Autoren: Günter Hölscher, Oliver H. Herde und andere

OHH

Eine ganze Weile bleibt der Elf ungerührt; einzig seine Augen bewegen sich geringfügig, wenn draußen die Bewegung eines Vogels oder die sonstige Fixierung eines neuen Zieles dies hervorrufen - und natürlich zu gelegentlichem Blinzeln. Ansonsten können die sanften buchstäblichen wie sinnbildlichen Luftzüge im Schankraum die meditativ baumhafte Reglosigkeit kaum stören.
Erst, als er eine gewisse Gestalt sich im Blickwinkel nähern bemerkt, lenkt Feledrion sein Augenmerk wieder in das Gemach herein und lächelnd auf jenen Tischgefährten.

GH

"So, da bin ich wieder." Eigentlich ist diese Ankündigung gänzlich unnötig, denn ohne Frage hat der Elf mit seinen feinen Sinnen ihn ohnehin die ganze Zeit wahrgenommen. Aber die Höflichkeit hilft Herrn Tellicherri, seine Gesichtszüge wieder zu glätten. Und es gibt ja ohnehin keinen Grund für Ärger. Er hat alle Zeit der Welt an diesem Morgen. Und sind Ordnung und Abenteuer nicht ohnehin Widersprüche?
Er setzt sich geruhsam, legt das tuchumhüllte kleine Paket und den Holzlöffel vor sich. "Solltest du Besteck brauchen, wähl aus." Mit der Rechten weist er auf Bündel und Holzgerät.

OHH

Ob der kleine Mensch wohl mit etwas nicht recht zufrieden ist? Dann bemüht er sich allerdings, sich nichts davon anmerken zu lassen. Dieses Bestreben akzeptierend, beschäftigt sich Feledrion nicht weiter damit, sondern blickt einstweilen auf das Dargebotene. Noch scheint es etwas verfrüht dafür, da es noch gar nichts zu verspeisen gibt. Eine Erwiderung kann jedoch nie schaden: "Danke."

GH

Der kleine Mensch hat keinen Grund, mit irgend etwas unzufrieden zu sein, wird ihm je mehr klarer, desto länger er wieder sitzt und sich einfach dem Morgen hingeben kann. Natürlich, wenn etwas Altes stirbt, wie sein vorheriges Leben mit seiner Ordnung, dann macht das auch wehmütig oder tut sogar weh. Aber das muss ja so sein. Eingezwängt sein im Alten und nicht wachsen zu dürfen, wäre weitaus schlimmer. Herr Tellicherri nickt, in sich hineinlächelnd.
"Bitte sehr", antwortet er seinem Gegenüber. "Vom Frühstück noch nichts in Sicht?"

OHH

Eine sich zunehmend aufhellende Miene - gut. Auf die Frage hin wendet Feledrion sein Augenmerk Richtung Tresen, dann zum Nachbartische. "Vielleicht doch."

GH

"Es gibt also Hoffnung", lächelt der beleibte Herr. "Das ist gut. Damit übersteht man das Meiste."

OHH

Feledrion schmunzelt still bei diesen Worten, welche wohl eine gewiss nicht ernst gemeinte Dramatik zu vermitteln suchen.

GH

Der Wirt ist am Nachbartisch, von den weiteren dienstbaren Geistern dieses gastlichen Hauses kann Herr Tellicherri niemanden entdecken. Doch wird es gewiss nicht mehr allzu lange dauern. Da er gerade ohnehin ans Essen denkt, kann er auch gleich sein elfisches Gegenüber fragen: "Womit bestreitest du im Alltag eigentlich deinen Lebensunterhalt? Übst du einen Beruf aus?"

OHH

Ein Elf, der nach menschlichen Maßstäben einen Beruf bekleidet! Ein besonders belustigtes Schmunzeln breitet sich auf Feledrions schmalem Antlitz aus. Dabei entgeht ihm auch nicht jenes amüsante Detail: 'Im Alltag' mag zugleich 'Wenn du nicht eingeladen wirst' bedeuten.
"Die Welt gibt mir überall, was ich benötige", setzt er an, doch führt er weiter aus, um nicht im vorigen Sinne missverstanden zu werden: "Überall wachsen Früchte, gibt es jagdbares Wild." Natürlich gibt es knappere Zeiten, aber Klugheit hilft.

