Kartentricks

Verfasser: Oliver H. Herde, Ralf Büngener und andere

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Zum anderen: "Echsenmenschen?" Vor seinem geistigen Auge tauchen aufrecht gehende Eidechsen auf, die Seeschlangen anbeten und im Dschungel Menschen auflauern.

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Da das Weib ihn erwartungsgemäß eh nicht beachtet, muss der Kapitän ihm auch nicht unmäßig lang nachschauen.
"Ja, ein sehr fremdartiges Volk, aber wohl recht gutmütig", erklärt er. "Ich glaube, der verrückte Zauberer hat sich mit denen etwas eingehender auseinandergesetzt..."

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"Fremdatich bes-timmt", murmelt der Thorwaler. "Der varückte Zaubara?" Unwillkürlich wandert sein Blick zum Nebentisch. "Den hassu scho ma awähnt. Wat wa'n mit dem?" Es sind einfach zu viele noch zusammenhanglose Details in dieser Geschichte, als dass er sich alle merken könnte, findet Thorkar.

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Nachsinnend lehnt sich der Kapitän auf den Ellenbogen des nahegleich vollständigen Armes und hebt kurz den Blick, als stünde der hochgewachsene dürre Knilch direkt neben ihm am Tische. "Tjaaa, das ist schon ein Kauz! Wie gesagt, aus Al'Anfa stammend, war er doch ganz närrisch danach, die Tulamiden in ihrer Heimat zu besuchen und kennenzulernen und sprach anfangs häufiger mal von Rastullah..."
Er beugt sich wieder vor. "Ganz ehrlich, ich glaube, er hatte von dieser Gottheit nicht allzu viel Ahnung. Aber ich kenne mich ja auch nicht so genau damit aus."
Schon lehnt er wieder seinen Rücken an und betrachtet das Deckengebälk. "Ja, und dann interessierte er sich immer mehr für diesen Echsenkram." Er schüttelt den Kopf. "Völlig verrückt, aber dann darin doch auch immer wieder nützlich..." Offenbar hat der Seebär dabei etwas ganz besonders riesiges Nützliches vor seinem geistigen Auge. Jedenfalls schmunzelt er höchst belustigt dabei vor sich hin.

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Als der Käpt'n von Rastullah spricht, fingert Thorkar an seinen Amuletten herum, es klimpert leise. Als der Ältere ausgeredet hat, hat er sie aber schon wieder losgelassen. "Hata denn auch wat mit de Kate to tun?"

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Den Ausdruck abergläubischer Ängste nimmt der alte Seebär nachsichtig zur Kenntnis. Derlei ist ja in seinen Kreisen überaus verbreitet. Er selbst hat sich in seiner Jugend gar einen Ring andrehen lassen, der angeblich gegen Aberglauben schützen sollte. Man wird halt reifer und klüger - manche zumindest.
Bei Thorkars Frage jedoch muss er fast schon wieder lachen. "Mein Junge, das ich habe dir doch gerade erzählt! Das ist der Fuchtler, der die Vorderseitenstückkopie von seiner Mutter geerbt hat." Also wirklich! Schmunzelnd bewegt er ganz leicht den Kopf nach links und rechts.

Da der Thorwaler erstmal darüber schweigt, dringen auch die anderen Eindrücke im Schankraum wieder stärker an des Kapitäns Bewusstsein. In der Kombüse - oder vielmehr Küche - scheint es irgendeine Unruhe zu geben, welche wohl eher nicht auf angebranntem Hering fußt. Trotzdem darf man annehmen, es gehe dort um die morgige Hochzeit. Ist ja auch aufregend, sowas. Nichts für Menschen, die lieber ihre Ruhe haben.
Von letzterer bekommt man in diesem Hause ansonsten bemerkenswert reichlich. Kvalor hatte ganz vergessen, dass es immer gemäßigter zugeht, je weiter man sich von der Küste entfernt. Und das Liebliche Feld macht seinem Namen sowieso mal wieder alle Ehre. Auch, wenn sie es am Nachbartisch mit den Vorstellungen und Platzfindungen vielleicht ein wenig übertreiben, aber sowas kann ja auch viel Freude bereiten.

