzuhören. Vielleicht kann er sogar ungesehen vorbeischlüpfen, wenn er sich eng an der Hauswand hält, und sich drinnen nicht nur aufwärmen, sondern auch anziehen.
Vor der Tür steht Alrik und hält Maulaffen feil. Aus gutem Grund, soviel sei ihm zugestanden. Der Mann bleibt neben dem Eberknecht kurz stehen, weist mit der freien Hand - die er nur auf Brusthöhe hebt - auf das überaus merkwürdige Reittier und zieht fragend die Augenbrauen hoch.

JuR

"Ein Elch", wiederholt Avessandro nachdenklich, während er sich bemüht, den Mantel durch Klopfen von Schmutz und Schneematsch zu befreien. Das Wort kommt ihm vertraut vor, doch ehe er darüber nachgrübeln kann, ob und in welchem Zusammenhang er von Elchen gelesen hat, spült ein heiterer Redeschwall die Überlegungen hinfort.
Ein wenig überrumpelt wechselt der Blick der dunklen Augen vom Prachtelch, der Mokosch heißt - soviel hat er noch mitbekommen - zu der Sprecherin, die sich als Urszula vorstellt. Was ihn im Augenblick am meisten erstaunt, ist nicht die Anzahl der Worte, die diese in kurzer Zeit hervorbringen kann, sondern der Umstand, wie sehr Urszula seiner Mitbewohnerin Thalya ähnelt. Das strahlende Lächeln, der reißende Wortstrom, vor dem es kein Entrinnen gibt, die üppige Lockenpracht und fast schon überwältigende Weiblichkeit... sogar einen Hauch von Schauspielerei meint er zu erahnen. Ob sie wohl eine Kollegin von Thalya ist? Der Kleidung und dem Namen nach könnte sie die weibliche Hauptrolle des männlichen Parts sein, dessen Mantel er trägt. Vielleicht steht sie aber auch mit seiner Verabredung in Verbindung?
Fragen. Viele Fragen. Zu viele Fragen. Es wird Zeit, eine Antwort zu geben. "Mein Name ist Avessandro di Merici. Dom Avessandro di Merici." Das unterstrichene 'Dom' klingt in Avessandros Ohren ein wenig affig, doch nachdem bei seiner Mitfahrgelegenheit die reine Nennung seines Namens offenbar nicht genügte, möchte er nun sichergehen. Im Anschluss verbeugt er sich formvollendet und möchte gerade fortfahren, als er im Aufrichten einer weiteren Person gewahr wird.
Das heißt, zunächst wird er einer feuchten Leinenhose gewahr und zugleich der muskulösen Beine, die sie gleichsam verhüllt und preisgibt. Der Wahrnehmung folgt die eines nicht weniger ansehnlichen und kaum mehr bekleideten Oberkörpers und schließlich die eines ausdrucksstarken, gleichsam attraktiven, wie auch von großem Selbstbewusstsein zeugenden Gesicht. Und richtig, ein Stab ist auch dabei. Und auch wenn dies nicht die 'Rosenranke' ist und sein Freund Golodion nicht neben ihm sitzt, spürt er im Geiste dessen Ellenbogen vielsagend in seiner Seite.
Ohne sich bewusst zu sein, dass er den Neuankömmling nun ebenso anstarrt wie den Elch zuvor, und ohne zu merken, dass sich sein Mund bewegt, spricht er weiter: "Aus Bel...hunk... äh... hank..."
Im Augenblick, da ihm bewusst wird, was er da gerade macht - oder nicht macht - errötet er jäh und sein Blick fliegt - oder vielmehr: flieht - zu seiner eigentlichen Gesprächspartnerin zurück. "Aus Belhanka, meine ich!" Er fasst sich an die Nasenwurzel und kneift kurz die Augen zusammen. "Verzeiht! Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist."
'Also wenn du mich fragst, kann ich dir sagen, was gerne in mich fahren könnte', feixt Golodions beschwingte Stimme in seinen Gedanken, was ein erneutes Augenzusammenkneifen zur Folge hat. Schließlich kommt es fast panisch: "Ich bin wohl sehr erre... er... erfreut, meine ich. Und erschöpft. Die lange Reise, der Fall, Ihr wisst schon." Im Blick der dunklen Augen liegt ein stummes Flehen.

AB

Pflichtbewusst macht der Knecht einen Schritt zur Seite, als der Gast zu ihm vor die Tür tritt. Da er ihn vorhin hat in den Hof gehen sehen, hält sich seine Verwunderung in Grenzen. Vielmehr wird diese von der Erklärung der Dame hoch zu Ross und der darauffolgenden Erwiderung des schneebefleckten Mantelträgers gesteigert. Seine Augen huschen zwischen diesem und der Dame auf dem Theskaler hin und her. Oh süße Rahja, das kann ja heiter werden...
Bevor er sich jedoch gänzlich dem Staunen hingibt, schafft er es noch, dem Gast seine unausgesprochenen Frage zu beantworten. "Ein Elch... und ich weiß nicht, ob er in den Stall passt."

Das Gestammel und die sich andeutenden rahjanischen Versprecher rufen ein weiteres perlendes Lachen hervor. "Nein, wie reizend!" Es bleibt das Geheimnis der Sprecherin, was genau sie damit meint.
Mit blitzenden Augen beugt sich Urszula zu Avessandro hinab, wobei sich der weite Mantel öffnet und den Blick auf das darunterliegende - eng anliegende - mittelblaue Reitkleid enthüllt. "Dann solltet Ihr sehen, dass Ihr rasch ins Warme kommt, nicht wahr? Sonst holt Ihr Euch noch den Tod oder Schlimmeres."

