Huhn und Getränke

Verfasser: Günter Hölscher, Oliver H. Herde, Ralf Büngener und andere

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Ohne weitere Umschweife setzt der fröhliche Genießer den Krug an seine Lippen, lässt sich einen winzigen Moment vom Zauber des herben Duftes einfangen und dann einen maßvollen Schluck Gerstengebräu über Zunge und Gaumen perlen.
Dann setzt er das Gemäß wieder ab und nickt diesmal zuerst dem Olporter und dann dem Seebären zu, den Blick zu ihren Augen suchend. "Und ein gutes Essen in angenehmer Gesellschaft trägt gleichen Zauber in sich. Dem werde ich mich nun widmen." Ehe man sich's versieht hat er aus der Innenseite seines Rockes ein weißes und feingefälteltes Bündel hervorgezaubert und legt es neben sich. Bevor er es auswickelt, blickt er erneut auf zu seine Nachbarn. "Die Herren würden mir eine Freude bereiten, mein bescheidenes Mahl mit mir zu teilen - so noch Hunger vorhanden ist, versteht sich."
Dies gesagt habend wickelt der vorfreudige Genießer sein kleines Bündel aus und entnimmt ihm ein silbernes Besteck, bestehend aus Messer, Gabel und Löffel, welches er neben seinem Teller postiert. Das weiße Tüchlein entpuppt sich als Serviette, die der kleine Herr auf seinem Schoß ausbreitet. Somit ist er bereit zum Mahle, nimmt das Messer in die rechte und die Gabel in die linke Hand und beginnt nach einem kleinen andächtigen Augenblick damit, den gebratenen Vogel aufzuschneiden.
"Ich bitte um Verständnis, wenn ich schon einmal beginne - so lange das Huhn so schön heiß ist", spricht er dabei in die kleine Runde. Dann schließt er die Augen, während er behaglich den ersten Bissen zum Munde führt.

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Eben will der Kapitän zu einem maßvollen, doch gewiss wohltuenden Schluck ansetzen - immerhin muss man sich das Getränk etwas einteilen, da die Quelle nicht ewig sprudeln dürfte - als letztere das ihre stürzt und im Anschluss fingerfertig allerlei Zubehör erscheinen lässt. Die kleine Zeremonie ist beachtlich genug, den Becher noch ein Momentchen in der Luft zu vergessen.
Erst dann wird dem Geladenen selbiges bewusst. Heute muss sein Glückstag sein! Zumindest, was die Verpflegung angeht. Womöglich spaziert nachher ja doch noch Zylya oder Dudi zur Türe herein? Oder wenigstens Pewatu? Nein, das wäre fraglos etwas zu viel verlangt und zumal ob der Entfernung zur Küste recht unwahrscheinlich.
"Selbstverständlich!" beantwortet Kvalor wieder geistig zurückkehrend auf gleich beide letzten Äußerungen des unvermuteten Gastgebers. Vorhin noch glaubte er sich selbst in dieser Rolle, aber jener hat den Tisch gleichsam gekapert und mit Mann und Holzwurm übernommen. Welcher Pirat würde sich nicht dem reiche Prise Versprechenden anschließen! Ein flüchtiger Blick trifft Thorkar. Nun gut, der ist wohl kein rechter Korsar oder grübelt vielleicht noch über die Chancen der Schatzsuche.
Aber wie dem auch sei; nicht schon wieder abschweifen! Dem Großzügigen sollte vorsichtshalber noch nahegelegt werden, dass jenes letze Wort nicht nur Erlaubnis zum Verzehr sei, sondern auch Bekundung eigener Bereitschaft, daran teilzunehmen. Dies erreicht man ganz diplomatisch mit einem einzelnen weiteren: "Danke!"
Noch immer schwebt der Becher in der Höhe.

