Morgendlicher Landgang

Verfasser: Oliver H. Herde und andere

OHH

Immer heller wird es um den Kapitän, welchem die Bewegung im Halbdunkel seit jeher vertraut ist, sowohl tatsächlich wie auch im übertragenen Sinne. Ums Eck die Treppe hinab wird er dann doch ein wenig vorsichtiger, um so mehr, als er unten die Wirtsleute vernimmt.
Alsbald bekommt er sie auch zu Gesicht. "Guten Morgen, Meister und Meisterin!" sprudelt er vor Höflichkeit, derweil er schaufend die beschwerlichen Treppenstufen absolviert. Runter ist es ja tatsächlich ein wenig schwieriger als hinauf.

VW

Siona schüttelt bedächtig den Kopf: "Nein, Tesden. Du kennst unsern guten Alrik. Zurückhaltend, bedächtig, aber wenn es drauf ankommt und er eine Entscheidung treffen muss, dann ist die wohlüberlegt und kommt aus dem Herzen. Vinizarah sucht vielleicht Beständigkeit und hätte diese in Alrik finden können, aber Alrik möchte genauso wissen, woran er ist. Ich glaube, das ist ihm gestern klar geworden und dann ist es besser so, als wenn dieser Knoten erst später geplatzt wäre."

NW

"Ja, vermutlich hast du recht, mein Herz, wie immer", lächelt Tesden, stellt sich dann ein wenig geschäftsmäßiger hin, als der erste Gast des Morgens die Treppe herunterkommt. Das muss der verwegene Kerl mit dem Holzbein sein, folgert der Wirt messerscharf durch die Geräusche auf der Treppe.

OHH

Holzbein und Krücke zum Trotze - oder vielmehr durchaus auch dank ihrer Hilfe - gelangt der Kapitän recht rasch auf den Schankboden hinab.
Den offenbar etwas abgelenkten Wirtsleuten lächelt er freundlich zu, was die eine oder andere Zahnlücke zeigt. "Steht nur bequem, Herr Wirt!" lacht er. "Ich muss eh einstweilen ums Eck, und für den Nachfolgenden gilt wohl dasselbe." So darf man zumindest mutmaßlich aus dessen Tracht schließen. Ein Blick zurück soll den Einäugigen vergewissern, dass da auch wirklich jemand nachfolge.

VW

Zuerst entgleisen die Züge der Wirtsfrau hin zu einem breiten Grinsen, als sie die Ansprache des Seemannes vernimmt, dann bricht sich ein vergnügtes Lachen Bahn. "Dann lasst Euch durch uns nicht aufhalten."

AB

Da betritt Alrik in seinem Festgewand mit gebürstetem Haar und Bart den Schankraum durch die Tür neben der Theke.

NW

Tesden stimmt in das Lachen von Gattin und Seemann ein, als er schräg hinter sich die Türe sich öffnen hört. Er wendet den Blick in diese Richtung und hebt anerkennend die Augenbrauen, als er Alrik im Feststaate in die Schankstube treten sieht.

GH

Sobald das Pochen von Holz auf der Treppe verstummt ist, ist nur noch das Tappen und Patschen bloßer Füße auf dieser vernehmbar. Einige Augenblicke später erscheint unten im Schankraum der beleibte Hemdenmatz, wie ein ausgeschlafenes Kind am Praiostagsmorgen. Sich ebenso wohlfühlen geht immer, ob man nun sechs oder sechzig Götterläufe gefüllt hat. Denn die besten Jahre sind nun.
Der kleine Herr reckt sich und steigt mit einem herzhaften Gähnen die letzte Stufe hinab, wobei er sich selbstverständlich die Hand vor den Mund hält. Er sieht sich um - und seine Augen bleiben kurzfristig an dem jungen Mann in Festkleidung hängen. Ja, richtig, heute war eine verhinderte Hochzeit.
Dass er selbst noch so ganz anders gewandet ist, scheint den Frischaufgestandenen nicht weiter zu stören. Allgemein grüßend nickt er in alle Richtungen. Dann wendet er sich seiner Truhe zu, die immer noch in alter Treue am Thekenende nahe der Treppe wartet.