OHH

Natürlich; Reskas Nachname ist nicht so wichtig wie die Verortung von Weilern, deren Namen das wiederauferstandene Fräulein mutmaßlich sämtlich noch nie auch nur aus der Ferne vernommen hat. So geht das eben zu mit Verdungenen.
Ah, der Knecht. Mit dem zu erwartenden langen Gesicht. Gibt es hierzulande nicht auch irgendwelche großen Tiere?
Von hinten schleicht noch jemand herbei, seltsam leicht geschürzt, und verspielt durch innehalten und stumme Gesprächsaufnahme seine ohnehin spärliche Tarnung. Ob er wohl soeben aus einem nivesischen Schwitzbade entstiegen ist? Es wäre beachtlich, wenn sie hier eines hätten!
Bei dem Auflauf mit all seinem recht gleichzeitigen Geschehen muss Reska sich an die umherziehenden Norbardensippen erinnert fühlen, welche bisweilen überfallartig ihre zahlungskräftigen Opfer umwimmeln, um sie binnen Kurzem ohne selbige Barschaft, dafür mit allerlei Nutzlosigkeiten zurückzulassen.
Inzwischen hat sich die offenkundig Verwirrte ebenfalls mit hinreichend langem Namen vorgestellt, ohne dass Reska davon viel mitbekommen hätte. Auffälliger dagegen die Blicke, mit welchen sie erst Urszula, dann dem Letztankömmling und schlussendlich wieder Urszula belegt. Erregt, ja das stimmt wohl in jeder Hinsicht.
Reska atmet ein, um wenigstens innere Ruhe zu erlangen, richtet sich dabei wieder gerade auf und schaut etwas unschlüssig umher. Der Fuhrmann bietet einen willkommenen Ruhepol.

OB

Wären die Wangen des Mannes nicht ohnehin noch von der körperlichen Anstrengung und der Kälte gerötet, dann würden sie sich spätestens jetzt verfärben. So gemustert worden ist er lange nicht mehr - genau genommen wurde er das letzte Mal so gemustert, als er gemustert wurde. Und das ist schon wirklich lange her. Dieser junge Mann mit der hellen Stimme und den zarten Zügen hätte ebenso gut wie ein Ausrufer verkünden können, dass hier ein spärlich bekleideter Mann im Schnee steht.
Als sich die Aufmerksamkeit von ihm fortbewegt, scheint er recht erleichtert zu sein. Er macht Anstalten, nun endlich an Alrik vorbei durch die Tür zu schlüpfen - da spricht die Dame von ihrem hohen Ross - in jeglichem Wortsinn - ihn und den Eberknecht gleichermaßen an. Sie scheint ihn für einen Dienstboten zu halten. Der Mann presst - nur für Alrik sichtbar - die Lippen zusammen. Dann aber kräuseln sich die Mundwinkel.
Der Mann dreht sich zu den Neuankömmlingen um, setzt ein dienstbeflissenes Lächeln auf und erwidert munter: "Travia zum Gruß! Ich kümmer mich um das Gepäck. Stets gern zu Diensten, holde Domna!"
Er lässt seinen Stab - einen geraden, mannshohen Stecken mit metallenen Kappen an beiden Enden - an der Wand neben der Gasthaustür stehen und macht auf seinen nackten Füßen ein paar Schritte hin zum Pferd. 'Seraphia wird sich kringeln, wenn ich ihr das erzähle...'

JuR

Beim Lachen Urszulas versteift sich Avessandro. Eigentlich ist er gewohnt, dass seine Freunde sich über seine soziale Unbeholfenheit amüsieren. Zum Beispiel hatten sie ihn erst vor wenigen Tagen, kurz nach seiner Rückkehr von seiner letzten Reise - in einer feierlichen Ehrung offiziell zum langweiligsten Mann Belhankas gekürt, mitsamt selbst angefertigter Medaille. Im Grunde eine wenig schmeichelhafte Auszeichnung, die ihm mit viel Gejohle überreicht wurde, und doch hatte sie Avessandro tief bewegt. So ist es meistens mit den Scherzen seiner Freunde. Es gefällt ihm nicht immer, wenn sie über ihn lachen, doch er ist sich dabei stets ihrer Zuneigung gewiss.
Bei Urszula ist hingegen ist es anders und deshalb erfüllt ihn ihr Lachen mit seinem gewissen Unbehagen, und als sich ihr Mantel bei Hinabbeugen öffnet, wendet er den Blick ab. Nicht nur aus Schicklichkeit - der Anblick weiblicher Brust ist für ihn generell sehr unangenehm. Vermutlich deshalb, weil er sich mit der eigenen trotz seines Bemühens, seinen Körper so zu akzeptieren wie er ist, so wenig anfreunden kann.
So blickt er auf den Boden und - nein, er tut nicht nur so - sucht seinen verlorenen Handschuh. Als sich die Reiterin dann von ihm ab- und den Männern bei der Tür zuwendet, empfindet er zunächst Erleichterung, dann jedoch zieht er bei ihren weiteren Worten die Augenbrauen zusammen. Der dabei entstehende finstere Blick füllt sich schließlich mit Bewunderung ob der Reaktion des spärlich Bekleideten, der mit hoher Wahrscheinlichkeit kein Angestellter dieses Hauses ist. Wie gerne würde er auch einmal mit derart heiterer Gelassenheit reagieren können. Als sich der Angesprochene nähert, fährt Avessandro eilig mit der Suche nach dem Handschuh fort.
Inzwischen ist der Fuhrmann in dem Durcheinander unbemerkt abgestiegen, um das auf seinem Karren verstaute Gepäck abzuladen.

AB

Alriks Augen öffnen sich erschrocken. Hat die Dame gerade wirklich... Schon will der Knecht ansetzten, um dem Irrtum aufzuklären, da hält ihn die Reaktion des Mannes neben ihm zurück. Anscheinend macht er gute Miene zu der doch eher peinlichen Verwechslung. Um ihm nicht nachzustehen, tritt Alrik nun ebenfalls an das Pferd heran und ergreift die Zügel desselben. "Willkommen im Grünen Eber. Ich werde Euer Pferd in den Stall bringen."
Aus dem Augenwinkel versucht er zu erkennen, ob der Gast doch noch irgendwie Hilfe bei den Satteltaschen der Dame benötigt. Allzu schwer sehen die beiden hinter dem Sattel befestigten Ledertaschen nicht aus, und auch die quer darüber geschnallte Rolle aus weichem gewachsten Leder sollte kein Problem darstellen.
Der Elch nebst Reiterin und der verunfallte junge Mann geraten derweil ein weing ins Hintertreffen ind er Aufmerksamkeit des Knechtes.

OHH

Sollte demnach der Leichtbekleidete gar kein Badegast, sondern hiesiger Knecht oder gar Dorftrottel sein? So recht glaubt Reska noch nicht daran - nicht bloß, weil gerade kein noch so kleiner Weiler in Sicht ist.
In jedem Falle heißt es nun wohl, abzusitzen. Oder sollte Urszula da anderer Meinung sein? Eben noch wollte sie doch so schnell hinein! Entsprechende Blicke werden jener zugeworfen, während sich Reska geübt vom Rücken des Elchs hinabschwingt und dann um das eigene Gepäck zu kümmern beginnt. Schön, wenn man mal nicht alles allein machen muss!

