Morgenstunde hat Rätsel im Munde

von Oliver H. Herde, Oliver Hohlstein und anderen

AMi

Eine ruhige, milde Sommernacht im Rondra 2511 Horas findet ihr Ende, doch ist dies Ende keinesfalls überall so ruhig und mild, wie die Nacht es versprochen hatte.
Am östlichen Horizont, hinter den weit, weit entfernten Bergen, beginnt Praios' Antlitz sich zu erheben, leuchtend in der Farbe frischer Arangen. Hell und gleißend sind die Strahlen bereits, die er über das Land sendet, so hell, dass der im nächtlichen Widerhall tiefblau schimmernde Himmel gen Osten fast farblos wirkt, während er über dem Meer der Sieben Winde immer noch in tiefem, tintigem Schwarzblau sich zeichnet.
Langsam und allmählich weicht das Dunkel dem Licht, greifen Helligkeit und Farbe über auf die Schwärze und die Schatten, und zeigen so an, dass Phexens Stunde gegangen ist, dass die des Herren Praios folgen werden.
Doch - ob Satinav blinzelt, ob Boron zwinkert - nicht überall geht dieses Erwecken mit der göttergefälligen Zeit und Muße vonstatten.
Lenken wir unseren Blick auf ein kleines, uns wohlbekanntes Gasthaus an der Straße zwischen Pertakis und Bethana! Ein Tulamide hat dort einer jungen Phexischen nicht nur Schlaf und Unschuld geraubt, sondern versuchte noch dazu, sich am Eigentum eines außerhorasischen Adelsmannes zu vergreifen, erfolgreich, wie wir sehen konnten, doch nicht völlig unbemerkt. Den überforderten Knecht hat es bei der Stellung des Diebes sprichwörtlich aus den Schuhen gehauen, die anderen Zeugen der Tat, allesamt vierbeinige Behufte, tun ob der Ruhestörung ihren Unmut kund, indem sie genau das gleiche tun: Ruhe stören. Und so poltert und klappert und wiehert es im Stall des Grünen Ebers, dass von besinnlicher, ruhiger Morgenstunde nicht im Geringsten die Rede sein kann.