OHH

Gute Laune überall; der Kapitän ist mit sich und der Welt zufrieden. Beim Erscheinen des festgewandeten Knechtes hebt sich zumindest die unverdeckte Braue - die Mundwinkel sind ja bereits in der Höhe. Beachtlich, wie jener sich hergemacht hat! Aber ob er wohl vergessen hat, dass die Hochzeit nicht stattfindet? Wobei es ja wohl eine Ersatzfeier geben soll.
Wie auch immer. Anerkennend wird dem jungen Burschen zugenickt, dann wendet sich Kvalor dem Eingange zu, welchen er nunmehr als Ausgang zu nutzen beabsichtigt. Nebenbei bemerkt er seinen gestrigen Tischgefährten sich über das wohlpositionierte Reisemöbel beugend. Auch dies sei ein Schmunzeln wert.
Während die anderen noch den Knecht bewundern, gelangt der Kapitän in wenigen ausholenden Schritten zur Türe. Wird langsam Zeit, wahrlich! Schwungvoll reißt er die Türe auf - und hat dieses Spitzohr vor sich stehen mitsamt seinen wehendem Silberhaar. Ist der Kerl nun jung oder alt; könnte der sich mal entscheiden?

Gerade breitet sich ein Lächeln auf dem schmalen Antlitz aus, als die Türe nahezu fortgerissen wird und statt ihrer der so vieler Körperteile verlustig gegangene Seemann auftaucht. Die linke Braue hebt sich, dann folgt rückwärtig der rechte Fuß, dem beklagenswerten Menschen den Weg zu öffnen.

"Hm, ähm, danke!" brummelt der Kapitän und rauscht an dem wartenden Elfen vorüber, welcher sich trotz seines Mitleides nun doch eines Schmunzelns nicht völlig erwehren kann. Draußen kommt letzterer nicht weit, da er erst einmal die herrliche frische Luft in sich aufsaugt. Zeigt sich hier vielleicht eine erste Gemeinsamkeit?

VW

Timon wartet mit einer hochgezogenen Braue. Ein Betrieb hier, nicht von schlechten Eltern. Mal sehen, wann der Elf den Gastraum betritt, damit er selbst folgen kann.

OHH

Derweil der Kapitän noch einmal etwas unbehaglich über die Schulter späht, bevor er sich erneut auf den letzten Weg von gestern Abend macht, widmet der Elf diesem keinen Gedanken mehr. Statt dessen läd er den jungen Mann mit einer Geste seiner schlankfingrigen Hand ein, in den Schankraum voranzuschreiten.

Ein zweiter Blick zurück lässt den Kapitän etwas mehr als sonst torkeln - etwa so, wie man ihn sich bei hoher See vorstellen wollte, obgleich solche für ihn doch eher den Normalzustand darstellt. Scheint zumindest höflich, das Spitzohr - wenn es nicht irgend etwas gegen den Jungen im Schilde führt, vorausgesetzt. Aber solange letzterer nicht als Schiffsjunge anheuert, geht dies Kvalor wenig an.
Im nächsten Moment hat er es um die Ecke geschafft und hält erneut auf sein nun halbwegs sichtbar gewordenes Ziel zu. Wird langsam Zeit, jawohl! Und mal eben mit der Hauswand wäre es nicht getan.

Krachend fliegt die Türe des Verschlages auf. "Ah, Luft, Pottstausend!" hallt die kräftige Stimme des Kapitäns aus den Brettern, die die Erleichterung bedeuten, hervor. Allerdings wird er gleich noch mehr davon empfinden, wenn er erst einmal wieder eine ordentliche Brise um die Nase bekommt und sich frei bewegen kann, ohne mit Krücke, Holzbein oder Ellenbogen gegen irgendeine Wand zu stoßen.
Ein Spähen hinter den Eber fördert den dortigen Brunnen in Sicht. Trotz bereits stolzen Hungers lohnt sich ein Ausflug dorthin.
Behende gelangt der Kapitän an das senkrechte Gewässer, welches man ohne den Aufbau glatt übersehen müsste. Die Krücke wird an den Brunnenrand gelehnt, dann der Eimer inspiziert. Ein kleiner Rest Wassers ist noch darinnen, wunderbar. Schnell die Hand hineingetunkt, etwaige Gerüche zu entfernen - nicht zu lange, freilich. Man weiß ja, wie schädlich Wasser der Haut auf Dauer ist; sie verschrumpelt.
Apropos Gerüche: Liegt hier nicht ein solcher von gebratenem Speck in der Morgenluft? Suchend hebt der Kapitän seinen Riechkolben in die Höhe. Ja, wahrhaftig! Mit Eiern! Da läuft sogleich das Wasser im Munde zusammen. Hoffentlich kann er sich derlei von seinen letzten Münzen noch leisten. Oder ob das Frühstück schon zur Feier gehört und nicht zu bezahlen ist? Nachdenklich schaben vier nasse Fingernägel die Schläfe entlang.
Wie auch immer; nun erst einmal die Waschung beenden! Für das Gesicht und zum Gurgeln nimmt er vielleicht besser Frischwasser. Mit einer lässigen Handbewegung wird der Eimer seines flüssigen Inhaltes in die Gegend entledigt, mit einer zweiten fliegt er über den Brunnenrand hinein ins Dunkel. Kurz nach dem Platschen beginnt der Kapitän, die Kurbel zu betätigen.