AB

Die Reiterin belohnt die Bemühungen der beiden Maenner mit einem strahlenden Lächeln. Mit einem "Sehr schön" lässt Urszula die Zügel aus der Hand gleiten, so dass sie vor dem Sattel auf dem Hals des Pferdes zu liegen kommen. Mit der behandschuhten Hand klopft sie dem Theskaler zweimal auf den Hals. "Sooo - Feierabend, Ninoschka."
Gehorsam senkt das Tier den Kopf, so dass die Reiterin elegant das rechte Bein vorne über den Sattelknauf schwingen kann. Derart nun seitlich auf dem Sattel sitzend schaut die Freiin Panemareiken zu Niedernebensjepengurken erwartungsvall auf den Eberknecht, welcher bereits die Zügel ihres Pferdes ergriffen hat.

OB

Der Mann hat tatsächlich nicht die geringsten Probleme, sich der Satteltaschen und der gewachsten Rolle anzunehmen. Während er an den Schnallen und Gurten nestelt, tauscht er noch einen verschwörerischen Seitenblick mit Alrik aus. Schon wieder sind seine Mundwinkel gekräuselt. Als die Gepäckstücke gelöst sind, schwingt der Mann sie sich auf die Schulter, als wögen sie nichts. Die Rolle wiegt er in der Hand.

AB

Die Rolle ist unerwartet leicht und nachgiebig und erinnert in ihren Abmessungen an eine zusammengerollte Decke. Nur das ihr Durchmesser größer ist als der einer fest gerollten Decke. Sie ist von mehreren langen Lederriemen zusammengehalten, welche am oberen Ende vernäht sind. Eine Hälfte der Riemen hat an ihrem Ende einen Metallring, durch den jeweils ein anderer gezogen und dahinter verknotet ist. Ein kleiner Beutel, welcher ebenfalls mit dem oberen Ende der Rolle vernäht ist, scheint eininge metallische Gegenstände zu enthalten - man kann beim Herabheben der Rolle ein leichtes Klacken vernehmen. Eine empfindliche Nase vermag neben dem angenehmen Geruch von Bienenwachs auch den Hauch einer blumigen Note zu erahnen.

JuR

Die Suche ist bald erfolgreich, und zu Avessandros stiller Freude findet sich auch das Geldstück in der Nähe des Handschuhs wieder. Als er sich aufrichtet und beobachtet, wie seine Mitgäste sich nun anschicken, das Warme aufzusuchen, kommen ihm die Worte seiner Verabredung in den Sinn, mit denen sie den von ihr ausgewählten Treffpunkt beschrieb: 'Es ist nichts Besonderes, aber es gab ordentliches Essen, saubere Betten und nichts, was uns von unserer Unterhaltung ablenken könnte.' Nun muss Avessandro doch ein wenig schmunzeln.

OHH

Sattel oder Gepäck abzunehmen, erscheint verfrüht. Erst einmal sollte Mokosch irgendwo unterkommen. Reska wird ihn wohl einfach dem weniger zweifelhaften Knecht nachführen und so sicherlich auf irgendeinen geeigneten Platz treffen. Erst einmal abwarten, was die Damen und... Männer als nächstes vorhaben. Die Zügel in der einen Hand, tätschelt Reska beiläufig den Elch mit der anderen.

OB

Die Rolle wiegt wirklich so gut wie nichts. Nun beeilt sich der Mann allerdings doch, endlich ins Warme zu kommen - die Kälte kriecht in seine nackten Fußsohlen. Mit festen, ausgreifenden Schritten nähert er sich der Eingangstür. Kurz davor verlagert er die getragenen Taschen so, dass er eine Hand für den Türknauf frei hat. Er öffnet die Tür nur so weit wie unbedingt nötig, um sich und sein Gepäck hindurchzubugsieren. Drinnen stellt er die Taschen an die Wand gleich rechts hinter der Tür und legt die Rolle auf den kleinen Tisch. Dann schlüpft er - für seine Statur erstaunlich behende - zurück, lehnt sich an den Türrahmen und greift mit ausgestrecktem Arm nach seinem Stab, der noch draußen an der Wand lehnt. Den holt er nun auch noch herein, erst danach schließt er die Tür wieder ganz.

AB

Alrik, der den Zügel in der Hand nur darauf wartet, dass die Dame absteigt, wird nach einiger Zeit dann doch unruhig. Hat er irgend etwas verpasst? Er dreht den Kopf, hebt ihn ein wenig und sieht sich dem erwartungsvollen Blick der Reiterin ausgesetzt. Den halbnackten Gast kann er nicht um Rat fragen, denn dieser hat das einzig Vernüftige getan und ist mit dem Gepäck im Haus verschwunden. Die Begleitung der Dame steht inzwischen nebem ihrem... Elch... und scheint auch irgendwie auf etwas zu warten.
Ein wenig ratlos erwidert der Knecht den Blick Urszulas. "Jaaaa?"

Usrzula seufzt laut und vernehmlich. "Kannst du mir bitte hinunterhelfen? Der Mantel, das Kleid..." Auffordernd streckt sie die Arme nach den Schultern des Knechtes aus.
Ninoschka, die geduldige Theskalerstute, schnaubt ergeben und verlagert das Gewicht von einem Huf auf den anderen. Sie scheint das gewöhnt zu sein.

JuR

Gerade will sich Avessandro umwenden, um nachzusehen, ob der Mann, der ihn hergebracht hat, Unterstützung beim Abladen seiner Habseligkeiten benötigt, da brummt es neben ihm, und er bekommt sie bereits überreicht. Zugegebenermaßen ist es auch nicht allzu viel - ein Rucksack mit einer Wenigkeit an Wechselkleidung und Gegenstände für die Körperpflege, eine Tasche aus festem, gewachsten Leder mit seinen Arbeitsmaterialien und eine ebenso wetterbeständige stabile Rolle, falls sich die Menge an Material während seines Aufenthalts erhöhen sollte. Das wars auch schon.
"Habt vielen Dank", entgegnet Avessandro, nachdem er sein Gepäck an sich genommen hat, "und eine gute Heimfahrt."
Mit einem Nicken und einem weiteren Brummen wendet sich sein Gegenüber ab, um zum Kutschbock zurückzukehren.