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Die Haut ist kross und zugleich spröde, so dass sie dem sich Hingebenden auf der Zunge zu zergehen scheint. Das Fleisch darunter - zart und dennoch von sanfter Bissfestigkeit. Und die Würze - die Ahnung von Zitrone wächst sich zur Gewissheit aus. Drachenkraut - das hat er vorhin gar nicht wahrgenommen - rund und dem Geschmack die Fülle verleihend. Und dann ist da noch eben diese kleine freche Prise Kanel oder Benbukkel, wie man wohl auch sagt. Die war kein dummer Einfall!
Schließlich öffnet der kleine Herr die Augen wieder. "Das hier ist zu gut, um es nicht zu teilen", verkündet er seinen beiden Nachbarn. "Die Herren dürfen sich überlegen, ob sie Brust oder Keule bevorzugen, während ich tranchiere." In diese Arbeit versenkt er sich daraufhin mit geschickten Schnitten.

RB

Ungläubig beobachtet der Thorwaler die Prozedur, als sein Tischnachbar das Besteck auspackt und arrangiert. Er hatte fast vergessen, dass er sich im Horasreich befindet. Darum zögert er zunächst, als er eingeladen wird. Nicht, dass der Gastgeber erwartet, dass er auch mit so einer Jaffel isst.
Aber schon der nächste Satz erlöst ihn aus der Grübelei. Vom Trongschieren hat Thorkar schon mal gehört, wenn Onkel Aidan zuhause die Froschfresser nachäffte. Eine abgeschnittenes Hühnerbein lässt sich problemlos mit der Hand bewältigen und so entscheidet er sich schnell: "Na, da näim ich wohl 'ne Keule."

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"Wahrlich, eine gute Wahl, alle Klabauter!" bekundet der Kapitän fast ein wenig bedauernd. Zwar ist es für ihn von besonderem Interesse, etwas mit nur einer Hand verspeisen zu können, doch kann man letztlich von jedem Stück abbeißen, wenn nur den Mund groß genug ist. Gewöhnlich hat die Keule jedoch saftigeres Fleisch denn die Brust.
Drum beugt er sich etwas zu dem Spender und seinem Opfer hinüber, letzteres in Augenschein zu nehmen, als wolle er sich versichern, ob es vollständig sei. "Wenn Ihr die andere auch erübrigen könntet und wolltet, so wäre dies ebenfalls mein Vorzug."

GH

In beide Richtungen ein kurzes Nicken sendend, lässt sich der kleine Herr in seiner Konzentration nicht weiter stören. Das Fleisch ist so weich, wie es sein sollte, auch in den tieferen Schichten. Und sein Messer ist gut geschliffen, so dass auch die Sehnen und Knorpel um die Knochen keine Probleme verursachen. Frau Knedsen sei Dank, die sich stets vorbildlich um alle Küchenutensilien gekümmert hat!
So ist das trennende Werk an den Keulen rasch beendet, mit sauberem Schnitt. Herr Tellicherri legt das Besteck säuberlich an den Rand der Platte und breitet die Hände einladend in beide Richtungen aus: "Bitte sehr, greift zu, Ihr Herren!"

OHH

"Alsdann", beginnt der Seemann noch etwas ungläubig über solche Freigiebigkeit. Der kleine Herr scheint finanziell recht gut im Futter zu stehen. Aus schwärmerischer Träumerei heraus eine Fahrt auszurichten, wird aber gewiss die Möglichkeiten auch des sparsamsten Buchhalters übersteigen.
"Seid bedankt! Prosit!" Rasch holt Kvalor nach, was er bislang versäumt hat, und trinkt auf den Spender - maßvoll, aber mit ehrenvoll großem Maße.
Dann noch etwas weiter vorrückend, langt die viereinhalbfingrige Hand nach einer der beiden Keulen, nachdem sie den Becher abgestellt hat.

RB

Das lässt sich Thorkar nicht zweimal sagen. Er nimmt die Keule, die einladend in seine Richtung zeigt, hebt sie leicht, als wolle er damit zuprosten und bedankt sich mit den Worten: "Dat wouhl, bei Travia!" Dann beißt er kräftig hinein, als habe er noch nicht zu Abend gegessen.

