Elfisches zur Guten Nacht

Autor: Oliver H. Herde

Nachdem In'Saaria den Schankraum über die Treppe verlassen hat, suchen sich Feledrions Augen ein neues Ziel: Tanit. Sie scheint in den Händen der Köchin gut versorgt und verschwindet mit ihr hinter dem Vorhang.
So wendet sich Feledrion nach einem flüchtigen Rundumblick zur Tür. Hier drinnen hat er für heute nichts mehr verloren, da man wohl schließen möchte.
Vor dem Eingang bleibt er kurz stehen, um erneut in die sternenklare Nacht hinaufzublicken.
Ständiges Türgeklapper stört seine Gedanken, doch erst, als die Köchin einige der Gäste herausdrängt, dreht er sich kurz um, zu schauen, was der Anlass für das Gerenne sei. Kopfschüttelnd entfernt er sich noch einige Schritte.
Hinter ihm wird es langsam ruhiger, und während er noch so zu den Gestirnen emporblickt, breitet sich in ihm ein Gefühl der geistigen Leere aus.
Wollte Feledrion weiter gen Mittag ziehen, so sollte er sofort aufbrechen, die laue Nacht zu nutzen, während der es sich in diesem Lande und zu dieser Jahreszeit so viel angenehmer wandert, als am Tage.
Doch seine Neugier hält ihn ebenso gefangen, wie der Eindruck der Verantwortung einer jungen Frau gegenüber, die sich mit ihrer Seelenkraft allein gelassen fühlt. Mehr noch, seine Intuition beschwört ihn, nicht zu gehen, bemüht sich, ihn auf etwas aufmerksam werden zu lassen, doch zu undeutlich ist ihr Ruf nun, da er vom Hause allzu weit entfernt steht.
Verwundert dreht er sich zum Gebäude hin. Ja, das eigene Mandra wohnt ihm ohne jeden Zweifel inne, und hier mag der Schlüssel zur Erkenntnis liegen.
Aber er wird dieses Rätsel heute nicht mehr lösen, zu sehr verbohrt sich seine Ratio bald hierhin, bald dorthin, unfähig eines Ratschlusses, da ihr noch die letzte entscheidende Information unzugänglich bleibt.
Es ist an der Zeit, sich zu Ruhe zu begeben, um die Ratio sich im Traume mit der Intuition zusammenzufinden und beide einander austauschen zu lassen.
So setzt sich der Elf in Bewegung, steuert den Garten an.
Die Lichtritzen in den Fensterläden des Grünen Ebers verlöschen nach und nach, doch die Sterne und die schmale Sichel des Mondes genügen dem Elfen als Beleuchtung allemal.
Kurz nimmt er noch ein paar der letzten Brombeeren dieses Sommers zu sich, dann legt er sich an einer besonders weichen Stelle im Grase unter einem Kirschbaum nieder, welcher ihm morgen bei Sonnenaufgang Schatten spenden wird.
Alsbald sinkt er in tiefen Schlummer dahin.

Er richtet sich auf.
Wie seltsam! Obwohl er träumt, sitzt er noch immer im Garten in der Nähe des Brunnens. Ist jener das heimliche Zentrum des kleinen Anwesens?
Um den Brunnen herum haben sich sechs, vielleicht sieben Gestalten versammelt. Einige wirken vertraut, andere fremd, einige strahlen starkes Mandra aus, andere nicht. Doch alle sind in Dunkelheit gehüllt, ihre Auren vermischen sich zur Unkenntlichkeit.
Nur eine von ihnen wird deutlicher, heller. Sie tanzt für die anderen, umgeben von magischem Lichte. Ihre Haare wallen rot wie das Feuer der Gefühle in ihr, die Augen strahlen grün wie das Mandra, welches ihr kraftvoll innewohnt. Das Klingen der zierlichen Glöckchen an ihrem Gewande wird zunehmend trauriger. Eine weitere Gestalt wiegt sich zum Tanze, erscheint dem Auge wie die erste, der Seele aber verschieden. Immer schneller wirbeln sie beide einher, die Sinne zu beirren. In wirren Farben vergeht die Szene.
Wieder der Brunnen, noch immer die Nacht. Und erneut treten Geschöpfe aus dem Nichts hervor. Mehr diesmal, wohl doppelt so viele. Einige wirken vertraut, andere fremd, einige strahlen starkes Mandra aus, andere nicht. Sie umringen den Brunnen, schauen hinein. Schemenhafte Gesichter. Da wandeln sie sich zu Bäumen, ein Wald wächst heran. Nur fünf der Menschen treten unverändert hervor, unter ihnen die Tänzerin und In'Saaria.
Auch der Brunnen vergeht, das Antlitz des Kronenhirsches erscheint an seiner Stelle. Mitleidig schaut er Feledrion an. "Was willst du nur schon wieder bei den Menschen?"

Weiter am Morgen.


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Redaktion und Lektorat: OHH