OHH

Die Traumgestalt zerplatzt, Feledrion reißt die Lider empor. Sofort hellwach richtet er sich auf. Eine Gestalt huscht von dannen. Offenbar hat jemand die Pferde im Stall erschreckt. Schmerzerfüllt klingen ihre Laute zumindest nicht.
Kopfschüttelnd reckt der Elf die Glieder und schaut dabei in die Krone des Baumes hinauf, als erwarte er von dort tröstende Worte.
Der Wirt stürzt heraus an den Brunnen und verschwindet wieder. Im Hause wird es immer unruhiger.
Dessen ungeachtet taucht die junge Elfmenschin mit einem anderen Gast auf, um sich am Brunnen zu waschen. Der Lärm scheint sie nicht zu stören. Fast könnte man meinen, sie haben ihn nicht einmal bemerkt. Naja, Menschen eben...
Wieder schaut Feledrion empor. Hie und da lockt noch eine späte Kirsche zum Frühstück. Doch erst einmal reckt sich der Elf ausgiebig, wobei er sich aufmerksam umschaut, ob nicht vielleicht doch irgendeine Gefahr droht.
Dem scheint nicht so zu sein, auch wenn es am Hause immer unruhiger wird. Vielleicht sollte er doch einmal nachsehen, aber zuvor muss er sich mit jenem befassen, was er im Schlafe sah.
Zur besseren Konzentration kauert sich Feledrion etwas zusammen, blickt zwischen seinen umgriffenen Knien hindurch auf das Gras. Doch die vielen Stimmen vom Stall her beirren ihn. So erkennt er lediglich, er muss wiederum etwas Wichtiges übersehen haben. Der Brunnen und die Tänzerin müssen den Schlüssel hierzu bieten.
Da das Gelärm jedoch nicht verstummen will, gibt Feledrion es einstweilen auf. Die Lösung wird ihn schon irgendwann anspringen, wenn er es am wenigsten vermutet.
Nach einem Rundblick durch den Garten pflückt er hie und da eine Frucht, mit deren Verzehr er sogleich beginnt, und bewegt sich dann langsam und argwöhnisch Richtung Hof. Er geht nicht davon aus, im Stall gebraucht zu werden, doch hält er es für besser, sich dessen kurz zu vergewissern.
Unauffällig, wie es seine Art ist, schlendert Feledrion zwischen Stall und Unterstand vorbei. Was immer hier vorgefallen ist, es ist vorüber. Die Aufregung der Menschen wird sich gewiss bald legen.
Der Unterstand scheint leer. Sieht so aus, als wären Al'Hamar und seine ungestüme rothaarige Freundin abgereist. Das bedeutet zwei Sorgen weniger für den Elfen. So bleibt neben dem Geheimnis des Ebers nur noch Tanit, die seine Gedanken beschäftigt.
Gerade will er um die Ecke biegen, um ins Haus zurückzukehren, da bemerkt er in der Peripherie einen scheinbar Verletzten unter den Menschen. Hat er die Situation unterschätzt? Gab es einen Überfall?
Feledrion bleibt stehen, um doch noch einmal genauer zu beobachten, was hier geschieht. Mag sein, man benötigt ihn. Und es mag auch sein, dass er etwas Wichtiges gesehen hat: Jenen Mann, der vorhin mit einem schweren Schilde beladen das Weite suchte. Feledrion hatte ihn seiner Last wegen nicht erkennen können. Rätselnd blickt er zum Waldstück hinüber, in dem die Gestalt verschwand.
Letzlich geht Feledrion all dies ja nichts an. Mit dem, was er sucht, hat es gewiss nichts zu tun. Gerade will er sich abwenden, da vernimmt er zum ersten Male bewußt ein Stöhnen vom Brunnen her. Also ist doch jemand verletzt worden!
Wider besseren Wissens, sich nicht immer in alle Belange der Menschen einzumischen, geht er den schmerzvollen Lauten nach und stellt sich schweigend zu den Leuten, um nunächst die Lage zu erfassen.
Der Knecht jammert zwar, was er kann, aber als richtig verletzt würde ihn Feledrion nicht bezeichnen. Nein, hier geschieht nichts, das den Elfen interessieren müßte.
So wendet er sich ab, und begibt sich die letzten Früchte seines Gartenbeute verspeisend endlich zurück zum Grünen Eber.
Während er noch die Front des Hauses entlangschlendert, öffnet sich die Tür und eine kleine Staubwolke quillt hervor. Ihr folgt der korpulente Wirt, der etwas herauswirft und wieder verschwindet.
Näher am Eingang angelangt, entdeckt Feledrion seine staubigen Schuhe an jener Stelle liegend. Ein breites Schmunzeln verteilt sich über sein Gesicht.
Die Schuhe liegen lassend, tritt er ein und schaut sich um.
Fast als erste erblickt er Tanit am Tresen stehend, doch in ihrer Nähe hält sich jener Rauschkrautsüchtige auf, dem er lieber nicht noch einmal zu nahe kommen möchte. Im Schankraum mischen sich ohnehin viel zu viele Gerüche, welche teils noch von den letzten Tagen stammen.
Wie gestern sitzt Straston allein am alten Platze. Der ist Feledrion noch eine Antwort schuldig! An sich hätte der Elf es nicht eilig, doch erfahrungsgemäß reisen die Menschen nach dem Frühstück ab, also setzt sich Feledrion wiederum Straston gegenüber. "Nun?" fragt er.

OHo

Straston schaut den Elfen leicht verwirrt an, der sich so unvermittelt an seinen Tisch gesetzt hat. "Ja?"

OHH

Milde lächelnd schüttelt Feledrion den Kopf, doch das Schütteln wandelt sich mehr und mehr in ein Nicken. Ja, genau dies hat er erwartet!
"Hast du nun genügend Leuten deine Rätselfrage gestellt?" fragt er in einer fast ironisch wirkenden Freundlichkeit und faltet aufmerksam die Hände auf dem Tisch.

OHo

"Ach so..." meint Straston, nun wieder lächelnd, als er sich an die gestrige Unterhaltung mit dem Elfen erinnert. "Nein, aber ich dachte, Ihr hättet inzwischen die Lösung gefunden..."

OHH

Die linke Augenbraue des Elfen steigt kritisch empor. "Durchaus nicht. Sagte ich nicht, ich gebe auf? Es wäre wenig konsequent, es dann doch noch zu versuchen - und vermutlich auch wenig erfolgversprechend.
Aber gut, ich werde mich gedulden, bis du so viele gefragt hast, wie dir beliebt." Damit lehnt er sich zurück; die gefalteten Hände rutschen wie von allein auf seinen Bauch. Feledrion scheint genau hier warten zu wollen.

OHo

"Nun, ehrlich gesagt halte ich es für wenig sinnvoll, noch irgend jemanden zu fragen. Die Antwort ist 'verschieden'!"