GH

Nun, da seine beiden hungrigen Nachbarn versorgt sind, findet der Gastgeber des bescheidenen Mahls auch Gelegenheit, seinen Krug ein zweites Mal zu heben. Beiden Herren wird freundlich zugenickt mit einem: "Travia sei's gedankt! Lasst es Euch schmecken!" Dann gönnt sich der Wohlbeleibte einen tieferen Schluck, um sich für die weitere Geflügelzerlegung zu stärken. Wie süffig und gut!

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Naturgemäße Stille umfängt auch den Kapitän, als er seine Zähne in das Hühnerbein versenkt - vom zugehörigen Schmatzen mal abgesehen.

GH

Wie schön ein Augenblick der Stille sein kann, in dem alle zusammen genießen und sich wohlfühlen. In solchen Momenten wird man für kurze Zeit zu einer Familie, ganz egal, wie lange oder wie gut man sich kennt. Zufrieden lächelnd stellt Herr Tellicherri den Krug wieder auf seinen Platz neben der Platte und greift nach der Serviette auf seinem Schoß, um sich die Lippen abzutupfen. Er seufzt leise und wohlig und macht sich dann weiter daran, den Rumpf des Vogels in mundgerechte Stücke zu zerlegen.

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In solch friedlicher Stimmung nagt es sich sehr gemütlich an der Keule. Und wie angenehm weich das Fleisch ist! Gerade recht für des Kapitäns Zähne. Kleinere Vögel sind meist zarter als größere. Insofern kann er gut auf Gäne verzichten, wenn es Huhn gibt. Den Genuss jedenfalls hört man ihm zunehmend an.

RB

Das Fleisch ist so saftig. Genussvoll lässt der Thorwaler den Saft aus dem Mundwinkel in den Bart laufen. Das ist schon ein lautstarkes Schmatzen wert. Und so schmatzt er mit dem Käpt'n um die Wette, selbst als er noch die letzten Fleischreste von den abgenagten Knochen saugt.

OHH

Dass der Pirat etwas leiser ist als Thorkar, mag wesentlich mit an seinen sorgfältigen Bemühungen liegen, im Gegensatz zu jenem nicht Teile seiner kostbaren Beute entkommen zu lassen. Dennoch ist er gewiss, hinterher noch genügend Fett im Barte zu haben, um noch ein Weilchen an den Schmaus geruchlich erinnert zu werden. Das soll genügen; inwändig ist es besser aufgehoben.
Jetzt wäre eine zweite Hand recht hilfreich, um zwischendurch ein Schlücklein vom Weine hinzuzufügen. Aber es geht auch so. Da er die Keule eh vor allem mit Daumen und Zeigefinger hält und den Mittelfinger nur bisweilen zum Stabilisieren helfen lässt, bleiben zweieinhalb Finger frei, sich etwas unkonventionell an den Rand des Bechers zu krallen und ihn solcherart zum Munde zu führen. Dabei möglichst nicht das Hühnerbein ins einsame Auge stechen. Geht schon alles mit der nötigen Erfahrung.

GH

Schließlich sieht der Mann in seinen besten Jahren die Arbeit des Tranchierens fürs Erste als erledigt an. Auch wenn noch ein Teil mehr aufzuschneiden wäre am hinteren Teil des nun keulenlosen Vogels. Doch dann ständen die mundfertigen Bissen in der Gefahr des Erkaltens, was nicht im Sinne einer genussvollen Mahlzeit wäre.
Gleichzeitig vernimmt er, während er das Messer niederlegt, sowohl von seiner Rechten als auch von seiner Linken, wie hörbar seine Nachbarn ihren Teil der Mahlzeit genießen. Er merkt auf, nickt höflich nach beiden Seiten. Aha, so bekundet man also in diesem Teil des Landes, dass es schmeckt. Da will er seinen Mahlgenossen nicht nachstehen. Und obwohl es nicht der Art entspricht, wie er für gewöhnlich sein Essen zu sich nimmt, spießt er mit seiner Gabel ein Stück des köstlichen Bratens auf, und lässt es sich mit einem nicht minder lauten Kau- und Lippengeräusch im Munde zergehen.
"Dasch ischt schehr gut, nischt wahr?" wirft er mit vollen Backen in die Runde. Man soll nicht glauben, dass er nicht wüsste, sich den Sitten anzupassen.