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Tatsächlich ist der Thorwaler erst einmal abgelenkt. Weniger durch den Ruf aus der Küche als vielmehr durch all die Leute, die sich um seinen Tisch herum zum Nachbartisch drängen und dort eine regelrechte Wuhling veranstalten. Nach den drei - oder waren es vier? - Bier durchaus genug, um ihn eine Weile zu beschäftigen.
Erst danach kann er eins und eins und eins zusammenzählen: "Der varückte Zaubara is also der Jamahkszaubara aus Al'Anfa is also der Goldjong? Mit dem hattste also mehr to tun als nur de Kahte abnehm?"

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"Achso, ja, ganz recht", erkennt der Kapitän, dass dieser Punkt vielleicht nicht ganz so naheliegend sein mag, wie er ihn empfunden hat. "Wir haben ihn in die Mannschaft aufgenommen, weil er sich dann doch als recht nützlich erwiesen hat. Er hatte so Sprüche drauf wie: 'Wenn genügend Leute fest genug an etwas glauben, ist es fast schon, als wäre es wahr.'" Schmunzelnd schüttelt er den Kopf, obgleich er ja mehrfach gesehen hat, wie die Bohnenstange recht behielt. Im Grunde sind es daher eher die Menschen, über welche er sich wundert.
"Wir haben ihm sogar sein Stück gelassen. Die Navigatorin hat lediglich eine Kopie angefertigt."

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"Klingt wie ehn von min selichn Lehrmeistan" - Thorkar schlägt kurz ein Boronrad - "da wo imma sachte: 'Vors-tellung is Wörklichkeit.' Die beeden hättn sich wohl goud verstann tan."
Dann aber runzelt er die Stirn: "Ne Kopie vonne Kopie? Na ja, als Navigatorin wird se wohl wissn tun, worup et ankommt. Hauptsache, se geht nich bei un vergisst de Röckseite!" scherzt er.

OHH

Zunächst will der Kapitän sich darüber verwundern, dass Thorkar ebenfalls die Illusionskünste erlernt hat, doch dann wird ihm sogleich klar, lehren kann man durchaus noch andere Fächer. Zudem ist die Kunst der Täuschung ja zum Glück keine rein magische.
Auf des Thorwalers Jux schmunzelt er aus zweierlei Gründen. "Nein, die war schon sehr fähig, muss ich eingestehen. Aber wie gesagt, gab es ja in diesem Falle nur eine leere Rückseite zu kopieren. Das gestaltete sich gewiss überaus einfach", verbreitert sich sein Grinsen.

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Thorkar grinst ebenfalls über den Scherz Kvalors: "Jou. Un wie hapta dann die annern S-töcken fundn? Muss ja keene Geheimnisse vertelln. Tut nur wie ne s-pannde Geschichte kling."

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"Spannend vielleicht", überlegt der Kapitän, "in jedem Falle lang." Das Auge mal wieder an die Decke geheftet oder vielmehr daran herumgleitend, lässt er sich abermals an die Lehne zurückfallen. "Oder eher wohl drei Geschichten, natürlich. Ich muss nur aupassen, dass ich die in der Reihenfolge nicht durcheinanderbringe. Wobei das ja auch nicht weiter eine Rolle spielen würde."
Er schnippt mit den Fingern. "Ja, genau! Nach einigem Herumhören in den Tavernen erfuhren wir wie gesagt von den vier Piraten, welche die Karte unter sich aufteilten: Kapitän Koloman, Navigator Ugolino Uludaz, Steuermann Yorge und Smutje Oralio. Natürlich brauchten wir alle vier Stücke, da wir von Yorge ja nur die Vorderseite hatten. Dummerweise wurden es derer fünf, da Oralio seines damals auch noch an beide zwei Söhne verteilte!" Da darf man ruhig einmal innehalten und verärgert den Mund verziehen!