GH

Der rundliche Mann nickt. Der Elf verfügt offensichtlich über mehr Freiheiten, als ein Landstreicher oder ein Bauer, welche mit Repressalien zu rechnen haben, wenn sie sich auf eigene Hand das nehmen, was die Welt ihnen gibt, und von dem die Frucht- und Wildbesitzer doch meinen, es sei ihres. Man darf sich eben nicht erwischen lassen.
Herr Tellicherri legt das Kinn auf die Brust und überlegt. Eigentlich kann er Feledrion nur recht geben. Denn die Welt ist großzügig genug für alle. Aber andererseits gibt es diejenigen, die nicht genug zu haben meinen mit dem bloß Benötigten. Es ist gut, dass es Übereinkünfte gibt, die solcher Gier die Schranken setzen. Aber ungerecht, wenn dann diese Übereinkünfte und Gesetze diejenigen strafen, die der Hunger treibt. Und diejenigen schützen, die ihren Überfluss weder verbrauchen können, noch ihn teilen wollen. "Hmm..." meint er schließlich, den Kopf wieder hebend. "Bist du nie in Konflikt geraten mit denen, die meinen, dass Obst oder Wild ihnen gehören?"

OHH

"Gewiss", schmunzelt der Elf ruhig. "Solche gibt es in den Landen der Menschen bisweilen recht zahlreich. Doch sie selbst haben sich Grenzen gesetzt mittels ihrer eigenen Regeln, welche den Elfen manches Recht einräumen, das sie ihren eigenen Leuten nicht gestatten - wohl, weil sie gelernt haben, dass die anderen Konsequenzen die schlimmeren sein könnten."
Tritt zum Schlusse seiner Rede nicht ein gewisser Funken in seinen Blick? Doch sollte dies so sein, ist er bereits im nächsten Moment verglüht, ohne die Freundlichkeit Feledrions zu trüben.

GH

Regeln, die den auf ihre Weise Wehrhaften mehr zugestehen, als den Wehrlosen. Herr Tellicherri runzelt kaum sichtbar die Stirne. Es hat ihn manchen Kampf mit Worten, Willen, Geduld und Zähigkeit mit seinen Dienstoberen gekostet, darauf hin zu wirken, dass in Zeiten, die für die Nordmeer-Compagnie mit größeren Risiken belastet waren, Schiffsjungen und Leichtmatrosen ihre ausbedungene Heuer mit gleichem Fug erhielten, wie Kapitäne und Steuerleute. So lange es einem selbst gut geht - ist es da nicht eine innere Pflicht, sich an ein gleiches Recht für alle zu halten?
Diese Gedanken lässt der ehemalige Buchhalter kommen und wieder gehen. Sein Angesicht glättet sich. Denn er will hören und nicht vorschnell urteilen. "Was zum Beispiel könnten die schlimmeren Konsequenzen sein?" fragt er Feldrion.

OHH

Aufmerksamen Blickes hat Feledrion hinter dem Antlitz seines Gegenübers ein Missbehagen entdeckt, und es gibt die eine oder andere Idee in ihm, woher jenes kommen mag. Entsprechendes berücksichtigend muss die Antwort ausfallen.
Nach einem verlangsamten Blinzeln erwidert er: "Im Extremfall ein Krieg zwischen den Völkern. Mit den Zwergen gibt es ähnliche Regelungen bei den Menschen - solche, die wiederum auf jene zugepasst sind. Wenigstens in Bezug auf sie und uns haben die menschlichen Herrscher über die Jahrtausende gelernt, dass sich alle drei bei aller äußeren Ähnlichkeit sehr voneinander unterscheiden. Man kann vom Hasen nicht verlangen, er möge sich wie ein Eichhörnchen verhalten. Und - um auf deine Anfangsfrage zurückzukommen: Viele Arten kennen eine Revieraufteilung, aber sie behaupten sie gewöhnlich nur gegenüber ihresgleichen."

GH

Der kleine Herr nickt. Das selbe ist ihm aus der Seefahrt vertraut. Wenn auch nur vom sicheren und niemals schwankenden Platz eines Schreibtisches aus. Durchfahrts-, Anlandungs- und Umschlagsrechte können den Schiffen der einen Partei gewährt und denen einer anderen verweigert werden. Innerlich seufzt er.
"Es ist wohl diese Unterschiedlichkeit zwischen Hasen und Eichhörnchen, die ein gleiches Recht und Frieden für alle in dieser Welt erschweren. Eichhörnchen und Elstern, Füchse und Hasen werden sicher nie in dauerhafter Freundschaft leben. Doch sollte man von uns sich selbst erkennenden Wesen nicht erwarten können, dass uns unsere Vernunft über unsere Unterschiedlichkeit hinweg verbindet? Und dass sie die von dir genannten Konflikte unnötig macht?"