OHH

Dem entgegen schluckt der Kapitän durchaus erst einmal hinunter, bevor er nickend erwidert: "Ja, außerordentlich! Ich würde Huhn als meinen Lieblingsvogel anpreisen, wenn ich bereits alle Arten gekostet hätte. Dies jedoch scheint recht unmöglich. Allein in den Dschungeln Meridianas vermag man sie kaum zu zählen." Ob wohl ein Vogelkundler dazu etwas zu sagen wüsste? Oder wenigstens Pewatu?
Wie dem auch sei! Wieder hinein mit dem Bein!

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Es dauert nicht lange, bis auch der letzte Fitzel Fleisch vom Knochen genagt, gerissen oder gesaugt ist. Mit dem knochigen Rest des Mahls noch in der Hand beteiligt sich Thorkar wieder an der Unterhaltung. "Im Dschungel da wo tuts vor allm Schlang gehm. Un die schmeckn överhaupt nich nach Hühnchn, da lass dir ma nich veräppeln. Schon gar nich so wie dis hier." Bekräftigend hebt er das Hühnerbein in die Luft.

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"Interessant", lässt der kleine Mann verlauten, nachdem er das Stück Huhn heruntergeschluckt hat. Mit leerem Mund spricht es sich doch leichter. Er schaut den Nordländer neugierig an. Wunderbar. Hier kann er Dinge erfahren, über die er noch gar nicht nachgedacht hat. "Wie schmecken denn Schlangen?"

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"Ich sprach ja auch von Vögeln", murmelt der Kapitän vor sich hin. 'Lieber Thorkar' wäre gewiss eine passende belehrende Ergänzung an den Adressaten, aber allein der Gesichtsausdruck des Seebären mag hierfür bereits genügen.
Da letzterer sich sein Mahl müßiger einteilt, hat er noch genügend, sich wieder zwischen dir Zähne zu klemmen. Soll doch Thorkar auf diese Frage antworten, da er auch dazu verlockt hat!

RB

"Kannse voll inne Tonne tretn", antwortet der dschungelerfahrene Nordländer voller Überzeugung. "Wenne drei Wochn nix als son Kriechzeuch hattest, da sehnse dich sogar nachm Affenbrägen, dat sach ich diä. Aba kanns ja nich imma nur Banan un Mangos essn, sin up de Dauer auch nich bessa. Aba die Haut musse abziehn, zäh wie Leda dat Zeuchs. Un eima", erzählt er grinsend, "wa in som großn Exempla nochn ganza Halbling drin - mit Rucksack. Hat aba nix Wertvolls dabei habt, de Arme."

OHH

Aus Thorkars Worten schließt der Kapitän, 'Brägen' stehe wohl eher nicht für den Körper eines Affen oder sonstwessen, sondern dessen übliche Verköstung. Aber Halblinge? Sind dies nicht Kreaturen aus der Märchenwelt?
Unwillkürlich schaut Kvalor wieder auf das Buch hinab. Noch ist es zu früh, weiterzublättern, da nur eineinhalb seiner Finger noch gar keine Berührung mit dem Fette erlitten haben. Solches möchte er dem kostbaren Werk lieber nicht zumuten. Drum knabbert er auch lieber sorgsam weiter, anstatt dumme Fragen über schwerverdauliche Sagengestalten zu stellen.