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Eine lange Geschichte, das ist gut. Und endlich scheint der Käptn ja auch mal ins Reden zu kommen. Also macht es sich Thorkar auch bequem und hört zu.
Am Ende kann er auch nur den Kopf schütteln. "Wat is dat blous för ne Unart, de Katen to zaschnippeln? Als wennse den Schatz selbst nich wida finn wolln. Da hattste dann ja ma ornlich wat to tun."

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"Ja, wahrlich!" kann man da in beiderlei Hinsicht erwidern. "Eine sprichwörtliche Schnipseljagd!" So sagen doch die Landratten? Kvalor ist es gleich.
"Man möchte fast vermeinen, sie hätten den Schatz gerade nicht nötig gehabt, dass sie ihn nicht gleich statt eines Papieres aufteilten. Aber man steckt ja nicht drin." Daumen und Zeigefinger zupfen am kurzen Kinnbart. Offenbar sinniert er jetzt erst einmal darüber.

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"Wahscheinlich hat keena den annern traut. Un so konnte keena beigehn un den Schatz allein hem", mutmaßt Thorkar schulterzuckend. "Dat wohl", meint er dann fröhlicher, "so issa noch da."

OHH

Dem kann man nur nickend zustimmen. Genügend Zeit, darüber nachzudenken, wo in seiner Erzählung Kvalor eigentlich angelangt war.
"Na, jedenfalls haben die Mädels das erste Stück dann in Khefu aufgetan bei einem Kartographen-Gesellen. Da war ich selbst nicht dabei."

RB

"Kefu?" Der Thorwaler kratzt sich am Kopf. "Wo is datn nu? Gibbet da Kahten?" Und noch eine andere Frage drängt sich auf: "Hattste einglich nur Kvinnas an Bord?"

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Erst weiß der alte Seemann gar nicht, was er zuerst beantworten soll. Schon will er den Süden umreißen, da liegt ihm ein lustiger Spruch bezüglich der Karten auf der Zunge und muss zuletzt doch wieder lachen.
"Nein, nein, wir hatten durchaus auch einige Männer an Bord. Den Zauberer zum Beispiel" - auch wenn Thorkar den vielleicht gar nicht unbedingt voll als solchen zählen würde - "oder unseren Medicus. Sogar einen Moha und einen Tulamiden hatten wir dabei, die sich so gern zankten." Liebevoll denkt er an diese tolle Mannschaft zurück.

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'Scheint ja ein bunter Haufen gewesen zu sein', denkt der Thorwaler. Aber wer auf solch abenteuerliche Schatzsuche mit ungewissem Ausgang geht, nimmt wohl, wen er finden kann. Moment, gilt das dann auch für ihn? Der Gedanke lässt Thorkar kurzfristig die Stirn runzeln. Lieber an etwas anderes denken. "Habt ihr die Katenstöckn einglich auch verteilt? Oda hasse von alln ne Kopie?"

OHH

Ach, dieses heikle Thema! Aber diesmal ist ja alles ganz anders, natürlich. "Nun, wir hatten die Stücke in der Tat nich alle demselben anvertraut, aber wir waren ja alle gemeinsam auf dem Schiff, so dass wir sie jederzeit hätten zusammenlegen können. Und es gab ein paar Kopien." Kvalor seufzt, denn sein Gegenüber wird sich den Haken daran selbst denken können. "Tja, und dann sind wir gesunken und verstreut worden. Leider habe ich daher nur das Teil des Kapitäns bei mir. Aber ich konnte bereits herausfinden, dass die... 'wichtigen' Leute und damit der Rest der gesammelten Karte überlebt haben", darf er immerhin vertrösten.

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Thorkar will sich mit der flachen Hand auf die Stirn klatschen. Das ist doch genau das, worüber sie sich gerade amüsiert haben. Er kann sich gerade noch davon abhalten. Aber die Khom wird gerade wieder deutlich attraktiver als Alternative zu diesem unseligen Unterfangen. Um das zu überspielen, prüft er mal den Flüssigkeitsstand in seinem Humpen.
Das gibt ihm genug Zeit, sich eine neue Frage auszudenken, die er anschließend stellt: "Wat issn einglich mit dim Schip passiert? Hat dat auch midde Schatzsuch to tun?"