OHH

Diesmal ist es ein eher mitleidiges Schmunzeln, welches Feledrion seinem Gastgeber schenkt. "Wer entscheidet, wessen Vernunft genügt und welche die jeweils ausschlaggebende ist? Natürlich gibt es viele Verbindungen zwischen den zweibeinigen sprechenden Arten. Aber nehmen wir die Menschen als Beispiel. Sind sie nicht ebenfalls unterschiedlich zueinander? Gibt es nicht verschiedene Völker und Königreiche? Und gliedern sich diese nicht wieder in Städte und Siedlungen auf? Und streitet sich im Dorf nicht der Schultheiß mit dem Bauern und die Frau mit dem Manne und die Kinder untereinander?
Es liegt an jedem Einzelnen, als wie wichtig und unverzichtbar er seine Bedürfnisse erachtet - und ob er mehr sein Eigen nennen will, als er jemals verwenden kann."

GH

"Genau da bin ich mit dir einer Meinung", pflichtet der sonst gemütliche Mann seinem Gegenüber mit einer gewissen Leidenschaft bei, die im leichten Erheben seiner Hände sichtbar wird. "Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Damit fängt es an. Wie du es im Beispiel nennst - allzu oft benehmen wir uns Unseresgleichen gegenüber wie streitende Kinder. Wie sollten wir da gegenüber anderen Völkern, wie dem deinen, Frieden und Freundschaft halten können? Über die Verhältnisse zwischen Elfen, Zwergen und Menschen weiß ich leider im Allgemeinen viel zu wenig, um mir darüber ein Urteil anmaßen zu können. Aber..." Herrn Tellicheris Handflächen senken sich auf die Tischplatte mit einem Geräusch, das ihn in seiner Lautstärke für einen Lidschlag selbst erschreckt.
"Verzeih, die Heftigkeit", fährt er angefasst und gedämpft fort, wobei er den Elfen ein wenig fassungslos anblickt, "aber es bekümmert mich zutiefst, wie sich schon im alltäglichen Zusammenleben unter uns Menschen immer wieder diese Urkräfte von Zorn und Gier und Durchsetzungswillen, Gewalt in Worten oder Taten auswirken. Ganz wie du sagst. Und manchmal stelle ich mir die Frage, ob Vernunft, Friedenswille und Verwöhnungsbereitschaft im Widerstreit mit diesen zerstörenden Mächten überhaupt eine Möglichkeit haben, dauerhaft zu bestehen. Wenn es schon Einzelnen immer wieder schwer fällt, ihre Bedürfnisse im Zaum zu halten."

OHH

Ein nunmehr beruhigendes Schmunzeln breitet sich aus. "So du furcht um deine Art hast, musst du dich nicht sorgen. Sie besteht schon lange genug, um solche Bedenken zu zerstreuen." Für einen Moment überlegt Feledrion, ob die Zahl der Generationen mit Elfen und Zwergen wohl vergleichbar wäre.
"Zudem", verwirft er diesen Gedanken ob seiner momentanen Unlösbarkeit, gibt es andere, welchen es ähnlich geht, da sie in diesem Punkte Ähnlichkeiten haben - und wohl mehr als dies." Gewiss wird der kleine Mensch davon gehört haben; man muss es ihm nicht unter die Nase reiben.

GH

"Ich habe keine Furcht um meine Art", verwirft der Silberlockige die Vermutung des Elfen. "Mein Haar ist grau, und ob ich das Ende fürchte, spielt bei dem guten Leben, das ich gehabt habe, wohl keine Rolle."
Mit einem Mal liegt Müdigkeit in seiner Stimme. "Nachkommen hinterlasse ich keine, um deren Zukunft ich mich sorgen müsste. Dass die Menschheit sich selber das Ende bereitet, glaube ich nicht. Das hat sie in ihrer langen und oft traurigen Geschichte nicht vermocht. Vielleicht ist das ein Zeichen dafür, dass es eine höhere Gnade geben mag. Doch was hilft das oder kann trösten, wenn wir selbst nicht weiterkommen und reifer werden? Das ist es, was mich grämt - und der unnötige Tod vieler, die ihn aufgrund menschlicher Maßlosigkeit in jüngeren Jahren als meinen sehen müssen."

OHH

Im Grunde wiederholt der Mensch Feledrions Aussagen, von seiner Anspielung auf überderische Mächte einmal abgesehen. Daher nickt der Elf lediglich.
Interessanter ist die persönliche Aussage dabei. Auch er hat keine Kinder. Aber anders als bei dem Elfen ist bei ihm wohl auch nicht mehr damit zu rechnen. Verständlich, wenn ihn dies bedrückt. Faszinierend, dass dieses Thema nach so kurzer Zeit bereits wieder durch jemanden an diesen Tisch gebracht wird.
Gewiss möchte er irgendeine Form der Fortsetzung. "Bist du der Ansicht, es müsse etwas geben, was dies für die Zukunft ändern kann?"

GH

OHH

Wird fortgesetzt...


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Redaktion und Lektorat: OHH 2019