GH

Einmal mehr weiten sich die Augen des rundlichen Essers, und sein Staunen über das Wunderliche in der Welt lässt seine Hand mit der Gabel achtlos heruntersinken. Mitfühlend blickt er zu dem Dschungelkämpen hinüber, zumindest in Gedanken dessen entbehrungsreiche Wochen dort begleitend.
"Ihr seid ein tapferer Mann!" bricht er schließlich bewundernd aus. "Und ich kann nun ermessen, wie sehr Euch die Kost in dieser Wildnis zuwider gewesen sein muss, wenn Ihr Euch gar das Gehirn eines Affen gewünscht habt, um sie ertragen zu können."
Ein wenig unangenehm berührt es Herrn Tellicherri im Gewissen, dass es just seine Frage war, die diese unschönen Erinnerungen bei seinem Tischnachbarn geweckt hat. "Darf ich Euch stattdessen noch etwas Schmackhaftes anbieten?" weist er mit der Gabel auf die Mahlzeit. "Vielleicht einen Flügel?"

RB

Einen Moment lang scheint der Thorwaler geneigt, das Angebot anzunehmen. Dann fällt sein Blick auf den abgenagten Knochen, den er immer noch in der Hand hält, und er legt ihn endlich vor sich auf den Tisch. "Travia vergelt's, aba verschenk ma nit din ganzes Essn, sonst hasse am Enne noch selba Schmacht", lehnt er schließlich ab.
"Bei de Mohas issa ja Brägen sogar ne Spezialitäit", erklärt er dann, "saua eingelecht un ziemlich glibberich. Aba ich tu da ma lieba nich weitatelln, will ja keim n Appetit verderm." Mit diesen Worten gönnt er sich den letzten Schluck aus seinem alten Humpen, den er dann neben den Knochen abstellt.

GH

"Oh", erwidert der Mann in den besten Jahren unbekümmert, während er die Gabel fortlegt, um kurz darauf gleichfalls höflich seinen Krug zu heben, "da macht Euch bitte keine Gedanken. Wat dem eenen sin Uhl, is dem annern sin Nachtigall, sagt man ja wohl in Eurer Heimat, wenn ich es richtig wiedergebe. Und war es nicht auch irgendwo dort oben bei Euch, wo man gebackene Schafsköpfe isst?"
Wie gut, dass man nicht nur bei der der Nordlandkompanie gearbeitet hat, sondern auch eine Frau Knedsen als Zimmerwirtin hatte. Nichts ist so bildend, wie der Umgang mit anderen Kulturen. Zufrieden gönnt sich Herr Tellicherri einen kleinen Schluck guten Biers.

OHH

Brägen wäre demnach Hirn? Anerkennend nickt der Kapitän dem Ungereisten, aber wohl Vielbelesenen zu, wenn dies auch kaum zu sehen ist.
Auch noch einen Flügel? Das Auge weitet sich begierig, obgleich die Keule erst kurz vor vollendeter Abnagung steht. Ob dieses Angebot wohl nur an solche geht, die von dereinst schlechten Speiseerfahrungen zu jammern wissen? Da könnte er auch was erzählen! Angefangen bei der Kost auf der Al'Anfanischen Sklaveninsel damals bis hin zu der noch viel länger zurückliegenden Flaute in jüngeren Jahren als Maat, als man zuletzt nur noch allzu wenige schlechtgewordene Reste unter der Mannschaft verteilen konnte.
Freilich spricht Thorkar wahr, Herr Tellicherri drohe, alsbald ganz ohne eigenen Verzehr aus der Sache zu gehen. Da muss ein weit deutlicheres anerkennendes Nicken zu ersterem geschickt werden.
Tjaja, das ist manchmal scchon erstaunlich, was Menschen so alles in sich hineinstopfen! Wobei manches ganz anders schmeckt, als man es vorher erwartet hätte.
Noch ein wenig im letzten Nagen begriffen, lässt der Gestrandete seinen Blick wieder zu dem näherliegenden Hühnerflügel abschweifen.