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Das auch noch! Der Thorwaler hat einen verflixt fähigen Spürsinn, die unangenehmen Nebensächlichkeiten auszugraben. Andererseits mag es eine gute Prüfung sein, ob er sich denn zur Schatzsuche eignet. Da darf man sich nicht durch jede Kleinigkeit vom Ziel abbringen lassen, wenn man nicht scheitern will!
Als Aufhänger kann man längst Bekanntes - oder wohl eher zur Bekanntheit zur Verfügung Gestelltes - nochmals verlauten lassen. Auf jenen Ellenbogen gestützt, an den sich noch ein vollständiger Unterarm anschließt, erklärt der Kapitän: "Wie gesagt, es ist gesunken. Aber vermutlich fragst du nach dem Grund, weswegen es uns in diese unseligen nördlichen Gewässer trieb." Mit so einer kleinen Spizte muss der Kerl schon zurechtkommen. Liebliche Südsee! Zumindest im Vergleich. Aber jetzt nichts ins Träumen geraten!
"Wir sind unserer Navigatorin nachgesegelt. Das Luder hatte sich in Sylla abgesetzt - mit Kopien von allen bisherigen Kartenteilen. Es war also ein kluges Vorgehen gewesen, zumindest die Originale nicht alle am selben Platz gelassen zu haben!" Da darf man mal zufrieden das Lid schließen und nicken, jawohl!

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Entgegen seiner Art bemerkt Thorkar, dass der Käpt'n den Grund des Untergangs offenbar nicht nennen will. Es liegt also nahe anzunehmen, dass er daran schuld ist. Die Spitze dagegen nimmt er als solche nicht wahr.
"Dat scheint ja ne clevere Kvinna to sin. Dat se euch von Sylla bis innen Nordn entwischt. Habta se denn noch erwischt, bevor der S-turm euch erwischt hat?" Der Sturm ist geraten, erscheint ihm aber wahrscheinlich. Irgend etwas muss Kvalor ja jetzt dazu sagen.

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Ahnungslos, was das beiderseitige Missverständnis zur Frage des Sinkens anbelangt, die Thorkar zudem dennoch selbst in seinen Ausführungen beantwortet, beziehen sich des Seebären Gedanken voll auf die Abtrünnige: "Mja, naja. Ob das wohl so raffiniert war, möchte ich bezweifeln. Immerhin muss das Luder für den Schatz ja wieder in den Süden!" Er zuckt die Achseln.
Dann gesteht er: "Nein, sie ist anscheinend irgendwo zwischen Thorwal und Nostria ins Landesinnere verschwunden. Mir ist schleierhaft, was sie dort wollte. Wir haben die Suche aufgegeben, da wir die Originale ja noch hatten, und sind wieder gen Heimat. Den Rest kennst du ja. Oder hab ich das nur dem Mädel erzählt?" Unwillkürlich hält er nach der ebenfalls in Luft aufgelösten Reise- und Tischgefährtin Ausschau.

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Ob oder was Kvalor ihm oder dem Mädel erzählt hat, weiß Thorkar auch nicht, aber zumindest kann er sich die Geschichte jetzt einigermaßen zusammenreimen. Und auch das Problem: "Da läuft also jetz noch eene rum mitn gleichn S-töckn wie du. Nur dat die se alle beisammn hat. Un die tut nu auch nachm Rest suchn?"

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Des alten Seebären plötzliche Gelassenheit mag verwundern. "Mag sein, dass sie sucht." Bei seinem Grinsen legt er wieder die unregelmäßigen Zahnreihen frei. "Aber nüchtern betrachtet, ist sie allein. Und im Norden. Keine guten Voraussetzungen, die fehlenden Teile vor uns zu bekommen. Und was dann? Meine Mannschaft ist zwar gerade etwas verstreut unterwegs, aber immerhin gibt es sie." Damit lehnt er sich wieder gemütlich an.

