Von Tropfen und Flammen

von Antje Steinborn

Der Elf brauchte jetzt nicht ruhen, sondern war wach und neugierig, wie es oftmals die Eigenart dieses spitzohrigen Volkes ist.
Aufmerksam und amüsiert hatte er die umhereilenden und aufbrechenden Menschen betrachtet, doch eine Menschin hatte er dabei vermisst: Die junge Braunhaarige, die glaubte, mit ihrem Mandra nicht so recht zu Rande zu kommen. Als dann nur mehr der Wirt zu sehen war, stand Feledrion auf und begab sich in die Küche; hierhin war Tanit verschwunden.
Doch niemand anders als die Wirtin war anwesend, und diese gerade damit beschäftigt, erhitztes Gemüse mit allerlei Pülverchen zu beschmutzen. Fansziniert stellte er sich hinter sie und versuchte, ein System zu erkennen, doch der Frau schien das nicht zu gefallen. Sie schob ihn mit eilig gemurmelten Worten zur Hintertür hinaus.
Feledrion nahm die Gelegenheit wahr und einen ersten Bissen von einem Apfel, diesen weiter verspeisend machte er einen weiten Bogen um den Eber.
Im Stall hörte er emsiges Kehren, Scharren und Fluchen; der Junge war dort bei der Arbeit, und er war nicht so vorsichtig oder gar geschickt, wie er es ob seines Fußes sein sollte. Immerhin, der Bengel mühte sich.
Tesden war gerade dabei, im Schankraum die Reste und Spuren des Frühstücks zu beseitigen, als Feledrion den Eber von der Straße aus betrat und auch im Schankraum ein wenig umhergeschoben wurde, da er mit unglaublichem Geschick immer dorthin auswich, wohin der Wirt gerade wollte.
Als sich Feledrion einmal direkt vor der Treppe wiederfand, beschloss er, dem Obergeschoss des Ebers einen Besuch abzustatten und folgte dem Flur zunächst bis in den Schlafsaal, wo er sich auf ein Bett legte.
Tesden nahm sich nach dem Schankraum die Zimmer im Obergeschoss vor und musste dabei den Elf wieder einmal von seinem Platz verscheuchen.

* * *

Tja, was sonst geschah im Eber an jenem warmen Sommertag im Rondra 2511 Horas? Wenn bisweilen Gespräche verstummen, so wird als Ausweichsthema immer wieder gerne über das Wetter geplaudert. In diesem Falle war das Wetter einmal wahrlich interessant, auch wenn sich im Eber keiner dafür interessieren mochte, noch nicht.
Nach dem schönen Sonnenaufgang hatte man gemeinhin mit einem sonnigen, gar heißen Tag gerechnet, einer, wie es ihn in den letzten Wochen häufiger gegeben hatte, in der Tat gar zu häufig. Ein Tag, an dem man nichts tun mochte, außer vielleicht, ihn in kühlen Kellern oder feuchtem Nass zu verbringen, was man sich jedoch in den allermeisten Fällen nicht leisten konnte, und so ertrug man gemeinhin das Los, das man mit der ganzen Bevölkerung des Landstriches teilte und wünschte, gar ersehnte sich angenehmere, weniger heiße Tage.
Der Tag, der angebrochen war, schien, wenn man genauer gen Horizont blicken könnte und würde, ein solcher Tag zu werden, an dem es eben nicht so heiß war. Wolken machte man dort aus, nicht so tiefschwarz und rasend, wie sie das Gewitter am Vortag mitgebracht hatte, sondern weißgrau, langsam und träge, dabei aber hartnäckig sich ausweitend.
Am Mittag hatten die Regenwolken Solstono erreicht. Sie brachten kein stürmisches Wüten, kein hartes Prasseln mit sich, sondern nur leichten, sanften Nieselregen, der fröhlich auf Blattwerk, Wegen, Dächern und Kapuzen tanzte. Die ersten Tropfen waren gar angenehm auf der Haut eines Wanderers, doch diesen folgten weitere, und immer mehr, ein rechtes Familientreffen schienen die Tropfen auf Sumus Leib aufführen zu wollen, und sie waren ausdauernde Gäste bei diesem Fest, wenn man es denn so sagen mag. Stundenglas um Stundenglas führten sie den ihnen eigenen Reigen auf, und gegen Nachmittag begannen sie, den ersten Wanderern unangenehm zu werden.

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Redaktion und Lektorat: OHH