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"Schafsköppe? Hm. Fischköppe joa", lacht er, "aba Schafsköppe? Dat mach woul sin. Irngwat muss ja damit machn. Aba nit bei uns. Wo de grad von snacks, sin nich hier Nachtigallnzungn ne Delikatäit?" Wo er das aufgeschnappt hat, weiß der Thorwaler nicht mehr, aber es scheint ihm die passende Antwort auf die Frage des Südländers zu sein. Wobei, haben Vögel überhaupt Zungen? Das müsste man mal den Käpt'n fragen, der scheint ja auf dem Gebiet Experte zu sein.

GH

Während der Thorwaler ein wenig Zeit für seine Antwort braucht, hat Herr Tellicherri seinen Krug wieder auf den Tisch gestellt und ist nun damit beschäftigt, einen der beiden Flügel aus dem Schulterknorpel des Fliegetiers herauszuoperieren. Dabei blickt zu diesem hinüber, als er die Frage des kulinarisch Interessierten hört: "In der Tat taugt die Zunge der Nachtigall zu wahren Delikatessen - solchen, die das Ohr zu erfreuen mögen", antwortet er mit einem nachdenklichen Stirnrunzeln.
Die Geflügelschwinge reicht er ohne weiteren Kommentar, doch einem einladenden Nicken zu Freund Hullheimer hinüber, damit der Hunger jenen nicht länger plagen möge.
Dann lehnt sich der rundliche Mann ein wenig zurück.
"Das macht, es hat die Nachtigall
Die ganze Nacht gesungen;
Da sind von ihrem süßen Schall,
Da sind in Hall und Widerhall
Die Rosen aufgesprungen",
gräbt er in ruhigem Ton Zeile um Zeile aus seinem Gedächtnis. "Ich würde es nie übers Herz bringen, eine einzige diese Künstlerinnen ihres Instrumentes zu berauben. Denn wenn die Nachtigallen schweigen - wovon sollten die Dichter singen?"

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Den lyrischen Anwandlungen des kleinen Herrn vermag der Kapitän keinerlei Aufmerksamkeit zu zollen, da sich ihm so überrumpelnd und unfassbar selbstverständlich viel Wichtigeres bietet. Allein, es ist ihm gar nicht so trivial, selbiges entgegenzunehmen.
Zunächst einmal die Hand freibekommen, also wieder hinein mit dem Hühnerbein in den Mund! "Seid vielmals bedankt!" vermag er dennoch verständlich und ohne zu spucken auszudrücken. Damit nimmt er das Flügelchen an sich. Welch leckerer Anblick! Appetitlicher als der klägliche Rest an der Keule, auf welchen der Seemann dennoch nicht verzichten will. Doch jener hat Zeit bis später. Da der Hühnerflügel zwischen Daumen und Zeigefinger klemmt, verbleiben zwei vollständige Finger, die Keule wieder zu extrahieren und auf dem Rand des Weinbechers aubzulegen.
"Hach, wundervoll!" widmet er sich dann gänzlich dem neuen Beutestück.

RB

'Jetzt fängt er auch noch an, Gedichte vorzutragen...' Mit Lyrik kann Thorkar ungefähr genau so viel anfangen wie mit Delikatessen der Waldmenschen oder Büchern. Aber da der rundliche Herr mit leiblichen Dingen ebenso großzügig ist wie mit geistigen, hört er höflich bis zu Ende zu.
Dabei lässt er mal wieder den Blick durch die Schankstube schweifen, wo Winnisara inzwischen eine weitere Runde Umarmungen hinter sich gebracht hat, während der Elf wie einige andere Gäste in Starre verfallen ist. An den nicht so gut einsehbaren Tischen geht dieweil das Erzählen weiter.