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"Un sin wohl grad nich gut up se to s-prechn, nach die Geschichte", grinst Thorkar. Ganz so sicher wie sein Gesprächspartner ist er allerdings nicht. Reisemöglichkeiten gibt es viele. Und allein wird sie nur so lange sein, wie sie will. Genau wie der Käptn kann sie Abenteurer mit der Aussicht auf einen Schatz locken. Und sie hat sogar mehr Lockmittel in der Hand als Kvalor aktuell. "Weiß se denn so goud wie du wo de annern S-töckn sin?"

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Einlenkend wiegt Kvalor sein Haupt. "Ja, das will ich wohl annehmen, da wir seit ihrem Verschwinden kaum zu Weiterem gekommen sind." Seine Brauen ziehen sich zusammen. "Nun, mit ihr werde ich mich befassen, falls sie nochmal auftaucht. Daran glaube ich nämlich noch nicht so recht."
Soll Thorkar mitkommen oder nicht! Die Kartenträger und vielleicht noch ein oder vier bis fünf der anderen Mannschaftsmitglieder werden spätestens in Brabak zusammentreffen, dessen ist der Seebär sicher.

Ob sich der Thorwaler wohl allzu abgewiegelt fühlt, um noch mehr seiner bisweilen unbequemen Fragen zu stellen? Zumindest um ebensolche wäre es nicht schade. Man wird ja sehen, wie es morgen früh weitergeht. Erstmal will die Kutscherin ja noch tiefer ins Landesinnere.
Da kommt sie ja gerade zur Türe hinein! Der Seebär nickt ihr lächelnd zu. Nettes Mädel. Aber um nach Brabak zu gelangen, wäre der Seeweg eigentlich bequemer und rascher. Allerdings gibt es da auch noch die Kostenfrage, welche ihn seine Hand in die weitgehend leere Rocktasche versenken lässt.

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Die Antwort des Thorwalers lässt auf sich warten. In der Zwischenzeit ist nämlich die verschollene Tischnachbarin wieder aufgetaucht. Sie muss wohl bei ihrem Gepäck gewesen sein. Außerdem ist dort die hübsche Bardin zu bewundern. Als er sich schließlich wieder dem Tisch zuwendet, hat er den Faden verloren. "Das wohl", antwortet er auf gut Glück.

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Das ein oder andere neue Gesicht fällt der Händlerin bei ihrem Rundumblick auf. Auch, dass der Knecht ihr in die Schankstube gefolgt ist, entgeht ihr dabei nicht. Nakila hat sich wohl eben mit einem Getränk versorgt, und der alte Seebär spinnt vermutlich noch immer sein Seemannsgarn. Beiden antwortet die Blonde ihrerseits mit einem freundlichen Lächeln.
Ihr Ziel ist jedoch erst einmal das Zimmer, um den Beutel mit den Habseligkeiten dort abzulegen. So geht sie gemächlich aber zielstrebig in Richtung der Treppe.

OHH

Wohlwollend lächelt der Kapitän seinem Tischmatrosen zu. Ja, ja, die Jugend und die holde Weiblichkeit! Unwillkürlich wirft er noch einen Seitenblick auf die vornehme Dame. An den Schwärmereien mag sich mit den Jahren nicht gar so viel geändert haben, aber es gibt einen ganz praktischen Unterschied: Derweil der junge Thorwaler es später vielleicht noch bei dem einen oder anderen Mädel versuchen mag, wird der alte Krüppel solches nicht tun und sich mit seinen Phantasien begnügen.
Wenn er einen Becher hätte, würde er darauf anstoßen.

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Der Käpt'n scheint ebenso den Faden verloren zu haben. Wenn er denn je einen hatte. Wahrscheinlich wird Thorkar es heute bei keinem Mädel versuchen, obwohl er es bei der Bardin gern täte. Aber erfahrungsgemäß ist er da wenig erfolgreich, wenn er sich überhaupt mal traut.
"Die war nich in dine Mannschaft, stimmts?" vergewissert er sich, wobei er mit dem Kopf auf die Blondine deutet, die gerade der Treppe zustrebt. "Wo hassn die upgetan?"