AB

Hilfesuchend blick Alrik sich um, doch ist da niemand, der helfen könnte. Ein wenig unbeholfen macht er einen Schritt auf die Dame hoch zu Ross zu. Ein gewisser Widerstand am Zügel erinnert ihn daran, diesen loszulassen, da Ninoschka anscheinend keine Lust hat den Kopf zu drehen. So kommt er vor der Freiin Panemareiken zu stehen und hebt die Hand um jene der Reiterin als Halt anzubieten.
Diese hingegen hat andere Pläne und lässt sich aus dem Sattel dem Knecht entgegenfallen, wobei sie sich mit beiden Händen auf seinen Schultern aufstützt.
Instinktiv greift Alrik zu und umschließt mit beiden Händen die schmale Taille der Reiterin, sie dadurch auffangend und sicher zwischen sich und Stute zum Stehen bringend. Die plötzliche Nähe der ihn ein gutes Stück überragenden schlanken Frau und die beinahe überwältigende Weiblichkeit lassen es dem Knecht heiß und kalt werden. Innerlich um Haltung ringend, verbleiben seine Hände vieleicht ein wenig länger als unbedingt notwendig auf der Taille liegen und auch die Augen finden nicht sofort einen angemessenen Fixpunkt.

OHH

Immer das gleiche Theater! Die Brauen hüpfen etwas missmutig empor. Warum tut Reska sich das nur an? Seit Wochen, seit dem Bornlande? Man muss schon etwas verrückt sein - oder eben Gründe. Ob die wohl so gut sind wie ursprünglich vermutet? Garethien oder sowas hätte ja eigentlich auch genügt. Im Horasreich sei es lieblich, hat sie gesagt. Ja, ja. Unwillkürlich schwingt sich der Blick zum dunkelgrauen Himmel empor. Das sieht gar nicht lieblich aus, nein.

JuR

Während er sich den Rucksack schultert, kommt Avessandro nicht umhin, die Szene um Urszulas Abstieg zu bemerken. Ohja, das ist Thalya, wie sie leibt und lebt - und das offenbar sogar doppelt. Sein Pech - gehört doch gerade der Umstand, dass er Thalya und ihre ihn oft herausfordernde bis anstrengende Art für ein paar Tage mal nicht um sich hat, zu jenen, die das Reisen vielleicht doch ein klein wenig annehmbar machen.
Auf der anderen Seite muss Avessandro zugeben, dass die Schauspielerin ein prima Kumpel sein kann, wenn man sie erst einmal näher kennt. Vielleicht trifft das für ja auch Urszula zu? Gerade er selbst sollte wissen, dass der erste Eindruck leicht täuschen kann. Außerdem kommt er nicht umhin, zu bemerken, dass ihn die Jahre im Zuckerhaus in Belhanka mit Ansgar, Golodion, Thalya und all den anderen verändert hat.
Mit diesen Gedanken im Kopf setzt er sich in Bewegung, die Tür des Gasthauses im Blick. Und als er sich auf der Höhe von Dame und Knecht befindet, kann er nicht widerstehen: "Nein, wie reizend", kommentiert er die Szene halblaut, mit einer Stimme, auf welcher der Ernst wie eine Schneedecke liegt, während darunter leichter Schalk und die freundschaftliche Zuneigung zu erahnen sind, die er für Thalya empfindet und die er nun auch ihrer Schwester im Geiste zukommen lässt.
Leise vor sich hinpfeifend setzt er samt Gepäck seinen Weg zur Tür fort, während hinter ihm der Kutscher mit der Zunge schnalzt und der Wagen rumpelnd die letzte Etappe seiner Heimfahrt beginnt.

AB

Urszula Freiin Panemareiken scheint von den Reaktionen um sie herum vollkommen unberührt zu bleiben. Weder das geduldige Warten ihrer Reisegefährtin noch das unübersehbare Unwohlsein des vor ihr stehenden Knechtes und auch nicht der leise - aber nicht zu überhörende Kommentar - des Schwerbemantelten rufen eine direkte Reaktion hervor. Vollkommen unbekümmert plappert sie weiter: "Ach, den Zwölfen sei Dank, endlich wieder auf den eigenen zwei Beinen. Obwohl ich froh bin, dass Ninoschka mich so tapfer auf ihrem Rücken trägt. Unvorstellbar, ich hätte den ganzen Weg selber laufen müssen. Aber jetzt sind wir ja angekommen, und ich werde sofort hineingehen und ein Zimmer ordern."
Sie legt Alrik leicht eine Hand auf die Brust. " Wenn du mich dafür vielleicht bitte loslassen würdest, ja? Das wäre überaus reizend, in der Tat."
Die letzten drei Worte könnten vielleicht in Richtung des vorbeistapfenden Gastes gerichtet sein. Oder auch nicht, denn es geht sogleich weiter: "Reska, mein Gute, möchtest du auch ein Zimmer?"
Alrik löst seine Hände von Urszulas Taille, als hätte er sich daran verbrannt. Hastig einen Schritt nach hinten gehend - und dann vorsichtshalber noch einen - stammelt er: "Verzeihung, meine Dame."
Seine hilfesuchenden Blicke werden des nun herabhängenden Zügels gewahr, der Knecht ergreift diesen und hält sich daran fest wie ein Ertrinkender an seinem Baumstamm. "Stall", kommentiert er unnötigerweise noch seine Absicht.

OHH

Ein heftiges Nicken bezeugt Reskas durchaus großes Interesse an eigenen vier Wänden. Wenn schon alles bezahlt wird, sollte man auf keinen Fall auf derartige Erleichterung verzichten.
Als der Knecht sich in Bewegung zu setzen ankündigt, tut Reska einen ersten Schritt in Richtung Hof. Dort war im Blickwinkel trotz Akrobatik der Dunkelhäutigen ein Stalltor zu sehen, weswegen sich der Bursche nun sicherlich dorthin begeben wird. Selbst mitgehen zu wollen, begründet sich auf der Wahrnehmungsvermutung eines Anbaus auf der Rückseite des Nebenbaus. Das sah nach Unterstand aus und damit wie eine geeignete Alternative zum Stall, sofern das Geweih mit seinen zwei Schritt Breite selbst in leichter Schräglage doch nicht recht durchs Tor passen will.