OB

Dass am Brunnen schon der versehrte Kapitän zugange ist, entgeht Bosper beim Näherkommen selbstverständlich nicht. Kurz überlegt der Geweihte, ob er helfen soll. Aber wie der Alte sich bewegt, das sieht noch behende und kraftvoll aus. Und häufig mögen es grad solche Menschen nicht, wenn man ihnen hilft, obwohl sie's gar nicht wollen. Also gesellt sich Bosper nur mit einem freundlichen "Da wär ich wieder" zu Kvalor. Seine Amulette legt er - sehr vorsichtig natürlich - auf dem Brunnenrand ab. Prüfend äugt er in den Brunnen runter und zum Seemann rüber, falls der vielleicht doch Hilfe braucht und es bloß nicht offen sagt.

OHH

Ah, Seine Gnaden aus der Mannschaftskajüte! Freundlich nickt der Kapitän jenem entgegen. Mit wieder meint der wohl eben genau den gemeinsam beschlafenen Ort. Was könnte man da geistreich erwidern? Das Genicke muss erst einmal genügen.
Theoretisch könnte man die Arbeit auf den Besucher abwälzen, aber im Moment ist dem Seebären die Morgenübung ganz recht. So hat er den Eimer alsbald wieder heraufgeholt. "Ich bin gleich fertig", erklärt er, um den anderen zu vertrösten, anstatt ihm den Vortritt zu lassen. Der wird ihn deswegen schon nicht gleich verbrennen, sondern das Recht des Zuerstgekommenen oder des Älteren oder des armen Invaliden akzeptieren.
Schmunzelnd spritzt sich Kvalor großzügig mit dem Handteller Wasser ins Gesicht und verreibt es ein wenig.

OB

"Nur keine Eile!" antwortet Bosper freundlich. Er dreht sich so, dass sein Gesicht zur Sonne weist, und löst erst einmal den Gürtel mit den Sphärenkugeln. Den trägt er zum Brunnenrand und legt ihn dort sorgfältig ab. Dann schaut er wieder sonnenwärts, während er an seiner Robe nestelt. Alle Zeit der Welt also für den Seemann.

OHH

Höflichkeit und Freundlichkeit pflegen zumeist durch dieselben erwidert zu werden. So auch diesmal. Zufrieden lächelt der Kapitän. Die Zeremonie des anderen verfolgt er kaum interessierter als gewöhnliche Badevorbereitungen, aber doch innerlich wohlwollend ob eben jenes gepflegten Umganges, den sie miteinander haben.
Da er die äußerliche Waschung als abgeschlossen erachtet, kommt nun die inwändige an die Reihe. Hierfür stemmt er notgedrungen einhändig den Eimer empor und gießt sich von dessen Inhalt in den aufgesperrten Rachen, mit selbigem frohgemut und lauthals zu gurgeln.

OB

Bei dem gurgelnden Geräusch hinter ihm muss Bosper schmunzeln. Das sieht keiner, weil er sich gerade die Robe über den Kopf zieht. Aber natürlich hat der Geweihte nichts zu verbergen. Also schmunzelt er weiter, als sein Gesicht wieder unter dem Stoff hervorkommt. Er hält das Gewand - immer noch Richtung Sonne schauend - mit ausgestreckten Armen vor sich, damit es nicht mit dem Saum auf dem Boden hängt. Mit ein paar geschickten Handbewegungen faltet er den Stoff zusammen und geht zum dritten Mal zum Brunnenrand. Jetzt trägt er noch das weiße Untergewand.
Dem Seemann sagt er: "Nur mit Wasser? Schmeckt'n das?" und zwinkert ihm zu.

OHH

Zunächst einmal muss der Kapitän den Gegenstand der Frage ausspucken. Dies tut er denn auch auf die dem geweihten abgewandte Seite des Brunnens. "Stimmt, es schmeckt irgendwie seltsam", überlegt Kvalor halblaut. "Aber vermutlich fehlt nur das Salz." Auf See gurgelt es sich selten mit Süßwasser.
Zum Abschluss seiner morgendlichen Waschung kommt auch der tiefere Rachen noch an die Reihe, indem er einen größeren Schluck Wassers dort hinunterjagt. Nein, sein Gnaden hat schon recht: Es schmeckt heute noch langweiliger als sonst, von dem kaum wahrnehmbaren fremden Geschmack mal ganz abgesehen.
"Mal sehen, was sie zum Frühstück kredenzen", meint er, den noch reichlich halbvollen Eimer auf den Brunnenrand stellend.