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Noch einmal seinen Blick der Enteilenden nachsendend, erwidert Kvalor: "Rovena? Das Mädel habe ich in Bethana getroffen. Ich wollte mich ein wenig im Landesinneren umschauen, ob sich hier einer von meinen Leuten umtreibt. Eine Schnapsidee, und weil ich eingeschlafen bin, bin ich auch etwas über das Ziel hinausgeschossen." Solches passiert anderen wohl eher in vollwachem Übereifer.
"Jedenfalls ein sehr nettes Ding - aber wohl nicht allzu sehr an Unternehmungen im Südmeer interessiert."

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'Rovena. Richtig, das war der Name.' Thorkar beschließt, ihn sich diesmal zu merken, während er ihr auf der Treppe nachsieht. Sie scheint trotz ihrer blonden Haare vernünftig genug, sich von dieser Unternehmung fernzuhalten.
Jetzt sollte er irgendwie die Unterhaltung weiterführen. Da ihm aber gerade nichts Sinnvolles einfällt, murmelt er nur zustimmend "Landratte..." in Richtung der Treppe.

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Der alte Kapitän bestätigt dies mit einem Nicken. Dennoch sind es wohl nicht nur die Landratten, denen die Südsee genügend missbehagt, der Aussicht auf einen Schatz des Brabacciano zu widerstehen. Gewiss wird dieser Name im Norden keinen so bedeutenden Klang haben. Wie muss es da erst um seine Nachfolger stehen!
Aber wenn es tatsächlich zu einer gemeinsamen Weiterreise kommen sollte, mag sich noch allerlei ergeben, was die Karten neu mischt - vielleicht sogar die Kartenteile, falls man doch noch dem einen oder anderen bekannten Gesicht begegnet.
Nachdenklich, doch nicht ohne ein ganz feines Schmunzeln, lehnt sich der Eineinhalbarmige wieder zurück und genießt das Knarren der Planken unter Rovenas Füßen.

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Der Alte schein seinen eigenen Gedanken nachzuhängen. Thorkar ist das ganz recht. Man muss ja nicht ständig reden. Er blickt schweigend im Schankraum umher, was sonst noch so alles passiert.

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Der Kapitän folgt dem Beispiel seines Malsehenvielleichtauchnichtoderdochachnein-Matrosen und erfasst den Schankraum in seiner Gänze, welcher es an Trubel mit kaum einer bisherigen Hafenkneipe aufzunehmen weiß. Die meiste Bewegung herrscht unzweifelhaft am Tresen vor, wo die Wirtsleut gerade zu dritt die Kundschaft bedienen. Eigentlich ist es hier doch recht gemütlich!
Ob Rovena wohl noch zu der Hochzeit morgen bleiben will? Ja, vermutlich. Aber auf einen Tag mehr oder weniger kommt es nach all den Ereignissen nun auch nicht mehr an.

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Der Moment der Ruhe wäre mal wieder eine Gelegenheit, einen Schluck zu trinken, wenn der Humpen nicht schon wieder leer wäre, wie Thorkar enttäuscht feststellt. Ohne sich an seine früheren Gedanken zu erinnern, geht sein Blick zur Theke, und zu seiner Freude erblickt er den Knecht am Zapfhahn. Welch glückliche Fügung! Er hebt einen Arm, um die Aufmerksamkeit des Zapfenden zu erlangen. Währenddessen denkt er an seinen Gesprächspartner, der auch schon länger nichts mehr getrunken hat. "Auch noch eens?"

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In die Flaute hinein weiß der Tischnachbar frischen Wind zu bringen. So mag man bei genauerem Hinsehen ein leichtes Aufrichten des Kapitäns erspähen. "Trefflich, gern! Vielen Dank!" lächelt er und stellt so gleich heraus, dies als neuerliche Einladung zu verstehen. Gut, eines könnte er sich vielleicht noch leisten, aber lieber Vorsicht als absaufen. Die Hand spielt wieder in der allzu übersichtlich gefüllten Rocktasche.