JuR

Noch immer die muntere Weise auf den pfeifend gespitzten Lippen, betritt Avessandro das Gasthaus.

AB

"Bestens, mein Guter, bestens." Urszula scheint äußerst zufrieden zu sein. Ein letzter Blick in die Runde, dann rafft die Freiin ihren Mantel um sich, wendet sich und schreitet auf die Tür des Gasthauses zu.

Erleichtert nimmt der Knecht zur Kenntnis, dass die Aufmerksamkeit der Dame nicht länger auf ihm ruht. Jetzt aber nichts wie weg hier.
Mit einem Schnalzen fordert er die Theskalerstute auf ihm zu folgen. Dem wartenden Elch beziehungsweise dessen Besitzerein nickt er auffordernd zu. "Na, dann wollen wir mal schauen, ob er reinpasst. Breit genug ist die Stalltür, wenn wir beide Flügel aufmachen... denke ich. Und sonst haben wir noch den Unterstand."

OHH

Etwas irritiert schaut Reska der Reisegefährtin nach, dann wird aber klar, jene hat den Knecht gemeint. Ob sie jedoch auch den Zimmerwunsch mitbekommen hat? Mit einem Achselzucken erinnert sich Reska, dass Urszula meist weit mehr zu bemerken scheint, als man ihr bisweilen zutrauen möchte.
Dann nickt Reska freudig dem Knecht zu und folgt ihm, den Elch führend. Ein Unterstand, also doch. Aber gegen einen warmen Stall wird Mokosch gewiss auch nichts einzuwenden haben, wenn das Wetter hält, was der Himmel verspricht.

AB

Schweigend und nur vom Knirschen der Schritte im Schnee begleitet umrunden Alrik und Ninoschka die Hausecke und erreichten so den Hof des Ebers. Sowohl die schon erwähnte Stalltür - derzeit geschlossen - als auch der Unterstand sind nun gut in Augenschein zu nehmen. Der Knecht wendet sich nach der Elchreiterein um. "Was meint Ihr, sollen wir es versuchen?" Er deutet mit dem Kopf auf die doppelflügelige Stalltür.

OHH

Wie schon gedacht, mag selbst ein rauheste Winter gewohnter Elch aus dem Norden solch ein Dach über dem Kopf vorziehen, welches von allen Seiten von Wänden getragen wird, wenn ein Sturm im Anflug ist. Letzteres scheint Reska ebenfalls gesichert, also gibt es als Antwort wieder ein eifriges, freudiges Nicken. Zugleich wird das Tier etwas dichter hinangeführt.

AB

Inzwischen ist Alrik mit der Theskalerstute vor der Stalltür angekommen. Sich erinnernd, dass diese gerade eben noch lammfromm stehengeblieben war, als er die Zügel aus der Hand gegeben hat, lässt er diese erneut los. "Du bleibst doch wieder stehen, nicht wahr?" murmelt er leise ehe er sich daran macht, die beiden Flügel der Stalltür zu öffnen.
Ninoschka macht artig keine Anstalten abzuwandern, im Gegenteil. Geduldig wartet sie ab, was der Knecht wohl als nächstes mit ihr vorhat.
Aus der geöffneten Stalltür schlägt eine warme Wolke von Heuduft und Geborgenheit hinaus in die kalte Winterluft. Rasch ist Alrik zurück und führt die Stute in den Stall. Zu Reska gewandt meint er: "Vertragen sich die beiden? Dann könnten sie nebeneinander stehen. Der Elch am Besten gleich neben die Tür hier, da hat er am meisten Platz für das Geweih." Arlik klopft im Vorbeigehen an die Wand des Stellplatzes. Ninoschka hingegen wird in die benachbarte Box gebracht.

OHH

Wieder nickt Reska lediglich als Antwort. Solche Ja-Nein-Fragen machen es leicht, die Stimme zu schonen. Entsprechend wird der Elch gleich hinterhergeführt, jedoch scheut jener zunächst nicht allein das Dunkel, sondern vor allem die Enge. Tatsächlich muss er den Kopf etwas schieflegen, um sein Geweih durch das Stalltor zu bekommen. Da fragt sich Reska dann doch, ob der Unterstand nicht klüger gewesen wäre. Aber wenn es noch ein Unwetter geben sollte, ist er hier gemütlicher aufgehoben.
Zum Glück sind die Trennwände nicht bis zur Decke gezogen, und es gibt auch keine Stützbalken. Dann könnte man gleich aufgeben und Mokosch rückwärts wieder hinausschieben. Oben zwischen den beiden zu belegenden Stellplätzen gibt es sogar ein Fenster, welches bei milderer Witterung Licht hereinlassen könnte. Gegenwärtig ist der Laden naheliegend geschlossen.
Noch einmal klopft Reska dem Reittier beruhigend auf die Flanke und versucht ein ebenso beschwichtigendes Brummen hinzu, welches aber nicht auf Anhieb in Gang kommen möchte, also wird es abgebrochen.

AB

Der Knecht beschäftigt sich erst einmal ausgiebig mit der Theskalerin: abreiben und bürsten. Ninoschka scheint die Prozedur zu genießen, denn die Stute steht entspannt mit einem angeknickten Bein und hat die Augen halb geschlossen.
Ab und zu äugt Alrik hinüber in die Nachbarbox, hin zu dem außergewöhnlichen Gast. Ob der wohl nachher auch so friedlich sein wird?

OHH

Jener Besucher scheint erst einmal verwundert darüber, wo man ihn diesmal abgestellt hat. In langsamen Bewegungen wendet er den riesigen Schädel leicht hin und her. Viel zu sehen bekommt er so dicht an der Außenwand stehend freilich nicht.
Unter seinem muskulösen Hals blitzen kurz Augen hervor. War das eben ein Schmunzeln?

AB

Sehr vorsichtig und unter viel gutem Zureden nähert sich der Knecht mit einem Wasser und einem Eimer Futter. Innerlich sendet er ein Gebet zu den Zwölfen, dass der Elch ihn unbeschadet lässt.