OB

Bosper steht da wie vom Donner gerührt. Salz. Im Wasser. Salzwasser. Meer. Er ist noch keine halbe Stunde wach, und schon zweimal mit der Nase drauf gestoßen worden, dass da zwischen ihm und seinem Ziel eine Seereise liegt. Über. Das. Meer.
Die beiläufige Bemerkung des Kapitäns zum Frühstück überhört er glatt. Ist vielleicht auch besser so, grad ist ihm nämlich ziemlich flau im Magen.
"Darf ich mal was fragen?" erkundigt er sich mit einer leichten Röte im Gesicht. Bevor die Antwort kommt, fängt er an, auch das weiße Untergewand seiner Geweihtentracht abzulegen. Am Ende steht er in seiner Leibwäsche da.

OHH

Mit erhobener Augenbraue - und mutmaßlich derer zwei, da sich auch die dunkle Klappe ein wenig hebt - wendet sich der Kapitän dem jungen Geweihten zu. Hoffentlich will jener keinen medizinischen Rat oder gar...
"Rhähm, ja?" räuspert er hinaus. "Was gibt es denn, mein J..." Hoppla, das wäre wohl die falsche Anrede, auch wenn das Bürschlein momentan nicht gerade sehr würdevoll vor ihm steht. Scheint ja eher durch irgend etwas beunruhigt. "...äm, Euer Gnaden?"

OB

Ohne seine Geweihtentracht ist Bosper auf den ersten Blick wirklich nur ein junger Bursche, der eine Frage an einen alten Haudegen hat. Er druckst auch kein bisschen herum, als er loslegt: "Ich bin auf'm Weg nach Balträa. Das ist eine von den Zyklopeninseln", fügt er hinzu, auch wenn der erfahrene Seebär das wohl selber weiß. "Ich war noch nie auf dem Meer. Und ganz ehrlich, ich hab 'nen Riesenbammel davor. Was mach ich dagegen am besten?"

OHH

Zunächst stutzt der Kapitän. Mit solchem hat er nun gar nicht gerechnet. Ihm selbst war dies nie ein Problem, war ihm das Meer doch von Kindesbeinen an stets vertraut. In Brabak hat man es ständig vor Augen und, wenn man will, an den Füßen. Klein-Kvalor wollte immer. Sanfte Wellen, die selbsgebastelte Schifflein hinforttragen, kommen dem Altgewordenen in den Sinn.
Dann fasst er den Fragesteller wieder fester ins Auge und lächelt breit. "Lerne es kennen!" Dies erst einmal sacken lassen; nicht zu viele Worte auf einmal! Es ist genug Zeit für mehr, wenn der Leichtmatrose nur will.

OB

Bosper schaut erst mal verdattert. Das ist schon eine ziemlich kurze Antwort. Er schaut, ob das zahnlückige Lächeln des Seebären vielleicht ein bisschen hämisch ist - aber danach sieht es nicht aus.
Also lässt er den Satz erst einmal sacken. Eigentlich kein schlechter Rat. Wenn man was nicht kennt, muss man es halt kennenlernen. "Und wie mach ich das am besten?" ist die naheliegende nächste Frage.

OHH

Wohlwollend nickt der Kapitän seinem salzwasserscheuen Scholaren zu, da dieser die rechte Einstellung mitzubringen weiß. "Indem du dich ihm näherst und mit ihm befasst. Hast du es überhaupt schon einmal gesehen? Und was weißt du darüber?"
Unschlüssig schaut er umher, scheint etwas zu suchen, das üblicherweise eher irgendwo unten zu finden ist.

OB

Bosper nickt aufmerksam und mit großen Augen zum ersten Satz, den der Kapitän sagt. Beim zweiten schüttelt er heftig den Kopf. Der dritte bringt ihn ins Grübeln. "Naja. Dass es groß ist und weit und tief. Dass man keinen Boden unter den Füßen hat. Und dass es nix gibt, wo das Auge sich dran festhalten kann."

OHH

Ein Schmunzeln überzieht das rauhe Antlitz des Kapitäns. "Das ist wohl richtig, aber auch wiederum nicht ganz. Es sei denn, man hielte sich nur vermittels eines passablen Stück Holzes über Wasser." Da er offenbar unten nicht gefunden hat, was er suchte, schweift der Blick abschätzend über den Brunnenrand. "Doch wird man üblicherweise auf einem Schiff fahren, an dem man sich bestens festhalten kann. Oder das eine oder andere Auge. Im Übrigen dürft ihr den Seeleuten zumeist vertrauen schenken, welche auf, in, über und unter dem Meer durchaus sehr viel mehr wahrzunehmen verstehen als jemand, der es nie zuvor gesehen hat.
Braucht Ihr momentan das Wasser?" Die Hand hat den Eimer gepackt und emporgehoben.