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Der Knecht ist wohl zu beschäftigt mit dem Zapfen, um Thorkars Handzeichen zu bemerken. Aber zum Glück ist ja anderes Personal in der Nähe. Mit einem halblaut gerufenen "Betreuung!" versucht der Thorwaler die Aufmerksamkeit der Frau zu erlangen, die am Nebentisch gerade Essen ausgeliefert hat. Den Worten an jenem Tisch zufolge handelt es sich dabei wohl um die Köchin.

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Kurz sinniert Siona darüber nach, was die Herren wohl unter 'Betreuung' verstehen. Soll sie ihnen vielleicht eine Decke über die Knie legen und feststopfen, wie sie das damals bei ihrer Großmutter zu tun pflegte? Oder meint Betreuung, dass sie die Herren nun bespaßen soll? Entsprechend breit ist ihr Grinsen, als sie an den Tisch herantritt und fragt: "Was soll es sein?"

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Thorkar ist etwas verwirrt. Er hat dem Knecht gewunken, dann nach der einen Bedienung gerufen, und jetzt steht plötzlich die andere an seinem Tisch. Aber sei's drum. Hauptsache, er kann seine Bestellung loswerden: "Noch zwee Biä, wenn det wouhl is."

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Aus Kvalors freudigem Erwartungslächeln wird ein Schmunzeln, da man unter Betreuung in Brabak auch ein leichtes Mädchen auf dem Schoße vorstellen könnte. Das Antlitz der Herbeitretenden verrät ihm, es möge ihr ähnlich ergehen. Offenbar ist die Wortwahl vom anderen Ende des Kontinentes auch hier im gemäßigten Norden noch ungewohnt. Gespannt beobachtet der Seemann, wie die Wirtin wohl ferner mit dem thorwalschen Dialekte zurandekommen mag.

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Verwirrung zuckt kurz über das Gesicht der Wirtsfrau. Dann dämmert verlangsamt Erkenntnis hinterher. "Zwei Biere. Kommen." 'Ich habe schon Thorwaler hier gehabt, die besseres Horati gesprochen haben', zuckt es durch Siona, dann antworten die Achseln.

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"Das wohl", bestätigt der Thorwaler freundlich der zuckenden Bedienung. Er freut sich immer wieder über die Reaktionen auf seinen erlernten Dialekt.

OHH

Schmunzelnd verfolgt der Kapitän dieses possierliche Zusammenspiel und den Abzug der Wirtin. Letzterer weitet seinen Blick in den Schankraum, in welchem inzwischen doch allerlei Umhergelaufe stattfindet, obgleich es gar nicht so voll ist. Geschäftiges Personal, suchende Gäste - nicht gerade mit dem Trubel im Südkap zu vergleichen, aber auch schön anzuschauen auf seine Weise.

Dann jedoch wirkt alles wie durch ein Fingerschnippen ruhiger und doch unharmonischer. Liegt es an dem jungen Praioten, welcher zu dem noch jüngeren Burschen hinkniet wie zu einem weinenden Kinde? Doch ein paar Wortfetzen genügen bereits, dem Brabaker Aufschluss zu geben. In seiner Heimat ist die Sklaverei verhasst, aber das schützt ja nicht davor, selbst mal in solche zu geraten. Oh ja, er kennt diesen Zustand, mag er auch nicht lange gewährt haben! Zudem aber hält er das Los eines Haussklaven in aller Regel für erträglicher als das eines Feldarbeiters. Kommt natürich immer auch auf die Herrschaft an.
Aber dieser Junge hier scheint sein Schicksal ganz verinnerlicht zu haben, wenn er sich selbst hier im Norden darin ergibt. Einen solchen befreit man nicht allein mit Wort oder Geste. Um einen Willen zur Freiheit entwickeln zu können, muss man erst einmal eine Ahnung davon haben, was da eigentlich ist. Dazu jedoch sind auch andere Landratten oft nicht imstande, auch in Brabak nicht.
Wie auch immer - dies ist nicht Kvalors Bier. Apropos! Er schaut wieder zum Tresen.

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OHH

Wird fortgesetzt...


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Redaktion und Lektorat: OHH 2017