OHH

Ja, es ist ein Schmunzeln, welches nun von der Hinterseite des ruhig stehenden Tieres her den Knecht empfängt. "Keine Furcht", versucht eine helle Stimme zu ermutigen. "Mokosch beißt normalerweise nicht." Manchmal muss man eben doch lange Monologe halten. "Kann ich euch allein lassen?" Dabei streichelt Reska nun noch einmal die Hinterflanke des Elches, der sich das offenbar gern gefallen lässt.

AB

Alrik zuckt ein wenig zusammen, als ihn die bis dahin schweigsame Reiterin des Elches anspricht. Er hatte sie ehrlich gesagt schon ganz vergessen.
"Ja, natürlich", beeilt er sich, zu versichern. Nur, um vorsichthalber nachzufragen: "Was frisst Mokosch denn? Auch Heu wie die anderen?"

OHH

Der norbardische Gast nimmt es dem Knecht nicht übel, übersehen oder vergessen worden zu sein; im Gegenteil, gehört dies doch wohlbedacht meistens zur allgemeinen Strategie.
Ach ja, die Nahrungsaufnahme. Darum muss sich Reska für Mokosch eigentlich erst bisweilen kümmern, seit sie so oft mit Urszula in Gasthäusern weilen. Jetzt im Winter ist er eh nicht viel gewohnt. Da der Knecht wohl eher keine jungen Baumtriebe oder Wasserpflanzen im Stall vorrätig haben wird, erwidert Reska mit einem ruhigen Ausdruck: "Notfalls." Die zweite Silbe klingt dabei etwas höher als die erste.
Kopf und Rumpf ziehen sich langsam zurück, richten sich auf und bereiten sich offenbar zum Abwenden vor.

AB

Notfalls, was meint sie denn jetzt damit? Während der Knecht noch nachgrübelt, beginnt Reska, sich zurückzuziehen. Rasch, ehe sie dem Stall entschwindet, fragt Alrik noch einmal nach: "Also, Heu ist in Ordnung, ja?" Nur um etwas kleinlaut hinzuzufügen: "Was anderes hab ich eh nicht."

OHH

Eigentlich könnte man hier mit vielen Worten gut noch einmal die Stimme üben und dem Knecht lange Vorträge über die Fressgewohnheiten von Elchen halten. Aber wie er schon sagt: Er hat eh nichts anderes - wozu also! Reska nickt nur nochmals mit einem beruhigenden Lächeln. Heu ist besser als nichts, und nichts ist das, was man als Elch so zur Winterzeit eh erwartet.
Kurz darauf schlüpft die hochgewachsene Gestalt, deren Mütze sie noch vergrößert, zum Stalltor wieder hinaus, selbiges sogleich sorgsam hinter sich schließend.
Dann wendet sie sich auch sogleich wieder der Straße zu. Auch wenn man Schnee und Kälte hinreichend gewöhnt ist, muss man sie deswegen noch lange nicht einer warmen Wirtsstube vorziehen.
Mit Knecht und Elch wird es schon seine Wege gehen, daran verschwendet Reska keinen Gedanken mehr. Statt dessen eilen die Gedanken voraus und hinein, wo Urszula und eine unkalkulierbare Anzahl an Bewohnern und Gästen auf eine wenig redefreudige Norbardin warten. Besser, der Hals wird noch einmal freigeräuspert! "Ein paar Worte können auch nicht schaden", fügt Reska für sich selbst und um der Gewöhnung willen an. Wie gut, dass gerade niemand in Hörweite ist!
Dennoch wird bei diesem eigentlich fröhlichen Gedanken Misstrauen geweckt, woraufhin Reska doch ein paar unwillkürliche kontrollierende Blicke umherwirft. Nichts als leere Hauswände von Stall und Unterstand, drüben ein paar offenkundig schon recht alte Baumstümpfe von nicht sonderlich alt gewordenen Stämmen. Kein Mensch, nicht einmal Tiere scheinen im näheren Umfeld noch unterwegs. Die werden schon wissen warum.
Wieder zügiger, biegt die in ihren Pelzen fast so sehr wie das vermeintliche gestürzte Fräulein vorhin untergehende Person um die Hausecke und hält auf den Grünen Eber zu: das Schild, welches über dem Eingange prangt und leicht im Winde pendelnd leise quietscht. Welche Farbe mag das Metall einmal gehabt haben, bevor es derartig beschlug? Aber Reska will das Ding ja nicht kaufen oder verkaufen.
Handelsgeschäfte... Sie - oder besser, deren Vermeidung - sind letztlich einer der beiden Gründe, hier zu sein. Was für ein im Grunde vollkommen verrücktes Leben! Dennoch soll es ruhig weiter so bleiben, auch hier in der Ferne. Es hat seinen ganz speziellen Reiz.
In Reichweite der Türklinke angelangt, wird diese nach kurzem Durchatmen und einem letzten diesmal verhaltenen Räuspern ergriffen und betätigt.
Es wird auch höchste Zeit, hat es doch von Reska bis eben unbemerkt schon wieder angefangen zu schneien. Nicht, dass die paar Flocken bereits gefährlich würden, aber da kommt gewiss bald mehr.
Drinnen im Halbdunkel der Kerzen und Öllampen muss man sich dennoch nicht besonders anstrengen, die Leiterin dieser seltsamen Reise zu finden - es sind ja kaum Leute vorhanden. Mit Ausnahme des Wirtes am Tresen hat Reska sie allesamt bereits draußen kennengelernt. Wobei kennen wohl arg hoch gegriffen ist. Insbesondere über den angezweifelten Knecht gibt es auf den ersten Blick allerlei Neues zu erkennen: Der prächtige Uniformrock verrät eine hohe Stellung, mutmaßlich zur See. Wie das hübsche Mädchen ihn anhimmelt! Nun ja, sicherlich ein Stück weit verständlich, aber auch irgendwie ganz schön... rasch.
Fiel drüben nach den üblich reichlichen Worten Urszulas der eigene Name? Mit hochgezogenen Brauen schaut Reska wiederum zum Tresen und lässt etwas verzögert die Füße dem Blicke folgen. Das riecht schon wieder nach irgendeiner Aufgabe. Mit solchem Ungemach muss man wohl rechnen, wenn man im Lohne steht.
Ein Mundwinkel zuckt belustigt, dann ist Reska auch schon beim Fräulein von und zu sowie dem hinter dem Tresen stehenden Wirte angelangt und fragt in alter Gewohnheit mit den Augen statt dem Munde, was Sache sei. Ob wohl schon alles belegt ist? Die kaum besetzten Tische sprechen eher dagegen.