OB

Bosper klammert sich an die Worte des Kapitäns wie, nun ja, ein Ertrinkender. Mit großen Augen und verständigem Nicken saugt er die Erklärungen in sich auf - auch wenn sie ihm eigentlich nicht allzu viel sagen. Wie soll eine Landratte - so müsste er sich wohl nennen, wenn er das Wort schon mal gehört hätte - sich das auch vorstellen können?
Dass sein Gegenüber eine andere Frage gestellt hat, kommt erst mit Verspätung beim Geweihten an. "Oh, nehmt nur, nehmt nur", sagt er hastig, "ich hol mir dann einen vollen Eimer rauf, wenn Ihr soweit seid."

OHH

Möglicherweise zur Überraschung seines Gegenübers schüttet der Kapitän das Wasser recht achtlos beiseite. "Danke." Der Eimer wird umgedreht und auf den Biden aufgesetzt.
Derweil er sich darauf etwas schnaufend niederlässt, greift Kvalor den kurz niedergelegten Faden wieder auf: "Wenn Ihr es nicht allzu eilig habt, würde ich einen Spaziergang an der Küste empfehlen. Vielleicht gar barfuß am Strand. Buchstäbliches Begreifen einer Sache mag hilfreich sein, die Furcht davor zu mindern. Das Meer kann unsagbar schön sein."

OB

Bosper schaut ein wenig verblüfft. Ob das jetzt daran liegt, dass der Kapitän das Wasser fortschüttet, oder an seiner Frage, das erkennt man schlecht.
"Eilig?" wiederholt er. "Nö, eilig hab ich's nicht. Hab alle Zeit der Welt sozusagen... Also" - er schaut etwas geistesabwesend in die Ferne und tappt mit den nackten Füßen auf den Boden - "ein Spaziergang am Strand."

OHH

Wohlgemut lächelt der Kapitän zu dem schwerlich als solchen zu erkennenden Geweihten empor. So ein sympathischer Kerl; wer hätte das gedacht? Bisherige Erfahrungen mit diesem Stand erbrachten ja doch eher leicht einengende oder gar repressive Eindrücke. Allerdings ist der Pirat ja gerade wegen seines besonderen Freiheitswillens ein solcher geworden.
"Ja, ganz recht. Seht, ich habe als Kind eine gewisse Furcht vor Spinnen gehabt, bis ich mal eine unter einer Glasschale einfing und sie mir längere Zeit betrachtete. Eine Liebe ist freilich nicht draus geworden, aber die Furcht wurde bezwungen.
Ist es eine... geschäftliche Angelegenheit, welche Euch nach Balträa führt?" Das friedvolle Antlitz des Seebären möchte kein Gewässerchen trüben.

OB

Bei der Erzählung des Kapitäns von der Spinne nickt Bosper aufmerksam und verstehend. Dann muss er aber doch grinsen - wohl bei dem Gedanken, das Meer auch mal eine Zeit in einem Wasserglas einzusperren. Das Grinsen wird aber etwas verzerrt und verschwindet dann ganz.
"Erstmal bitt' ich um Entschuldigung", sagt Bosper aufrichtig. "Ich hab nicht dran gedacht, dass das lange Stehen nix für Euch ist. Da war meine Neugier größer als meine Höflichkeit."
Dann macht er es sich selber ein bisschen bequemer und stützt sich mit den Ellenbogen auf den Brunnenrand auf. Natürlich so, dass er gut weiterreden kann und der Kapitän ihn auch sieht.
"'Geschäftlich' klingt ein bisschen komisch. Bin ja kein Mondschatten. Aber auf Balträa ist ein wichtiges Heiligtum vom Herrn Praios. Ein Orakel. Da will ich hin."

OHH

Also geschäftlich; der Kapitän nickt zufrieden, wie bereits zuvor wohlwollend zu der freundlichen Entschuldigung. Dann bemerkt er bei der Suche nach Fortsetzung des Gespräches, dass der Geweihte ja bereits ganz beiläufig eine Vorlage geboten hat: "Ein Orakel? So habt Ihr Fragen an die Zukunft?" Sofern diese ihn nichts angehen, wird sich Seine Gnaden schon zu verweigern wissen.
Nebenbei erinnert Kvalor zunehmend der entspannten und gar nicht mal so betont würdevollen Sprechart des Gegenübers. Dies mag für innere Gelöstheit und Entspannung stehen, was den Seemann wiederum erfreut lächeln lässt.