OHH

Ungläubig glotzt der Elf Straston mit aufgerissenen Augen an. Schhon der erste intuitive Eindruck der Antwort gibt ihm Gewissheit, dass es sich tatsächlich um eine zulässige Antwort handelt, an die er ehrlich gesagt nicht mehr geglaubt hatte.
Im Geiste lässt er sich die Verse noch einmal durch den Kopf gehen und will sich schon mit der Hand gegen die Stirn schlagen, da hält er inne. "Moment! 'Die sind's, die wir zu Grabe bringen...' Das ist ja doch ein Wortspiel!" Er schüttelt den Kopf, versucht sich daran zu erinnern, wie er darauf kam, ein solches sei ausgeschlossen, doch findet er eigentlich keinen rechten Anhaltspunkt. Schließlich schlägt er sich die Hand doch noch gegen die Stirne.

OHo

Straston ist leicht amüsiert durch Feledrions Verhalten. "Ja, in der Tat, es ist zu einem gewissen Grad ein Wortspiel..."

OHH

"Gewisser Grad?" fragt Feledrion, die Brauen hochgezogen, doch dann winkt er ab. "Nun, ich will mich nicht streiten..."
Kopfschüttelnd greift er wieder in die Tasche, um sich mit seinen Kastanien zu beruhigen.

OHo

"Streiten kann unter Umständen sehr nützlich sein", entgegnet Straston. "Denn Streit zeigt schließlich auf, dass über einen bestimmten Sachverhalt Uneinigkeit besteht. Und das widerum ist ein Indikator dafür, dass jener Sachverhalt noch unzureichend geklärt ist und deshalb einer genaueren Definition bedarf. Aber Ihr habt vermutlich recht, dass es in manchen Fällen nicht die Mühe wert ist."
Straston wirft einen kurzen Blick zur Theke. "Zumal ich ohnehin nicht mehr lange bleiben wollte. Ich warte eigentlich nur noch auf mein Frühstück und meinen Begleiter."

OHH

Zu Strastons Worten nickt der Elf. Dann meint er: "So wünsche ich dir einen angenehmen Weg, viel Spaß und viel Erkenntnis."
Er dreht sich mit dem Stuhl ein wenig, dass auch er gut die Theke und den Rest des Raumes einsehen kann, und lehnt sich dann zurück, das Treiben zu beobachten, während sich die Kastanien stetig weiterdrehen.

CJ

Alriks zerknitterte Lederhose ist genauso wie das weiße Hemd mit Wasserflecken benäßt. Die feuchten Haare sind nach hinten zurückgestrichen. Als er sich dem Tisch Strastons nähert, hört man von ihm nur den Klang seiner schweren Reiterstifel auf dem Schankraumboden.
Misstrauisch beäugt er den Elfen, der sich dazugesetzt hat.

OHH

Eher unbeteiligt, jedoch nicht unfreundlich erwidert Feledrion den Blick des Kriegers. Er ist jenen Ausdruck der Menschen seit Jahren gewohnt. Und sicher ist der Mann nicht wegen des Elfen an den Tisch getreten, sondern um Straston abzuholen.

OHo

"Nun denn, es scheint, Ihr habt die Reinigung Eures Körpers abgeschlossen", begrüßt Straston den Hinzutretenden. "Ich werde selbiges erledigen, sobald wir in Bethana ankommen. Wenn wir gefrühstückt haben, können wir auch gleich losgehen, wenn Ihr einverstanden seid."

CJ

"Natürlich. Ich würde nur gerne noch das Zimmer räumen, aber das versteht sich ja von selbst. Wobei..." Suchend blickt er sich um. "Frühstück wurde ja noch nicht gereicht. Vielleicht packe ich jetzt lieber, so dass wir dann direkt abreisen können... Ja, so werde ich es machen." So macht sich Alrik also auf, sein Zimmer ordentlich zu hinterlassen.
Als er zurückkehrt, läßt er an der Theke zwei Brettchen mit Brot und Aufschnitt mitgehen. Das eine plaziert er vor dem Geweihten, das andere vor sich selbst. Dann läßt er die Packtaschen neben sich auf dem Boden plumpsen und legt die Waffen darauf.
"Herr... Elf, ich wußte jetzt nicht, ob Sie Wurst und Brot... oder überhaupt etwas essen... wollten, deshalb habe ich... um Sie nicht zu... beleidigen, erstmal gar nichts mitgebracht... ich kann aber noch eben schnell..." Fragend blickt er Feledrion an.