AB

"Ah, Reska, gut dass du kommst. Wir haben ein Zimmer - bislang noch für uns allein, aber das kann sich noch ändern - und ich würde mich gern umziehen gehen. Trägst du mir meine Satteltaschen aufs Zimmer? Ich nehme dann die Kleiderrolle gleich mit hinauf."
All das ist mehr eine Mitteilung als eine Aufforderung zum Gespräch. Mag sein, dass es so Urszulas Art ist, kann aber auch sein, dass es an der mittlerweile gewohnten Schweigsamkeit der Norbardin liegt. Jedenfalls ist Urszula bereits ein paar Schritte von der Theke hinüber zu dem Tisch mit ihrem Gepäck gegangen.
Jetzt hält sie allerdings nochmal inne. "Zu Essen und Trinken habe ich noch nichts bestellt, und einen Tisch müssten wir uns auch noch aussuchen. Nicht direkt an der Tür, das zieht zu sehr. Such dir doch einen Platz aus, ich brauche nicht lange."
Der Blick der Freiin wandert dabei wie zufaellig beim Umwenden auch über die beiden im Gespräch vetieften Gestalten am Kamintisch. Entspannt wirken die Herrschaften nicht.

NW

Noch während Tesden der neu hinzutretenden Person - das muss wohl die von dem Fräulein erwähnte Reska sein - zunickt, plaudert die Freiin bereits munter weiter und enthebt so den Wirt einer weiteren Erwiderung.

OHH

EIN Zimmer? Irgendwo gab es da ein Missverständnis - zu befürchtender Weise bei Reska. Aus der Traum vom Einzelzimmer! Wäre ja auch mal allzu bequem gewesen. Was soll's! Besser als ein Schlafsaal ist es allemal. Da muss man nur auf eine Person und ihre Blicke achten, nicht auf viele.
Gehört es hingegen zu Urszulas Masche oder ist es ein tatsächliches Versehen, wenn die Aufgabe, etwas hochzutragen, dem Tischaussuchen etwas widerspricht? Es ist wohl nicht gleichzeitig gemeint, sondern in dieser Reihenfolge. Vermutlich wird die Freiin etwas länger brauchen als das Gepäckabladen benötigt.
Zugleich geht aus den Anweisungen hervor, dass man nicht bei den anderen beiden Gästen sitzt. Dies mag Reskas Situation einerseits erleichtern, andererseits ist es auch ein wenig schade. Die beiden scheinen in ein durchaus belauschenswertes Gespräch vertieft zu sein. Wie war das? Das Fräulein möchte ein Junge sein? Auf dem Wege zu den Satteltaschen zucken Reskas Brauen empor. Welch ein eigenartiger Zufall!

AB

Die Bornländerin hat inzwischen den Tisch neben der Tür erreicht und die dort abgelegte Lederrolle an sich genommen. Als sie sich umdreht, um den Schritt hinüber zur Treppe zu lenken, kann sie nicht umhin, die emporzuckenden Augenbrauen ihrer Begleitung zu bemerken. Die Worte am Kamitisch konnte sie nicht verstehen, doch liegt die Vermutung nahe, dass Reskas Reaktion damit zu tun hat. Nun, das wird sich vielleicht bei einem Glas Würzbier später in Erfahrung bringen lassen.
Mit unbedarftem Gesichtsausdruck nickt Urszula der Norbardin zu und steuert ohne weitere Worte auf die nach oben führende Treppe zu.

OHH

Was schaut Urszula schon wieder so verdächtig drein? Dieser Blick lässt Reska inzwischen stets irgendeinen Hintergedanken bei Urszula wittern. Was das jeweils sei, und ob das überhaupt so stimmt, verbleibt natürlich in aller Regel im Dunklen.
Ist ja auch völlig egal. Das edle Fräulein bezahlt, also muss man sich mit den Allüren zufriedengeben. Immerhin ist das hier kein schlechter Dienst, und die erreichte Entfernung ist so grandios, dass es fast schon übertrieben erscheint.
Mit den über die Schulter geworfenen Satteltaschen folgt Reska dem blonden Goldesel. Packesel hinter Goldesel, genau besehen. Reska schmunzelt in sich hinein.

AB

Langsam einen Fuß vor den anderen setzend, beginnt die Bornländerin die Treppe emporzusteigen. Doch in Gedanken ist sie noch immer bei der soeben beobachtetn Szene. Diese schweigsame Norbardin ist ihr - obwohl sie schon eine ganze Weile gemeinsam reisen - noch immer ein Rätsel.
Kaum dass sie die Zähne für mehr als das Allernötigste auseinanderbringt, geschweige denn dass Urszula in der Lage gewesen wäre, irgend etwas Persönliches über Reska zu erfahren. Und wenn sie dann doch einmal den Mund auftut, ist man immer wieder erstaunt welch eine Vielzahl an fremden Zungen diese geheimnisvolle Frau beherrscht.
Unmerklich beginnt die Aufwärtsbewegung, sich zu verlangsamen. Geheimnise, Rätsel - all das sind Dinge, die Urszula partout nicht ausstehen kann und die sie immer und immer wieder zu Höchstleistungen antreiben. Lästerhafte Zeitgenossen würden sie deswegen als 'neugierig' beschreiben; Urszula selbst bevorzugt den Begriff 'interessiert'. Die klaren blauen Augen beginnen sich leicht zusammenzuziehen, und über der Nase bildet sich eine Steilfalte des Nachdenkens. Wie es angehen, dass Reska ihr Geheimnis lüftet? Ob sich der Umstand, dass dieses Mann-Fräulein heute im selben Gasthaus abgestiegen ist, irgendwie nutzen lässt? Und wäre es vielleicht daher angebracht, sich nachher doch lieber in Hörweite der beiden am Kamintisch zu platzieren? Am Besten so, dass Reska diesen Dom Avessandro sehen und hören kann?
Inzwischen ist der Aufstieg Urszulas vollständing zum Stillstand gekommen. Etwa in der Mitte Treppe stehend, wendet sie sich zu der nachfolgenden Norbardin um. "Ich hab es mir anders überlget. Wir sollten nachher doch lieber so nah wie möglich am Kamin sitzen. Es wird sicherlich noch kälter heute Abend. War da noch ein anderer Tisch außer dem, wo die beiden Herren... Damen... also die beiden anderen sitzen?"