OB

Bosper nickt bedächtig. "Das kann mal wohl sagen", fügt er dann an. "Jetzt wo die Quanionsqueste überstanden ist... da frag ich mich schon: Was soll ich nun machen? Wo will der Herr Praios mich hinschicken?"
Er muss ein bisschen aufpassen. Das könnte sonst ein sehr langes Gespräch werden hier draußen, wo man doch drinnen viel bequemer sitzt. Aber hier scheint die Sonne.

OHH

Quanionsqueste, Quanionsqueste... Irgendwer hat mal davon gesprochen, aber die Angelegenheiten der nördlichere Reiche sind für den Kapitän stets von nebensächlicher Bedeutung, ebenso wie die hochheilige Geistlichkeit, welche man auf hoher See deutlich weniger vorfindet.
"Nun, ich bin zwar Laie, aber spricht der Herr Praios nur über Orakel zu seinen Dienern? Ich hätte gedacht, er zeigt seinen Willen auch auf anderem Wege - wenn es ihm nur wichtig genug erscheint." Die nächste Frage könnte sein, ob es nicht auch auf dem Festlande erreichbare Orakel gibt - für die Meeresfürchter und Seekranken.

OB

Bosper muss kurz auflachen, wird dann aber schnell wieder ernst. "Das könnt Ihr laut sagen", erwidert er. "Beim letzten großen Orakel hat er einfach hundert Geweihte und Novizen von Glyndhaven bis Brabak hergenommen und sie alle gleichzeitig dieselbe Prophezeiung sprechen lassen. In 'ner Sprache, die kaum einer von ihnen überhaupt kannte."

AB

Gemütlich bummelnd umrunden Thyramidos und Ayjid das Gasthaus. Langsam kommt das Ziel des Spazierganges in Sicht: der Brunnen auf dem Hof. Hier hat sich schon ein kleines Grüppchen versammelt - der Seebär und der Herr Praiosgeweihte. Ob das die Maraskani bei ihren Morgenverrichtungen wohl stören wird? Verstohlen versucht der Magier das aus dem Verhalten seiner Begleiterin zu erahnen. Zur Sicherheit bemerkt er ganz nebenbei "Oh, wir sind nicht die einzigen hier..." Nicht das Intelligenteste, zugegeben, aber was Besseres fällt ihm nicht ein.

OHH

Dies dürfte ja wohl der heiterste Praiosgeweihte - vielleicht überhaupt Geweihte - sein, mit welchem der Kapitän bislang zu tun hatte. Gewiss, es waren über das lange Leben zwar viele, doch gar wenig eng zu nennende Kontakte, die meisten eher in der Jugend auf den ersten Fahrten. Der Efferdgeweihte, dessen Namen Kvalor längst verlorengegangen ist, war ein eher sauertöpfisches Exemplar. Wie auch immer.
"Ups!" fällt dem Seemann als erstes zu Seiner Gnaden Erzählung ein. Aber dann wirft jene doch allerlei Fragen auf. "Wie kommt das? Ich meine: War es folglich des Herrn Praios Sprache? Oder richtete sich die Botschaft nur an jene wenigen, die sie beherrschten?" Welche es gewesen sein mag, wird vermutlich auch noch von selbst zur selbigen kommen.
Die Nahenden bemerkt er noch nicht sogleich, da er eher nach Westnordwest gerichtet sitzt und jene von Ost mit einem winzigen Hauch Nord kommen.

OB

"Das war Au-re-li-a-ni", antwortet Bosper und spricht jede Silbe deutlich aus - wohl weniger, damit es der Kapitän versteht, sondern weil er selber mit dem Wort ein bisschen zu kämpfen hat. "Das ist eine uralte Sprache, die wir in der Praioskirche für hohe Liturgien und so verwenden. Kommt noch aus'm Güldenland. Und auf den Zyklopeninseln wird was in der Art gesprochen."
Wo er gerade von den Zyklopeninseln spricht - der Magier, der da gerade mit seiner Reisebekanntschaft ankommt, stammt doch von dort, oder? Mit einem Kopfnicken weist der Geweihte in Richtung der Neuankömmlinge und sagt zu Kvalor: "Aber ich glaub', das besprechen wir nachher drinnen weiter. Wenn Ihr wollt, natürlich. Jetzt grad wird Euer Schemel aber wohl langsam wieder gebraucht..."