GH

"Ja, wundervolle Verse", antwortet der kleine Herr, ohne aufzusehen oder zu bemerken, dass der Kommentar des Seemannes einer viel handgreiflicheren Sache gilt. "Rodeoth Strom."
Nach einer dem Poeten angemessenen Würdigungspause richtet er sich wieder auf und widmet sich dem Fortgang seiner Mahlzeit. Nicht allerdings ohne Freund Hullheiner ein "Weiteres Wohlschmecken" zu wünschen, was von einem freundlichen Seitenblick und Zunicken begleitet wird.

OHH

Deutlich einfacher kann der Kapitän den Blicken des Thorwalers folgen. Viel zu sehen gibt es nicht. Manche mögen vielleicht ein wenig von der Müdigkeit der Schlafenden am Treppentische angesteckt sein, aber für den einer Hafenkneipe entsprechenden Lärm ist es ohnehin zu leer hier. Etwas auffällig erscheint dem geschulten Seemannsauge der Elf drüben, welcher zum Fenster hinauszuschauen scheint. Was er dort wohl beobachtet? Ein feindliches Schiff wird es kaum sein - dann würde der Schmalrik schon Meldung machen!
Von diesen Gedanken abgelenkt, kehrt Kvalor zum Tische zurück. Den Namen des genannten Matrosen hat er noch nie gehört. Ein Smutje? Ach nein, offenbar geht es dem Herrn Tellicherri nur um sein Gedicht. Wunderlicher, kleiner Kerl! Aber es wäre höchst unfein und darüber hinaus undankbar, ihm dafür böse zu sein.

RB

Nachdem es im Schankraum nicht viel zu sehen gab, blickt Thorkar erneut in das Buch und gibt sich eine Weile der Betrachtung des scheinbar bewegten Panoramas hin. SO EIN Buch ist schon ganz hübsch.
"Welche Stadt issen dat?" fragt er schließlich. Es kann nicht schaden, das zu wissen, schließlich ist er ja auf dem Weg in die Richtung.

OHH

Stimmt, das Buch! Thorkars Aufmerksamkeit und Frage lenken auch den Blick des Kapitäns dorthin zurück. Anfassen möchte letzterer es noch nicht, der fettigen Finger wegen, mögen es auch nur derer zwei oder vielleicht ein bisschen drei sein. Das wäre zu schade!
Dennoch vermag man sich auch ohne Hand und im Munde den fast vollkommen abgenagten Flügel, welcher langsam in seine knöchernen Bestandteilsreste zu zerfallen droht, an diesem Fragespiel zu beteiligen - als Rätselnder wie vielleicht zugleich Antwortgebender: "Lasst mich raten... Rashdul vielleicht?" Immerhin ist jener Ort wohl der märchenhafteste bei den Tulamiden, soweit man hört. Yashkir, der Spinner wollte ja auch immer dorthin; auch Faramud hat viel davon erzählt, auch Hesindiego und einmal sogar Pewatu.

GH

So sehr ist der rundliche Mann mit dem genüsslichen Verzehr des Geflügels beschäftigt, dass die Frage des Nordmanns, wie auch die Vermutung des Seebären erst mit gewisser Verzögerung in sein Bewusstsein treten. Kein Wunder, bei so viel Wohlschmecken! Dazu muss er erst aufkauen, was auch seine Zeit benötigt. Denn trotz aller Freiheit im Umgang mit den guten Sitten, die sich an diesem Tisch bisher gezeigt hat, sollte man es doch nicht darauf ankommen lassen, dass andere am Sprechen mit vollem Mund irgendwann doch Anstoß nehmen.
"Mag sein, dass es Rashdul ist", meint der kleine Herr, während er sein Besteck neben den nun leergegessenen Teller legt. "Dies ist meine erste große Reise, im Süden war ich nie, und weiß von jener Stadt nur, dass sie eine magische Akademie beherbergen soll. Auch mein Vater, der mir dieses Buch hinterließ, hat keine Angaben diesbezüglich gemacht."
Um seinen Hals nach diesen langen Sätzen nicht zu sehr auszutrocknen zu lassen, gönnt er sich einen guten Schluck Bier.