OHH

Du meine Güte; die hohe Dame wird doch nicht ernsthaft Zahl und Position der Tische schon wieder vergessen haben? Was bezweckt sie nun schon wieder?
Dennoch verwehrt sich Reska nicht, über die gestellte Frage nachzusinnen. Mit Ausnahme des hinteren Ecktisches und des halb besetzten Kamintisches selbst standen wohl alle ziemlich gleich weit von der behaglichen Wärmequelle entfernt. Doch wie Urszula ja bereits eigens auuschloss, dürften die Tische nahe der Türe am zugigsten sein, auch wenn bei dieser Witterung vermutlich nicht mit allzu vielen weiteren Gästen zu rechnen sein mag.
"Der große", scheint also die erste Wahl nach diesem Kriterium. Klingt die Stimme bloß wegen der Last und des Treppenanstieges ein wenig gepresst? Doch da fällt Reska noch eine weitere, wenngleich möglicherweise weniger bequeme Möglichkeit ein: "...und der Tresen."

AB

"Ach, mehr nicht?" gibt die Freiin erstaunt zur Antwort. "Bist du sicher?"
Kaum, dass die letzten Worte dem Mund entwichen sind, begint sich Urszula auf der Treppenstufe umzudrehen, um selber einen Blick zurück in die Gaststube zu werfen. Allerdings muss sie dabei feststellen, dass sie aufgrund des Fortschritts des Aufstiegs ins Obergeschoss von ihrer derzeitigen Position aus bereits den Gastraum nicht mehr einsehen kann.
"Ach, wie dumm. Man kann ja gar nichts mehr sehen", kommentiert sie die Erkenntnis und macht einen Schritt nach unten - vielmehr versucht sie, einen Schritt nach unten zu tun, denn der geplante Abstieg wird von der ebenfalls auf der Treppe wartenden Norbardin jäh aufgehalten.
Auffordernd blickt Urszula Reska an. Dabei nutzt sie die Enge der Treppe und den ungewohnlichen Blickwinkel um eventuell neue Erkenntnisse über ihre Begleitung zu erhaschen. Die Frage 'Was verbrigst du vor mir?' drängt sich dabei mit Nachdruck in ihren Sinn.

OHH

Wie viele Tische oder Plätze glaubt Urszula wohl, zu benötigen?
Aber die unvermutete Umwendung und darauffolgend angedeutete Richtungsänderung drängen Reska in die Defensive. Das Haupt mit der durch breit ausrasierten Scheitel geteilten Haarpracht wird etwas zurückgezogen, dann zudem unwillkürlich geringfügig abwärts geneigt. So angesehen zu werden, ist unbehaglich, mutet fast gefahrvoll an, und birgt doch irgendeinen seltsamen, tief versteckten Reiz.
Letzterer wird einstweilen als ebenfalls unangenehm abgeurteilt. Diesem Urteile folgend, tritt Reska eine Stufe zurück hinab, um sich dann in die Ecke der Treppe zu drücken. Trotz Satteltaschen sollte dies genügend Raum zum Vorübergehen bieten. Was Urszula unten allerdings Neues zu entdecken erwartet, bleibt Reska unklar. Überhaupt ist es hier viel zu heiß!

AB

"Danke." Urszula nutzt den freiwerdenden Raum, um sich neben Reska auf den Treppenabsatz zu stellen. Von hier aus reicht es, wenn sie sich ein wenig bückt, um einen Blick in den Raum zu erhaschen. Nicht, dass sie viel Neues darin entdecken würde - weder an der Zahl der Tische und Gäste noch an deren Anordnung hat sich etwas verändert. Auch nicht an der Tatsache, dass das Gespräch am Kamintisch angespannt wirkt, was sich aus der Körperhaltung durchaus ablesen lässt.
Theke oder der große Tisch... Von der Theke aus wäre es kein Problem, dem Gespräch der beiden am Kamintisch eventuell zu folgen und so etwaige weitere Reaktionen Reskas herauszufordern. Nur kann man die Gesichter der Sprecher dann nicht sehen, was schade ist. Bleibt also der große Tisch.
Die Überlegungen sind von einem gelegentlichen "Hmmhmm... Hmmmm.... Hmmm... ja" begleitet.
Beinahe ruckartig richtet sich die Bornlaenderin wieder auf und wendet sich direkt an Reska. "Am Tresen könnte es auf die Dauer doch zu warm werden, und die Hocker sehen nicht allzu bequem aus. Ich würde den großen Tisch vorziehen, am besten nicht direkt mit dem Rücken zur Außenwand. Aber das können wir ja dann entscheiden, wenn wir wieder nach unten gehen. Platz ist ja noch genügend."

OHH

Jetzt bleibt sie da auch noch stehen! Natürlich gab es auf der langen Reise schon andere allzu intime Situationen, aber manchmal möchte man fast Absicht annehmen.
Gerade will Reska versuchen, sich an der Reisegefährtin möglichst ohne Berührung vorbeizudrücken und emporzuflüchten, da ist es auch schon wieder zu spät. Wer zu spät kommt, den bestraft der Winter.
Was hat sie gesagt? Ach so. Ja. Alles richtig, ohne Frage. Man muss wohl auch kaum befürchten, dass sich der Schankraum in allernächster Zeit aus dem Nichts heraus füllt. Reska nickt entsprechend und deutet dann mit dem Oberkörper den zweiten Versuch eines Hinaufsteigens an, der Urszula aber vorzugsweise nicht durch unbedachte Bewegungen mit den Satteltaschen die Stiegen hinabstoßen soll.

AB

Indem sie ein klein wenig zurückweicht und mit der freien Hand einladend nach oben deutet, bedeutet Urszula der Norbardin, doch bitte voranzugehen.

OHH

Reska nimmt das Angebot an und steigt nun zügig empor. Eile wäre dann doch übertrieben reagiert.
Oben ist es recht dunkel. Offenbar gibt es einen längeren Gang mit Türen zu beiden Seiten - aber wo müssen sie eigentlich hin? Besser, diejenige geht vor, die auch den Schlüssel hat! So ist es folglich bereits die nächste Ecke, in welcher Reska schon wieder stehenbleiben und warten muss.

AB

OHH

Wird fortgesetzt.


Ausschnittliste / anwesende Gäste / Lageplan

Redaktion und Lektorat: OHH 2019