OHH

Aureliani - das hat der Kapitän doch auch schon irgendwo mal gehört. War das nicht die Sprache der Elfen? Ach nein, seine Gnaden klärt es ja bereits auf! Wie seltsam, den Menschen in Aventurien eine güldenländische Botschaft zu senden! Sollte ein Gott vielleicht auch einmal falsch adressieren?
Diesen Gedanken in eine für einen Geweihten etwas erträglichere Frage umzuformulieren, ist leider keine Gelegenheit. Aufmerksam gemacht, springt der Sturmerprobte von seinem Aushilfshocker empor. "Oh, ach, selbstverständlich! Verzeihung!" Letztere wird langgezogen, damit auch die hinterrücks Erscheinenden noch etwas davon haben möchten. Zur Unterstreichung gibt es einen angedeuteten Kratzfuß.

OB

Bosper schaut staunend zu, wie behende der Kapitän wieder aufsteht. Da hat er ja vorhin gut daran getan, nicht seine Hilfe anzubieten - denn nun ist bewiesen, wie gut der Alte noch beisammen ist. Wenn auch nicht alle seine Körperteile.
"Kein Grund, um Verzeihung zu bitten", erwidert der Geweihte. Dann geht er ein paar Schritt auf den morgendlichen Gesprächspartner zu, um den Eimer an sich zu nehmen und seiner wahren Bestimmung zuzuführen.

UK

Wieder einmal bemerkt Ayjid, dass es in den hiesigen Gefilden am Morgen kälter ist, als sie es sonst gewöhnt ist - nicht viel, aber merklich genug, um ein leichtes Frösteln über ihren Rücken zu jagen. Dass sie nicht allein am Brunnen sind, nimmt die Maraskani mit der Gelassenheit einer Eidechse hin, die sehnsüchtig darauf wartet, dass der Stein unter ihr endlich warm wird. "Die beiden Gäste kenne ich noch nicht", kommentiert sie die Worte ihres Begleiters leise.
Als sie näherkommt, begrüßt sie die beiden Herren am Brunnen mit einem angemessenen Nicken - tiefer bei dem Praios-Geweihten - und einem freundlichen Lächeln. "Preiset die Schönheit, Bruderschwestern!"

OHH

Ach ja, eine Maraskani, war ja bekannt. "Gern!" schmunzelt der Kapitän bedeutungsvoll und nickt noch extra der jungen Dame zu. "Um so leichter, wenn sie soeben erscheint." Nebenbei tritt er ein klein wenig beiseite, den Weg zum Brunnenrand freizugeben. Die dort lehnende Krücke scheint er ganz vergessen zu haben und einstweilen auch ohne sie zurechtzukommen.

AB

Gerade will er auf die besondere Stellung des Herrn Geweihten hinweisen, da ertönt schon der Gruß der Maraskani. Anscheinend stört sie die Gegenwart nicht. So tritt auch Thyramidos hinzu und grüßt in die Runde: "Die Zwölfe zum Gruß."
Suchend blickt er sich dann nach dem Eimer um.

OB

Bosper erwidert ein "Praios zum Gruße". Wenn er den Blick des Magiers richtig deutet, dann sucht der gerade nach dem Eimer. Den hat der Geweihte in den Händen, also lupft er ihn ein bisschen an. "Wird leider noch'n Moment dauern", sagt er entschuldigend. "Wir ha'm uns hier verplaudert."
Er hakt den Eimer wieder am Seil an und lässt ihn in den Brunnenschacht hinab. "Solang könnt Ihr mir ja erklären", wendet er sich freundlich an die Maraskani, "was Euer Gruß bedeutet."

OHH

Ach, jetzt kommt das wieder! Aber solche Erklärungen, die leicht zu einem Religionskrieg ausufern mögen, können auch durchaus bisweilen ganz kurzweilig zu verfolgen sein. Drum eilt sich der Kapitän noch nicht, wieder hineinzukommen. Dass er nicht lange stehen möchte, bleibt hingegen unverändert. Man wird sehen.

AB

Der Olporter winkt ab. "Wir haben Zeit."
Die folgende Frage des Geweihten lässt ihn ebenfalls aufhorchen. Ja, was genau bedeutet dieses Bruderschwester? Er hat es ja nun schon öfter gehört und es auch bereits ein klein bisschen liebgewonnen. Aber was es bedeutet, darüber hat er zugegebenermaßen bislang nicht nachgedacht.
Als er seine Augmerksamkeit nun wieder voll und ganz seiner reizenden Gefährtin zukommen lässt, kann er nicht umhin, ihr Frösteln zu bemerken. "Ist dir kalt?" fragt er besorgt und öffnet einladend die Arme.