OHH

Überrascht, von dem erst so mißtrauisch blickenden Menschen plötzlich in dieser freundlichen Weise bedacht zu werden, richtet sich Feledrion etwas auf, wobei die Kastanien ihr Kreisen einstweilen einstellen. "Nun, ich esse wohl alles, was auch Menschen essen, vermutlich mehr, wie die Erfahrung mich lehrte. Allerdings lehrte sie mich auch, dass Menschen und ganz besonders Wirte Geld für ihre Gaben zu bekommen suchen, und damit kann ich leider nicht dienen. Aber die Natur stellt ja ein reichhaltiges Angebot."
Damit lehnt er sich wieder zurück und beobachtet Tanit, wie sie in der Küche verschwindet. Sie scheint hier gut bekannt zu sein, wie sie der Wirt ansieht.

CJ

'Du hast einen Elfen angesprochen, du hast es getan.' Die Gedanken kreisen in seinem Kopf. Schneller und schneller. 'Und er hat dich nicht verhext - oder hat er doch, und Du hast es nur nicht bemerkt?'
"Na dann guten Appetit, Euer Gnaden", meint er zu Straston bevor er sich über sein Frühstück hermacht.

OHo

"Ah, ja... danke..." meint Straston ob der ihm dargebotenen Köstlichkeiten. "Auch Euch einen gesegneten Appetit..."
Dann meint er zu dem Elfen: "Nehmt ruhig etwas von mir, wenn Ihr hungrig seid. Ich werde vermutlich ohnehin nicht alles aufessen."

OHH

"Hungrig wäre das falsche Wort", erwidert Feledrion. Doch wenn Straston sowieso nicht alles möchte und es ihm anbietet...
Er beugt sich vor, nimmt eine Scheibe Käse und stopft sie genüsslich in den Mund.
Kauend betrachtet voll Faszination und Belustigung die umherhetzenden Menschen. Die werden es wohl nie lernen! Aber andererseits ist ihr Leben ja auch allzu kurz.

CJ

Genüsslich zerkaut Alrik den letzten Bissen seiner Brote und wartet dann darauf, bis der Geweihte zu Ende gespeist hat.

OHo

"Nun, wo alle das Gasthaus verlassen", meint Straston, "wird es auch für uns Zeit!" Er blickt zu Alrik und dieser nickt ihm zu. Beide verabschieden sich kurz von Feledrion, bezahlen beim Wirt und begeben sich hinaus.

AMö

In'Saaria nickt Tesden und den anderen am Tresen grüßend zu und geht zur Tür. Als ihr Blick auf den speisenden Feledrion fällt, hält sie kurz inne und führt grüßend die rechte Hand an Brust, Lippen und Stirn.

OHH

Wie es scheint, will sich In'Saaria verabschieden. Eilig wirft Feledrion die Kastanien auf die Tasche und springt auf, um der Novadi seine guten Wünsche mit auf den Weg zu geben: "Du reist ab? So lass mich dir nur noch für unsere faszinierende Begegnung danken! Mögest du auf allen deinen Wegen reichhaltig mit Freude und Erkenntnis ausgestattet sein!" Er legt den Kopf schräg und endet lächelnd: "Bis zu unserem nächsten Treffen - im Traume oder in dieser Welt!"

AMö

"Mögest auch du interessanten Zeiten entgegen gehen. Auf ein Wiedersehen, Freund Feledrion, im Traum oder in dieser Welt." Ein letzter Gruß und die Novadi verlässt den Gastraum, gefolgt von einer sichtlich zufriedenen und in Aufbruchstimmung befindlichen Halil'aikaa.

OHH

Melancholie erfasst Feledrion, während er In'Saaria nachblickt. Oh ja, er ist sich sicher, höchst interessante Zeiten vor sich zu haben! gewiss wird sich noch manches Wundersame ereignen, bevor er wieder zu seinem eigentlichen Ziel, dem Regenwald im Mittag der Kontinentes, aufbrechen kann. Dieses Haus mit seinen faszinierenden Besuchern wird ihn noch einige Stunden in seinem Banne festhalten, bis er sein Rätsel entschlüsselt hat.
Er reißt sich los von seinen Gedanken, begibt sich wieder an den Tisch in der Ecke, von wo aus er erneut die hinforthastenden Menschen beobachtet. Er ahnt noch nicht, dass jene, die er erwartet, nicht mehr kommen wird...

Weiter geht es am Nachmittag.


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Redaktion und Lektorat: OHH