OHH

Süden? Nun ja. Soweit der Kapitän die Karten vor Augen hat, liegt das Land der Tulamiden wohl auf ähnlicher Höhe wie das Horasreich. Es wäre aber nicht freundlich und in keiner Weise hilfreich, dies dem lieben Kerl unter die Nase zu reiben.
Während der Seefahrer die blanken knöchernen Flügelreste auf den Tisch zu einem kleinen Häufchen dekoriert, steuert er bei: "In jener Region hat es wohl einige Magierakademien mehr als Rashdul, auch wenn mir auf Anhieb nur Kunchom einfällt." An letzteres hat er allerdings eine allzu lange zurückliegende dunkle Erinnerung, zumal die vorliegende Perspektive seinerzeit nicht dabei war. Dennoch kann er nicht umhin, noch einen weiteren prüfenden Blick auf die Darstellung zu werfen.

RB

"Tja, ich werd ma beigehn un nachkuckn", wirft Thorkar leichthin ein. Wenn ihn seine Geographiekenntnis nicht trügt, liegt das Tulamidenland von hier aus hinter der Khom, also wird er da sowieso ankommen. "Kunnschomm soll verdammich mooie Schmiede ham, da wollt ich sowieso ma bei." Von Rashdul hat er gerade keine Vorstellung, aber das wird sich dann finden. Und um die Magierakademie kann man ja einen Bogen machen. Er blickt erneut ins Buch, um sich den Anblick einzuprägen, damit er ihn in ein paar Monaten wiedererkennt.

GH

"Hm", bestätigt der nun gesättigte Rundliche, während er sich behaglich zurücklehnt. Etwas anderes hätte er zu den Worten Freund Hullheimers ohnhin nicht beizusteuern gehabt, da es ihm auf diesem Gebiet an Ortskenntnis gebricht. Dennoch flicht er ein: "Ich hätte es ohnehin mehr für das Bild einer beliebigen Stadt in den Tulamidenlanden gehalten. Denn in Märchen begibt sich so viel Zauberhaftes von selbst, dass es dafür womöglich nicht einmal einer Magierakademie bedarf. Und wir als Leser lassen uns verzaubern. So dass das Rashdul oder Khunchom unser Phantasie für uns viel wirklicher erscheint als der Flecken auf der Landkarte, der es tatsächlich darstellt und den wir vielleicht nie mit äußeren Augen sehen werden."
Er nimmt die Serviette vom Schoße auf und tupft sich damit noch einmal die Lippen, bevor er zu einer kurzen Reinigung seiner Hände übergeht.

OHH

Als hätte Herr Tellicherri hiermit eine konkrete die Identität der Stadt preisgebende Aussage getan, welche es zu überprüfen gilt, beugt sich der Kapitän noch einmal tiefer über das Abbild. "Ja, wahrhaftig!" stößt er aus. "Da mögt... nein, da habt Ihr in jedem Falle Recht, denke ich!" Immerhin ist es ja ein Märchenbuch, was er und der Thorwaler für kurze Zeit vergessen haben.
Die viereinhalbfingrige Hand greift wieder nach dem Hühnerbein auf der Becherkante, wo es ja noch ein wenig abzuputzen gibt.

RB

Thorkar ist enttäuscht von der Erklärung. Ihm wäre eine echte Stadt lieber gewesen. Nichtsdestotrotz hat er sich das Bild eingeprägt und wird es mit dem vergleichen, was er im Land der Tulamiden finden wird. Wer weiß?
Damit ist sein Interesse am Buch fürs erste gestillt. Er lehnt sich zurück und betrachtet die possierlichen Tätigkeiten des großzügigen Herrn Abraxas Pfefferkorn.

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Redaktion und Lektorat: OHH 2018