UK

Der Blick der Maraskani fixiert erst irritiert den Eimer, schwenkt dann nachdenklich auf den jungen Geweihten, wechselt zu dem älteren Versehrten und landet schließlich wieder bei dem Ausgangspunkt der Augenreise. Ayjid beißt sich auf die Lippen. Ja, was genau bedeutet der Gruß eigentlich, geht durch ihren Kopf. Einerseits sind es nur ein paar Silben, aber die Wissenden könnten so viel darin hineininterpretieren. Zu viel.
Dass Thyramidos sie anspricht, lenkt die Frau ein wenig von ihrem Grübeln ab. Dankend schmiegt sie sich an den warmen Körper ihres Begleiters, während sie ihre Antwort abwägt. Immerhin spricht ein Geweihter der Acht zu ihr, da sollte man schon eine gute Antwort haben - aber er ist auch ein Fremdiji, und diese pflegen in Glaubensfragen manchmal seltsam zu sein.
"Nun, wir alle sind ein Teil der Schönheit der Welt", setzt Ayjid zu einer Antwort an, "ein Geschenk der Zwillinge, behütet und gesegnet von den Göttern. Sollte man das nicht preisen?"

OB

"Die Schönheit der Welt..." wiederholt Bosper nachdenklich, während er den Eimer runterlässt und mit kraftvollen Zügen wieder raufholt. "Das versteh ich nicht ganz. Die Welt könnte ja ein ganzes Stück schöner sein, oder?"

AB

Der Magier kann dem Geweihten im Augenblick nicht zustimmen. Für ihn kann die Welt im Augenblick kaum schöner sein. Diese Erkenntnis äußert sich jedoch nicht in Worten, allenfalls in einer klein wenig festeren Umarmung der Maraskani. Derart mit sich und der Welt im Einklang, lauscht Thyramidos einfach nur dem Gespräch der beiden anderen und genießt den Augenblick.

OHH

Da hat der Kapitän sich also geirrt: Es geht überhaupt nicht um 'Bruderschweseter'.
"Lässt sich die Schönheit nicht auch in einer noch so unperfekten Welt preisen? Womöglich würde man sie in einer perfekten gar nicht recht wahrnehmen, da sie so gewöhnlich wäre und damit eigentlich wiederum nicht unbedingt schön - was auch die grundsätzliche Möglichkeit von Perfektion ein wenig infragestellt", überlegt der alte Seemann wie zu sich selbst, aber doch allgemein hörbar.

UK

Die Worte des älteren Mannes am Brunnen waren zwar leise, aber sind nichtsdestotrotz an Ayjids Ohren gedrungen. Wie es aussieht, ist sie hier auf zwei Gäste des Hauses gestoßen, denen philosophische Gedanken nicht fremd sind - schade, dass sie den Geweihten und seinen Begleiter nicht schon früher kennengelernt hat. Sie überlegt einige Herzschläge, bevor sie das Gespräch fortsetzt.
"Das ist sind interessante Fragen. Nun ich denke, die Welt ist schön, so wie sie ist - nur fällt es uns Menschen manchmal schwer, das auch so zu sehen. Wenn wir sie im Ganzen erkennen könnten, würden wir sie wohl als perfekt empfinden." Sie lässt die Worte kurz wirken.
"An Rurs Geschenk kann nichts wirklich Hässliches sein. Zum Glück wachen die Götter darüber, dass das auch so bleibt."

OB

Bosper nickt bedächtig bei den Worten des Kapitäns. Alle Achtung, da spricht Lebenserfahrung. Er taucht seine Hände in den Eimer mit dem kalten Brunnenwasser, als die Maraskanerin mit ihrer Antwort loslegt. Die scheint doch noch etwas ganz anderes zu meinen.
Erst einmal schüttet er sich zwei Handvoll Wasser ins Gesicht. Prustend wischt er sich die Nässe ab und fragt dann mit gerunzelter Stirn: "Ihr sagt, die Welt ist schön, wie sie ist. Was ist denn dann mit..." Er schaut sich suchend nach einem Gegenbeispiel um. Der Kapitän würde ja ins Auge springen, so wie ihm das Leben mitgespielt hat. Aber das wär nun doch arg unhöflich. Das Erstbeste, was Bosper dann in den Blick fällt, ist: "...mit dem Komposthaufen da hinten?"

OHH

Nun scheint es doch noch loszugehen. Aufmerksam beobachtet der Kapitän den halbnackten Geweihten auf dessen Reaktion hin. Na, was kommt jetzt? Er schaut so...
Als jener dann aber mit seinem eilig hervorgezerrten Beispiel aufwartet, muss Kvalor einfach lachen. Köstlich, der Junge!

AB

Der Magier begnügt sich damit, Ajyid wärmende Rückendeckung zu geben. Philosophie am Morgen ist ihm heute zuviel.

AB

OB

UK

OHH

Wird fortgesetzt...


Ausschnittliste / anwesende Gäste / Lageplan

Redaktion und Lektorat: OHH 2018